Solange Knowles in der Elbphilharmonie Weiße dürfen nicht mitspielen

Das wohl erste Twerken in der Geschichte der Elbphilharmonie - und eine große Feier des Schwarzseins: Solange Knowles erster Auftritt in Hamburg war nicht weniger als ein Weltereignis.

Solange Knowles bei einem Auftritt (Archiv): Ein politisches Statement
imago images

Solange Knowles bei einem Auftritt (Archiv): Ein politisches Statement

Von Juliane Liebert


Am Anfang sieht es kurz aus, als würde die Weltpremiere von Solanges "Witness! Composed and Directed by Solange Knowles" in der Elbphilharmonie doch nicht stattfinden. Ihre komplett in pink gekleideten Musiker - ein Kammerorchester mit vielen Bläsern - haben gerade die Bühne betreten. Sich im Halbkreis aufgestellt, einen Tusch gespielt, und warten nun offenbar darauf, dass es ganz still wird in der Elbphilharmonie.

Wird es aber nicht, denn die Rechnung haben sie ohne die Hamburger gemacht. Nach einer Minute Fast-Stille brüllt einer aus dem Publikum "Zugabe!". Gelächter. Der rosa Halbkreis schweigt irritiert. Stille. Die Hamburger jubeln kurz auf. Der Halbkreis schweigt und wartet. "Lauter!" ruft einer von irgendwoher. Die Bläser lassen ihre Instrumente sinken.

Es wird klar: Hamburg und Solanges Band sitzen das jetzt aus. Ein Teil des Publikums beginnt, Vogelzwitschern nachzuahmen. Der andere Teil des Publikums will dem ersten Teil allmählich gern die Fresse polieren.

Minuten vergehen.

Ästhetischer und musikalischer Hochgenuss

Irgendwann erbarmen sich die Künstler doch der Hamburger Kunstbanausen und legen los. Solange entert mit zwei ebenfalls in Pink gekleideten Sängerinnen die Bühne - und was dann dargeboten wird, ist ein ästhetischer und musikalischer Hochgenuss. Nach einem eklektischen Start schleudern die Sängerinnen nacheinander die Köpfe vor und zurück, dass ihre Haare fliegen. Die Blechbläser jammen, der Kontrabass scheppert. Keyboards trudeln dazwischen, die Tuben begehren auf, plötzlich: Break.

Fotostrecke

7  Bilder
Solange Knowles' neues Album "When I Get Home": Beiläufig und experimentell

Solanges Arrangements ihrer Songs für den ikonischen Konzertsaal haben nichts mit dem üblichen Unplugged-Gedudel gemein. Die Songs sind eher Inseln, die aus einem Meer von Traditionsechos hervorgehen, in dessen buntem Rauschen von Jazz über Soul bis zu den aktuellen Spielarten des Rap eine akustische schwarze Identität hörbar wird.

Schon nach kurzer Zeit stehen und tanzen die ersten Zuschauer, begeistert und hingerissen. Zweimal verlässt Solange die Bühne und singt einzelne Gäste aus nächster Nähe an. Tanzt mit schwarzen Zuschauerinnen. Ein weißer Herr mittleren Alters will auch mitwippen und wird von ihr ignoriert, den darauf folgenden Jubel kann man fast hämisch finden.

Andererseits ist der Herr eben in ein politisches Statement hineingeraten - der Song, den sie darbietet, F.U.B.U. aka "For Us By Us" ist eine Hymne von Schwarzen für Schwarze, "All my niggas in the whole wide world / Made this song to make it all y'all's turn / For us, this shit is for us". Da dürfen Weiße nicht mitspielen. Selbst in der Elbphilharmonie nicht.

Songs, die den Saal beherrschen

Dann schreitet sie die Bühne ab, mit raschen, energischen, weit ausholenden Schritten. Wird wieder Teil der drei Sängerinnen, twerkt - was wohl das erste Twerken in der Historie der Elbphilharmonie sein dürfte. (Gegenhinweise werden gerne angenommen.) Ihre federleichte und zugleich profilstarke Stimme leuchtet im Zwiegesang mit Kontrabass und Piano, manchmal fast wie gelooped, die Instrumente hüpfen quicklebendig durcheinander. Break. Manchmal wirkt die Darstellung fast zerhackt, abrupt. Bewegungen werden angedeutet und dann abgebrochen. Erwartungen generiert und zerstückelt. In der klassischen Instrumentierung der Konzertsaalfassungen zeigt sich die Lebensfreude und musikalische Könnerschaft der Kompositionen beinahe noch mehr als in ihren Alben.

Wenn sie den Songs Raum gibt, beherrschen sie den Saal mühelos: Eine Feier des Schwarzseins in die verschiedensten Richtungen verbunden mit der Welt. Das alte Europa klingt ebenso mit wie die New-Orleans-Big-Band.

Solange beendet das Set mit ihrem Signature-Song "Don't touch my hair". Wirft sich auf den Boden, schüttelt sich. Ein kurzes Aufbäumen, Schluss. Standing Ovations, keine Zugabe. Verneigt sich zweimal und verschwindet.

Erst als man über die Rolltreppenröhre aus dem Konzerthaus befördert wird, da wird einem langsam bewusst, einem musikalischen Weltereignis beigewohnt zu haben.

Lesen Sie hier auch, warum das aktuelle Album von Solange politische Botschaft und Lässigkeit vereint.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
golden-huakl 17.09.2019
1. Was denn nu?
In der Welt wird das Konzert aber so ganz anders bewertet. Wie war es denn jetzt wirklich? Wunst oder Kunst?
raju61 17.09.2019
2. Na - Da saßen halt wohl Hamburgerinnen und Hamburger...
Zitat von golden-huaklIn der Welt wird das Konzert aber so ganz anders bewertet. Wie war es denn jetzt wirklich? Wunst oder Kunst?
... im Publikum, die sich bis heute nicht entscheiden können, wer denn nun der "bessere Hamburger Verleger" sei: Springer oder Augstein...!!! Schade, dass dieser kindergärtnerische Kleinkrieg bis in die Kunst und Kultur getragen werden muss. Hier nochmal ein Link zur Kritik der WELT: https://www.welt.de/regionales/hamburg/article200425290/Solange-Knowles-scheitert-scheppernd-in-der-Elbphilharmonie.html?utm_medium=40digest.intl.carousel&utm_source=email&utm_content=&utm_campaign=campaign Da sich diese Kritik doch vollkommen diametral zur Kritik auf SPON verhält, stellt sich doch nun eine deutliche Frage: "Was hält ein bürgerlich-konservatives Publikum (=WELT-Leser) eigentlich davon ab, respektvoll mit Neuer Musik, Neuer Kunst und Neuer Darstellung dessen umzugehen...???
schrumpel500 17.09.2019
3. Es gab 2 Konzerte
auf dradio.de podcast über Konzert am Sonntag (Juliane Reil): ausverkauft, perfekte Musiker, eine der relevantesten Musikerinnen der heutigen Zeit, euphorische Zuschauer people of colour die aufgestanden sind, einzigartiges ... Der Welt-Reporter war am Montag beim Extra-Konzert wo wohl alles schief ging: zu wenig Zuschauer, die Musiker und Solange hatten keine Lust, der Kritiker war nicht gewogen...
darthmax 17.09.2019
4. So lange
45 Minuten Mussten wir am Dienstag warten, ich frage mich dann immer, ob dies nun Disrespekt vor dem Publikum ist. Zur Musik möchte ich nichts sagen, auch zu den Tanzbewegungen nicht, die mich an die Rasterfaries meiner Jugend erinnerten. Was aber haben die Badeanzug Schönheiten gesollt, die hinter der Bühne gymnastische Übungen machten.war offensichtlich Teil der Performance, habe den Sinn nicht verstanden.
toninotorino 22.09.2019
5. Danke Juliane Liebert
habe Ihren Bericht aus der Elbphilharmonie mit großem Vergnügen gelesen. Zu "raju61" möchte ich sagen: Nee, so läuft das einfach nicht in Hamburg, von wegen Kreisaufstellung und Schweigen. Eine Touristin fragte mich mal in der Jugendherberge Am Stintfang (direkt am Hafen gelegen, Landungsbrücken), wo denn in Hamburg das Stadtzentrum sei, sie könne es nicht finden. Es gibt kein Stadtzentrum in Hamburg, da steht n Rathaus und ansonsten wird da gearbeitet oder eingekauft, abends ist da tote Hose. In Hamburg gibt´s Stadtteile und die machen ihr eigenes Ding. Außerdem ist der Standort der Elbphilharmonie für kollektives Schweigen ungeeignet, vielleicht in einer "Alsterdorfharmonie" möglich. David Crosby ist das ja mit seinem Guinnevere in der Musikhalle auch mal passiert, die Leute wollten einfach mitklatschen und nicht schweigen. Da sind Crosby, Stills and Nash auf einen Wink von Crosby einfach beleidigt abgezogen. Je näher sich Hamburger dem Hafen nähern, und die Elbphilharmonie liegt nun mal an einem magischen Hotspot, werden die Leute komisch. Der Hamburger an sich ist ja total sentimental und steht auf Stories und deshalb verführbar. Aber er verbirgt das hinter einer ans Kindliche grenzenden Seeräuberattitüde, Klaus Störtebeker läßt grüßen. Und je näher er sich dem Hafen nähert, desto schwummeriger wird ihm. Und dann gibt es noch die Stadtteile, wo jeder weiß, was die Wandsbeker wollen Stille, wir Eimsbüttler aber nicht, und wenn die Eimsbüttler nicht wollen, dann wir Altoner sowieso, dann kann sich ja Fuhlsbüttel mit Alsterdorf verbünden. Das ist einfach Sport Und Spass. Das wissen einfach manche Künstler nicht, was da abläuft. Das sind unbewußte Prozesse, die in den Hamburger drinnen sitzen. Hamburg kann man sich in gewisser Weise als große Besserungsanstalt vorstellen, allerdings ohne Mauern. Der Haken ist, dass sich die meisten in dieser Besserungsanstalt ganz wohl fühlen und glauben, die da draußen müßten sich bessern. Ergriffenheit und Schweigen stellt sich beim Hamburger ein, wenn das von innen kommt, wenn sie aus dem Moment heraus andocken können, aber nicht wenn sie den Eindruck haben, ich soll jetzt wohl so sein. Da st schon der Hafen vor und Störtebeker. Deswegen kann man sich dem Leben auch am besten nähern, wenn man es über die Schiene: "Dascha gediegn" versucht. Wenn überhaupt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.