Söhne Mannheims Mit Joint und Gebetbuch

Spiritismus und Gefühle sind gefragt: Mit ihrer peinlich-pompösen Mischung aus Pathos, Leidenschaft und Lokalpatriotismus haben Xavier Naidoo und seine Söhne Mannheims gute Aussichten auf die Spitze der deutschen Charts.
Von Jürgen Ziemer

Vor einem halben Jahr träumte Xavier Naidoo noch von einer neuen Art Führerschein-Prüfung: "Ich rauche vor den Augen des Prüfers einen Joint", erklärte er gut gelaunt einem Reporter, "dann noch einen und noch einen, und anschließend erhalte ich eine Fahrerlaubnis, die es mir gestattet auch unter Cannabis-Einfluss Auto zu fahren." Zu dumm, dass sich Naidoos Verbesserungsvorschlag nicht durchgesetzt hat: Am 28. November wurde Deutschlands erfolgreichster Soulsänger zu 100.000 Mark Geldstrafe und 20 Monaten auf Bewährung verurteilt. Wiederholt war der 29-Jährige beim bekifften Autofahren ohne Führerschein erwischt worden.

Dabei lief für den sendungsbewussten Christen im Moment alles so gut. Vor einem Mannheimer Amtsgericht erwirkte Naidoo, dass er das Debütalbum seiner Band Die Söhne Mannheims in Eigenregie veröffentlichen darf - obwohl er noch bei Moses Pelhams Plattenfirma 3p unter Vertrag ist. "Zion", heißt das Werk der 17-köpfigen Multikulti-Combo, die eigentlich nur eins gemeinsam hat - alle Mitglieder kommen aus Mannheim. Auch die Musik des Pop-Orchesters klingt sonderbar zusammengewürfelt: Da rattern HipHop-Beats, dröhnen Metal-Gitarren, schmeicheln Streicher.

Die professionell ausgebildeten Stimmen der Sänger Xavier Naidoo, Rolf Stahlhofen, Claus Eisenmann, Tino Oechsler und J-Luv schmettern mal alttestamentarische Metaphern, mal romantische Balladen, und über allem schwebt eine gehörige Portion Lokalpatriotismus: "Ich werde dafür sorgen", sagte Naidoo bereits vor einigen Monaten, "dass in Mannheim spätestens in fünf Jahren kein rotzverschmiertes Kind mehr am Straßenrand steht und sagt: Guck mal, der isst ein Eis, und ich stehe hier in meiner kaputten Hose. Wenn ich möchte, dass alle im Wohlstand leben, muss ich erst mal vor der eigenen Tür kehren."

Große Worte, aber solange Mannheim noch nicht das Land ist, wo Milch und Honig fließen, dürfen sich die Söhne zumindest darüber freuen, dass ihr musikalisches Konzept funktioniert - nicht zuletzt dank der Popularität des Echo- und Comet-Preisträgers Xavier Naidoo.: "Geh davon aus...", die erste Single der Söhne Mannheims, erreichte mühelos Platz zwei der deutschen Charts, das zugehörige Album wird mit Sicherheit ebenso erfolgreich. Die Mischung aus Pop und Pathos geht auf, Gefühl und Leidenschaft sind zur Zeit gefragter denn je.

Manchmal gehen Naidoo und seinen Söhnen Mannheims allerdings die Pferde durch: Da bezeichnen sie Mannheim als das neue Jerusalem; den heiligen Berg "Zion" wähnen sie gleich in der Nachbarschaft, bei Heidelberg, am Königstuhl. Aber das Wichtigste von allem: Nach Meinung der Propheten vom Neckar steht uns das Armageddon, das jüngste Gericht, unmittelbar bevor. Also rette sich wer kann.

Das verblüffende an "Zion" ist jedoch: Diese Platte ist manchmal arg pompös, gelegentlich sogar ein wenig peinlich in ihrer Maßlosigkeit. Doch die meisten Lieder sind großartiger, verschwenderischer Pop. Musik voller Leidenschaft und Hingabe mit einem Pathos, dass immer noch besser ist als die schlechte Ironie, die man so oft in den Charts findet. Es heißt, dass Heilige und Narren die Wahrheit sagen - Naidoo jedenfalls ist beides.

Söhne Mannheims: "Zion" (Söhne Mannheims/Universal), veröffentlicht am 27. November 2000

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