Abgehört 2016 - Teil 2 Das ist die wichtigste Musik des Jahres

Solange Knowles gelang ein "What's Going On" fürs 21. Jahrhundert, Leonard Cohen verhandelte die letzten Dinge, Radiohead brachten das Unbehagen des Jahres auf einen Trauersound - die wichtigsten Alben des Jahres, Teil 2.

Solange - "A Seat At The Table"
(Saint Records/Columbia, erschienen im September)

Während Beyoncé Knowles die erste Hälfte von 2016 mit ihrem provokanten Auftritt beim Super Bowl und der Veröffentlichung ihres Visual Albums "Lemonade" dominierte (im ersten Teil unserer Jahresbesten-Ausgabe besprochen), gehörte der Ausklang des Jahres ganz ihrer kleinen Schwester Solange. Mit "A Seat At The Table", ihrem dritten und bisher souveränsten Album, fasste die 30-jährige Sängerin das von dauerhafter gesellschaftlicher Marginalisierung, Rassismus und Polizeigewalt geprägte Lebensgefühl des schwarzen Amerikas in kluge und einfühlsame Neo-Soulmusik. In Haltung, Eleganz und Emotionalität ist es nur mit "What's Going On" zu vergleichen, Marvin Gayes seelenvoller Bestandsaufnahme sozialer Verwerfungen der späten Sechziger.

Angesichts der gewaltvollen Aufstände in Watts von 1965 und der blutigen Unruhen auf dem Campus der Universität von Berkeley 1969 sagte Gaye, er wüsste nicht, wie er weiterhin harmlose Liebeslieder singen solle, wenn um ihn herum die Welt explodiere. 1971 erschien dann das Album, das seine Karriere neu definieren sollte - und bis heute als Fanal der Bürgerrechtsbewegung und afroamerikanischen Emanzipation gilt.

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45 Jahre später ist die Spaltung der US-Gesellschaft, vor allem zwischen Schwarz und Weiß, erneut an einem Eskalationspunkt. Geändert hat sich, dass es heute, neben engagierten Protagonisten wie Kendrick Lamar, vor allem weibliche Künstler sind, die sich um eine Zustandsbeschreibung bemühen, außer Beyoncé waren es in diesem Jahr auch Sängerinnen wie Jamila Woods und Alicia Keys mit hervorragenden Alben. Das weit über 2016 hinaus weisende Werk gelang jedoch Solange - nicht mit kämpferischen Black-Panther-Posen und plakativen Bildern auf in Fluten versinkenden Polizeiwagen wie ihre Schwester, sondern mit einem zarten und brüchigen, letztlich aber umso berührenderen Sound, einen nur behutsam in die Moderne gerückten Soul- und R&B, für den der Produzent und Musiker Raphael Saadiq verantwortlich war.

Über diesen in Wahrheit also altmodischen, sanft swingenden, in die Sechziger und Siebziger, zu Minnie Riperton und Marlena Shaw verweisenden Klang, singt Solange in "Weary" davon, wie erschöpft sie über den Zustand der Welt ist, um sich gleich darauf zu motivieren, sich um ihr Leben, ihren Körper und Geist zu kümmern, statt sich in die Gegebenheiten zu fügen ("But you know that a king is only a man (…) he bleeds like you do". In "Cranes In The Sky" beschreibt sie, wie die alltägliche Diskriminierung wie schwere Metallwolken über ihr dräuen, eine Bedrückung, gegen die keine Ablenkung hilft, keine Bücher, kein Sex, kein Joggen. Zwischen gesprochenen Interludien, unter anderem von ihren Eltern, beschwört sie im Verlauf des Albums den kulturellen Wert schwarzer Kultur und fordert in Songs wie "Don't Touch My Hair", "For Us By Us" oder "Borderline (An Ode To Self Care"), das an die Stelle von Selbstzerfleischung und Verzweiflung der Stolz auf die Traditionen und Reichhaltigkeit der Blackness treten soll - undefiniert durch Vorgaben und Normen des weißen Mainstreams. Das ist gefühlvoll und gefestigt zugleich, jenes Selbstermächtigungs-Statement, dass Roots-Chef Questlove Jenkins  bereits 2014 in einer Aufsehen erregenden Essay-Reihe gefordert hatte. Den mitbestimmenden "Sitz an der Tafel", den Solange für das schwarze Amerika einfordert, hat sie sich mit diesem Album auch selbst gesichert, als eine der stärksten Stimmen in der aktuellen Black-Music-Szene.

Unsere Originalkritik lesen Sie hier.

Radiohead - "A Moon Shaped Pool"
(Parlophone/EMI, erschienen im Mai)

Was Rihanna, Drake, Beyoncé, Kanye West und einige andere Künstler dieses Jahr zum neuen Veröffentlichungs-Standard in einer bestimmten Superstar-Klasse machten, haben Radiohead 2007 mit "In Rainbows" praktisch erfunden: Das "Droppen" eines Albums im Eigenregie, ohne Promo-Kampagne der Plattenfirma, ohne Interviews oder sonstige Erklärungen. Auch "A Moon Shaped Pool", das neunte Radiohead-Album seit 1993, erschien im Mai quasi urplötzlich, allerdings ist die Band aus Oxford die einzige Rockgruppe, die sich einen solchen, sonst eher von US-amerikanischen Hip-Hop- und R&B-Künstlern inszenierten Stunt leisten kann. Selbst die Rolling Stones fühlten sich im November sicherer damit, auf ihr neues Blues-Album mit einer Art Twitter-Countdown hinzuweisen.

Radiohead untermauern mit dieser selbstbewussten Haltung also einmal mehr ihren Status als Singularität in einer seit Jahren schwächelnden Rockszene, denn "A Moon Shaped Pool", aus neuen Songs und zum Teil sehr altem Material zusammengefügt, ist nicht nur eines der erfolgreichsten Rockalben des Jahres, es ist auch eines der besten.

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Vor allem auf der zweiten Hälfte des Albums findet sich mit "Ful Stop", "Glas Eyes", "Identikit" und "The Numbers" ein großartiger, dystopisch dräuender und ineinanderfließender Soundtrack für die Verzagtheit der Zeit. Immer wieder werden die weichen, repetitiv einlullenden Arrangements von Störgeräuschen, Schaben, Klirren, digitales Flüstern und Raunen, irritiert: Man möchte sich verkriechen in einer vermeintlich besseren, wärmen Vergangenheit ("I don't wanna know", wiederholt Thom Yorke in "Identikit"), doch die Realität nadelt, hier in Form eines Gitarrenmotivs, immer wieder durch den dicht gewebten Kokon.

Vielleicht wird man in längerfristiger Rückschau sagen, dass diese Geistermusik die Stimmung dieses schwierigen Jahres besonders gut illustrierte. Vor allem in diesen letzten, politisch irren Wochen, gebeutelt von den Gräueln in Aleppo, Terror-Anschlägen und der Aussicht auf eine unberechenbare Trump-Präsidentschaft, wirken die in sich selbst brütenden, sehnend nach Folk-Mystik und Natur-Geborgenheit tastenden Stücke wie ein Requiem. "In you I'm lost" heißt es in der ängstlichen Gegenwartsbeschreibung "Present Tense" - ein trauriges Testament der Verunsicherung, ein rockmusikalisches Rückzugsgefecht.

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Frank Ocean - "Blond(e)"
(Boys Don't Cry, erschienen im August)

"Blond" oder "Blonde", "Siegfried" oder "Seigfried"? Das kommt dabei raus, wenn ein Künstler die komplette Eigenregie für sein Werk übernimmt - könnte man angesichts der bis in Album- und Songtitel auskragenden Verpeiltheit und Flusigkeit Frank Oceans höhnen, wenn man zu den Plattenfirmen gehört, die dieses Jahr von den Topstars des R&B- und Rap-Genres zunehmend außen vor gelassen wurden. Darunter auch Wirrkopf Kanye West, dessen - hervorragendes - Album "The Life Of Pablo" noch immer nicht über den Status eines "Work in Progress" hinausgekommen ist und seit dem Frühjahr ausschließlich als Tidal-Stream zu hören ist.

R&B-Enigma Ocean, auf sanftere Weise ebenso verfusselt wie West, schaffte es im August dann immerhin doch noch, erst ein "Visual Album" mit 18 teils fragmentarischen Tracks namens "Endless" zu "droppen". Darin war Ocean, wie schon in den Wochen zuvor, beim Holzbasteln an einer Werkbank zu sehen. Wenige Tage später folgte dann das "richtige" Album "Blond" (oder halt "Blonde", je nach Edition) mit 17 neuen Stücken, das inzwischen auch als Vinyl und CD zu haben ist. Wer will, kann dazu auch noch ein von Ocean selbst gestaltetes Magazin erwerben, ist aber nicht ganz billig.

Vier weitgehend stille Jahre nach seinem allgemein umjubelten Album "Channel Orange" hatte kaum noch jemand an die Rückkehr Oceans geglaubt, umso mehr erstaunte nun dieser unverhältnismäßig produktive Rundumschlag, von dessen Fülle klanglicher und visueller Komplexität man sich erst einmal erschlagen fühlte, obschon sich Musik und Lyrik ganz sanft und sachte, verhuscht und verschlüsselt darbieten.

Gäste, darunter Stars wie Beyoncé, Kendrick Lamar, Radioheads Johnny Greenwood, Pharrell Williams, Kanye West und James Blake, ordnen sich ebenso unauffällig in Oceans Flow ein, der letztlich durch größtmögliche künstlerische Emanzipation begeistert - und mit der exklusiven Apple-Veröffentlichung von "Blond(e)" den Bruch mit seiner Plattenfirma Universal forcierte.

Kommerzielle Erwägungen wie Hits oder auch nur radiotauglich ausformulierte Melodien sucht man auf "Blond(e)" vergeblich, dafür erlebt man, bei hinreichender Zeit und mit dem Willen zur konzentrierten Versenkung, einen Pop-Auteur, der das Credo seines Songs "Be Yourself" verinnerlicht hat und noch dazu als einer der wenigen zeitgenössischen afroamerikanischen Künstler in der Lage ist, Gender und Genre-Grenzen aufzulösen. "Blond(e)" ist weder R&B, noch Rock, folgt weder maskulinen Topoi, noch weiblich definierten Motiven, ist weder schwarz, noch weiß.

Wenn es einen Nachfolger des in diesem Jahr zu früh verstorbenen Prince für das 21. Jahrhundert gibt, dann Frank Ocean. Die fehlende Virilität ersetzt er, auch das ein Zeichen der Zeit, durch eklektizistische Nabelschau und Kunstsinnlichkeit.

Blood Orange - "Freetown Sound"
(Domino, erschienen im Juni)

"All I ever wanted was a chance for myself", singt Devonte Hynes im dritten Song seines bisher besten Albums. Darin geht es nicht nur, wie auf so vielen Black-Music-Alben in diesem Jahr, um schwarze Identitätsfindung, darum, wie es sich anfühlt, der "dark skinned in a sold out crowd" zu sein und über das blonde Mädchen mit dem "Thug Life"-T-Shirt milde zu lächeln. Es geht auf "Freetown Sound" auch um die Herleitung von kultureller Heritage. Hynes' Vater stammt aus Freetown, Sierra Leone, seine Mutter aus Südamerika, aufgewachsen ist er als karibischer Afrobrite in London, inzwischen lebt er in New York und gehört mit seinem kristallinen R&B-Pop-Sound zu den gefragtesten Produzenten der sogenannten Hipster-Szene, zuletzt komponierte er den Soundtrack für Gia Coppolas Film "Palo Alto" über das Lebensgefühl der Millennials.

In der Reizüberflutung, die Künstler von Rihanna über Kanye West und Beyoncé, Drake und Frank Ocean in diesem Jahr mit ihren Hoppla-hier-bin-ich-Überwältigungsalben bewirkt haben, hätte man "Freetown Sound", im Juni beim Indie-Label Domino, veröffentlicht, fast übersehen können. In dieser Riege komplexer Post-R&B- und Future-Hip-Hop-Veröffentlichungen ist es das musikalisch konventionellste Werk - was seine Wirkungskraft nicht schmälert. Seit seiner Hinwendung zum Soul mit "Cupid Deluxe" (2013) perfektioniert Hynes sein Instrumentarium aus satten Funk-Grooves und dem skelettalen Synthie-Sound des Achtziger-Jahre-R&Bs von Jimmy Jam & Terry Lewis immer eindrucksvoller.

Während in den Texten von "Freetown Sound" schwierigste und bedrückendste Themen - von Genderfragen bis Gewalt gegen Schwarze - verhandelt, und mit tiefer Melancholie ein Unbehagen über das drohende Ende der sexuellen und kulturellen Toleranz implementiert ("Try not to be obsessed with your hey day"), suhlen sich die zugehörigen Tunes in suggestiv-süßlichen Melodien: "Hands Up", "Best of You", "E.V.P.", "Hadron Collider" oder das "Our Lady Africa" feiernde "Juicy 1 - 4" gehören zu den brillantesten Popsongs des Jahres (Nimm das, The Weeknd!).

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Leonard Cohen - "You Want It Darker"
(Columbia/Sony, erschienen im Oktober)

Noch ein alter Meister, der es verstanden hat, sein bevorstehendes Ableben mit größtmöglicher Eleganz und einem musikalischen Meisterwerk vorzubereiten: David Bowies im Januar erschienenes Album "Blackstar" (in der vergangenen Woche in Teil eins der Jahresbesten besprochen) und Leonard Cohens im Oktober veröffentlichtes "You Want It Darker" rahmen dieses Jahr der prominenten Pop-Trauerfälle ein wie ein Trauerflor in strenger Schwarzweiß-Anmutung.

Noch kurz vor seinem Tod im Alter von 82 Jahren am 7. November hatte Cohen, wohl das Ende ahnend, den "New Yorker"-Chefredakteur David Remnick  zu einigen längeren Gesprächen empfangen. In dem grandiosen Porträt geht es um die letzten Dinge, einen Abschiedsbrief an die ewig unmögliche Liebe Marianne Ihlen, die im Juli gestorben war, es ging um die Rivalität und Gemeinsamkeit zu Bob Dylan, dem anderen großen Barden des 20. Jahrhunderts, es ging um Depressionen, Flucht in Drogen, Alkohol und Meditation, es ging um Rückenschmerzen und orthopädische Sitzmöbel - und natürlich um den Disput zwischen Cohen und Gott um die Vergänglichkeit alles Irdischen, der wie kaum ein anderes Thema seine Songs bestimmte.

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"You Want It Darker" enthält viele neue dieser endlosen, sonor geseufzten Zwiegespräche voller Lakonie, wobei neu eine Kategorie ist, die für Cohens Werk nicht wirklich passt. Sieben Jahre oder mehr saß der ehemalige Schriftsteller an einzelnen Texten, bis er sie irgendwann für reif genug befand, mit sparsamer Gitarre, Keyboard und synthetischer Beat-Begleitung vertont zu werden.

"Hineni, hineni - I'm ready my Lord", sprechsingt der alte Kabbalistiker Cohen im berührend-beschwingten Titelstück, in Anlehnung an die Worte Abrahams aus dem Alten Testament. Im Gespräch mit Remnick verklarte Cohen: I'm ready to die". In "Treaty", dem vielleicht besten Stück des Albums, imaginiert er sich am Verhandlungstisch mit einer alten Liebe - oder Gott, was aufs Gleiche herauskommt -, um einen Friedensvertrag aufzusetzen: "I wish there was a treaty, between your love and mine". Man hofft, dass es noch rechtzeitig zur Unterzeichnung gekommen ist.

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Den ersten Teil unseres Jahresrückblicks verpasst? Hier geht's zu Teil 1!

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