Reminiszenz an den DDR-Soul Der Westen verneigt sich vor dem Osten

In den Sechziger- und Siebzigerjahren kam die aufregendere und coolere Musik oft vom sozialistischen Nachbarn. Eine Revue in Hamburg feiert den DDR-Pop. Etwas schrullig zwar, aber ganz und gar aufrichtig.

Julia Steinigeweg/Kampnagel

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DDR-Pop? War das nicht dieser Frank Schöbel mit seinem eigentümlichen Die-da-oben-Schunkler "Mit mir könn' ses ja machen"? Der sich eine Batterie Bier-Kronkorken an eine Schneeschippe nagelte und sie im Takt klimpern ließ? Oder dieser Wolfgang Lippert (Lippi), der in der realsozialistischen Hitparade, die "bong" hieß, wie besinnungslos eine "Erna" herbeitrötete? Und da waren ja noch Monika Hauff & Klaus-Dieter Henkler, die Marianne und Michael des Ostens, gern in Tracht, gern mit rollendem R - ein kleines bisschen volkstümlich durfte es im Fernsehen schon auch zugehen, solange man die Alpen mit dem Erzgebirge simulierte.

Allesamt Ost-Gesangsstars, allesamt "Schlagernutten", wie Nina Hagen das formulierte, eine Spezies, zu der sie selbst nie gehören wollte. Bei der ihr "die Kotze hochkäme", müsste sie "so in die Arme der abgearbeiteten Menschenseelen singen". Beinahe wäre sie auch so eine geworden, wenn nicht erst Reinhard Lakomy und später die Band Automobil gekommen wären und sie direkt nach ihrer Ausbildung beim "Zentralen Studio für Unterhaltungskunst" zum Ost-Soul lotsten.

Ja, Ost-Soul. Den gab es. So richtig mit Fender-Rhodes, Wah-Wah-Gitarre und schmachtenden Chören. Und wer weiß - vielleicht wäre die DDR schon ein paar Jahre eher kollabiert, wenn nicht dieser Ost-Soul den Menschen ein bisschen Halt gegeben hätte. Stevie Wonder oder Ray Charles waren nicht verfügbar, da erfreute man sich eben an Holger Biege.

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Ost-Pop: Erbe verpflichtet

In Nina Hagens frühem Werk findet sich der Titel "Komm komm", eine Funk-Nummer mit satten Bläsersätzen und der poetischen Zeile "Wir treiben die Liebe auf die Weide". Der Hamburger Musiker Carsten "Erobique" Meyer und seine Mitstreiter Paul Pötsch und Lea Connert haben sich den Aufruf zu Herzen genommen und ihn 30 Jahre nach dem Fall der Mauer etwas umgedeutet: Wir bringen den Ost-Soul in den Westen.

Geile Riffs und geile Reime

Beim Sommerfestival des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel feierte seine "Amiga-Allstar-Band" am Mittwoch "Weltpremiere" - und allein diese Begrifflichkeit zeigt, dass Erobique seine Mission, dem verschnarchten Westen die geilen Riffs und Reime aus der DDR nahe zu bringen, nicht ganz so ernst nehmen wollte.

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Ganz und gar subversive Reime

Gleich zu Beginn fragte Conférencier und Sänger Bernd Begemann, wer im Publikum denn Wessi sei. Ganz viele Hände in der Luft. Und Ossi? Ganz wenige. Zumindest dieses Ziel war erreicht: Denn der Abend sollte keine verschwiemelte Ostalgie-Sause werden, sondern den Wessis wirklich zeigen, zu welch großartiger Musik man in der DDR imstande sein konnte. Schlager galten nicht nur diesseits der Elbe als seicht und dümmlich. Und dann Schlager aus der DDR? Noch schlimmer, noch dümmer, so das Klischee. Konnte es also "intelligente Dummheit" geben, fragte Begemann.

Und wie! Gleich der Auftaktsong "Wenn's draußen grün wird" von Manfred Krug , eine groovige Uptempo-Nummer, die sich um Liebe im Frühling dreht und bei der es sogar kurz um Heinrich Heine geht. Getextet von Krug, der fast alle seine Songs unter dem Pseudonym Clemens Kerber selbst schrieb. Wer Krugs Brumm-Bariton im Ohr hatte, erschrak vielleicht etwas über Paul Pötschs wacklige Falsett-Stimme - aber so what: Mission erfüllt. Wer im Publikum wusste überhaupt, dass Krug mal ein formidabler Sänger war und nicht nur knorriger Tatort-Kommissar?

Oder Veronika Fischer? Im Osten ein Fixstern, nach ihrer Übersiedlung 1981 nach Westberlin in Vergessenheit geraten. Bei ihrem Song "He, wir fahr'n mit dem Zug" von 1976 reimt es sich ganz kokett: "Und sie haben die Hände frei für 'ne kleine Tändelei". Und eine Strophe weiter: "Fährt man durch Europa quer, macht man die Mitropa leer". Ein ganz und gar subversiver Reim in der DDR. Denn wer konnte schon mit dem Zug durch Europa reisen? Und erst recht dabei das Bordrestaurant Mitropa leermachen, in dem es sowieso nie etwas gab außer schales Bier?

"Wie ignorant waren wir im Westen?"

Die Revue "Wir treiben die Liebe auf die Weide" auf Kampnagel beschränkte sich denn auch nicht auf reinen Spaß. Zwischen den Liedern wurden immer wieder Zitate von Sängerinnen und Sängern aus dem Osten auf Leinwand projiziert, wurden Richtlinien und Verordnungen aus der Partei-Mottenkiste verlesen, wurde auf die Risiken verwiesen, denen sich viele Künstler im Osten aussetzten. Und immer wieder ging es um die Utopien und Sehnsüchte der Ostkünstler und des Ostpublikums.

"Wie ignorant waren wir im Westen?", fragte Begemann im Laufe des Abends, "Die Lieder waren doch alle besser als die meisten deutschen. Ups, die meisten westdeutschen", korrigierte er sich schnell. Auch wenn "Wir treiben die Liebe auf die Weide" als buntes und schrulliges Happening daherkam, sollte es nicht nur unterhalten. Besonders Bandleader Pötsch hat sich sehr ernsthaft mit den Siebzigern in der DDR befasst. Mit den geheimen Codes, die die Reime in sich trugen, mit den Biografien der Musikerinnen und Musiker, mit den Repressalien des Systems. "Ich beobachte, dass die ostdeutsche Diktatur ihre Bevölkerung nicht zum selbstständigen Denken erzogen, sondern bevormundet hat und dass das natürlich Auswirkungen hat. Umso mutiger finde ich die Vorstöße der Künstler_innen, mit denen wir uns beschäftigen, und die direkt und indirekt gegen diese Verhältnisse angesungen haben", so Pötsch im Interview mit dem Magazin Kaput.

Zwischendrin benötigte die Weide, auf die die Liebe getrieben werden sollte, zwar immer wieder etwas Dünger in Form von Klatsch-Animation. Denn die zögerlichen Wessis nutzen die große Tanzfläche vor der Bühne 60 von 90 Minuten vor allem als Schneidersitzfläche. Und die stimmlichen Darbietungen der Band waren teils auch schräg bis hilflos im Vergleich zu den Originalen. Aber genau diese Hilflosigkeit war so charmant und so wahrhaftig - man erkannte die zärtliche Verneigung des Westens vor dem Osten.

Weitere Termine auf Kampnagel: Do. 08.08.2019 20:30 Uhr, Fr. 09.08.2019 20:30 Uhr, Sa. 10.08.2019 19:00 Uhr und 22:15 Uhr, So. 11.08.2019 20:30 Uhr

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Jor_El 08.08.2019
1.
DDR-Pop: Soviel Fremdschämen ist unerträglich. Bekomme greade eine Griebe, nur weil ich daran denke.
im_ernst_56 08.08.2019
2.
Am Ende des Beitrages hätte ich mir eine Erklärung dafür gewünscht, warum es eben nur Frank Schöbel, Karat, die Phudys und City waren, die es mit wenigen Hits in den Westen schafften und warum die Pop-Musik in den 1980ern der NDW hinterher hinkte. Und warum Veronika Fischer und der inzwischen verstorbene Holger Bieger nach ihrem Wechsel in die BRD keinen Erfolg mehr hatten, wenn die Musik von "drüben" so cool war. Das fundierteste Buch über die Rock- und Popszene in der DDR ist übrigens nicht in der DDR erschienen, sondern im Westen (Olaf Leitner, Rockszene DDR - Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1983).
Emderfriese 08.08.2019
3. Sounds
Mitte der 70er Jahre kam ich von der Emsmündung nach Berlin, verwöhnt von britischen und holländischen Sendern, die nun wirklich progressivste Titel und Bands "all the time" spielten. Und war höchst überrascht, was die DDR-Gruppen auf die Beine stellen konnten. Wo in der BRD allenfalls ein Udo Lindenzwerg sein "Andrea Doria" schrammelte oder vergessene wirklich gute Musiker ein Schattendasein führten (The Can), da kam per DT64 wirklich ein DDR-Sound über die Mauer, dass ich mich erstaunt fragte, warum solche Bands wie "Berluc" oder die "Sterncombo Meißen" nicht längst Verkaufsschlager im Westen waren. Da hätte so manche Blabla-Truppe der deutschen Welle - Westberliner eingeschlossen - einpacken können.
chico 76 08.08.2019
4. Weniger vor Pop,
mehr vor den Menschen, die eine friedliche Revolution bewerkstelligten sollte man sich verneigen.
im_ernst_56 08.08.2019
5.
Zitat von im_ernst_56Am Ende des Beitrages hätte ich mir eine Erklärung dafür gewünscht, warum es eben nur Frank Schöbel, Karat, die Phudys und City waren, die es mit wenigen Hits in den Westen schafften und warum die Pop-Musik in den 1980ern der NDW hinterher hinkte. Und warum Veronika Fischer und der inzwischen verstorbene Holger Bieger nach ihrem Wechsel in die BRD keinen Erfolg mehr hatten, wenn die Musik von "drüben" so cool war. Das fundierteste Buch über die Rock- und Popszene in der DDR ist übrigens nicht in der DDR erschienen, sondern im Westen (Olaf Leitner, Rockszene DDR - Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1983).
Noch eine Ergänzung: Ob man die kryptische Poplyrik der DDR mit den versteckten Botschaften zwischen den Zeilen geil findet, ist eine Geschmacksfrage. In der BRD konnten Ton,Steine,Scherben texten "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Auch BAP und Lindenberg & das Panikorchester (beide in den 1970ern gegründet) mussten kein Blatt vor den Mund nehmen. In der DDR wurde Bands mit etwas aufmüpfigen Texten schon mal verboten (Renft, Hansi Biebl Band, Magdeburg). Erst gegen Ende der 1980er Jahre wurde die Kulturzensur etwas großzügiger. Da durfte Pankow in "Langeweile" schon mal texten "Das selbe Land zu lange gesehn,`dieselbe Sprache zu lange gehört. Zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt." Dafür wären sie zehn Jahre früher aufgelöst worden und die Musiker zur NVA eingezogen oder in den Bau gegangen. Unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus überlebt zu haben ohne sich zu sehr gegenüber der Kulturadministration verbogen zu haben, ist das eigentlich Bemerkenswerte. Die Popmusik in der DDR ist unter den Laborbedingungen des Sozialismus entstanden, zuerst von der Kulturadministration abgelehnt, dann geduldet und immer argwöhnisch überwacht. Ich weiss nicht, ob die Revue in Hamburg das rüber bringt.
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