"Hideaway"-Sängerin Kiesza Aus dem Bootcamp in die Charts

Der Sommerhit 2014 heißt "Hideaway"! Hinter dem Song, einer Verbeugung vor dem Deep House der Neunziger, steckt die kanadische Sängerin und Tänzerin Kiesza - eine ehemalige Navy-Soldatin mit dem Vorbild Michael Jackson.

Meredith Truax

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"Ich glaube nicht daran, dass das Leben vorherbestimmt ist, aber ich glaube, dass bestimmte Dinge nicht ohne Grund passieren", sagt Kiesza Rae Ellestad beim Interviewtermin im Berliner Büro ihres Labels Universal Music. Am Donnerstagabend tritt die 25-jährige Kanadierin dann zum ersten Mal in Deutschland auf. Es ist ein kleiner Showcase, sie ist der letzte von drei Newcomer-Acts und sie spielt nur fünf Songs. Aber die sowie eine aufregende Tanzperformance und ein imposanter Bass sind genug, um das vorwiegend junge Publikum im Kreuzberger Club "BiNuu" nachhaltig zu begeistern. "Hideaway" ist das letzte Stück, ein Song, der vom Video-Phänomen auf YouTube zur Nummer eins in England wurde - und vielleicht auch in Deutschland zum Sommerhit des Jahres wird.

Entstanden ist "Hideaway", eine dieser seltenen, singulären Monster-Pop-Nummern, eine Verbeugung vor dem Vocal-House-Sound von Neunziger-Jahre-Diven wie Robin S und CeCe Peniston, vor ziemlich genau einem Jahr eher so nebenbei. Kiesza war eigentlich schon auf dem Sprung zum Flughafen, doch ihr Songwriting-Partner und Produzent Rami Samir Afuni spielte ihr in seinem New Yorker Studio noch schnell einen neuen Track vor. Die Sängerin war elektrisiert: "Ich hörte dieses Demo und wusste, das ist mein Sound, das bin ich." Lyrics und Melodie waren in weniger als einer Stunde fertig, "es war die schnellste Session, die ich je erlebt habe", sagt Kiesza. "Es fühlte sich fast an, als wenn sich der Song von selbst schrieb und mich als Medium ausgewählt hatte."

Ebenso schnell, an einem Tag und in einem einzigen Take, entstand wenig später der zugehörige Videoclip, der inzwischen fast 25 Millionen Mal angeklickt wurde: Kiesza steigt in einer schäbigen Ecke von Brooklyn aus einem Taxi, geht die Straße entlang, trifft auf wechselnde Tänzer, alles Freunde und Bekannte. Sie trägt ihr dunkelrot gefärbtes Haar in einer Frisur, die sie "Steamhog" nennt und aussieht wie ein paar hintereinander aufgereihte Croissants, sowie eine viel zu hoch sitzende Jeans mit Hosenträgern. Sie zeigt einige sehr beeindruckende Tanz-Moves, singt "Uh" und "Ah" und "You're just a hideaway, you're just a feeling" - und steigt am Ende wieder ins Yellow Cab. Fertig, aus, Pop-Legende, das "Happy" fürs kommende House-Revival.

"Ich war eine gute Soldatin"

Die souligen Kiekser, die "Hideaway" so unverkennbar machen, könnten allerdings genauso gut Schmerzensschreie sein, denn Kiesza hatte sich kurz vor dem Dreh eine Rippe angebrochen. Aber der Videoshoot konnte nicht mehr verlegt werden: "Es gab kein Budget, es musste an diesem Tag passieren." Also riss sich die ehemalige Ballettschülerin zusammen und gab alles. "Danach musste ich einen Monat lang das Bett hüten".

Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Wahrscheinlich kam der aus Calgary stammenden Sängerin zugute, dass sie einst Navy-Soldatin war. "Das Bootcamp hat mich gereizt, der Thrill der Grundausbildung", erzählt sie. Schnell entdeckt sie ihr Talent für Hindernisparcours und Schießübungen. "Ich war eine gute Soldatin, aber meine Persönlichkeit kam nicht damit klar: Ich mag es, Regeln zu brechen. Manche Leute suchen nach einer Struktur im Leben, wie sie das Militär bietet, aber ich bahne mir gerne meinen eigenen Weg und finde währenddessen heraus, was ich will." Schon als Kind sei sie gerne alleine im Wald herumgelaufen und habe sich vorgestellt, sie sei ein wildes Tier. Später absolvierte sie eine Segelschule und fuhr zur See, bevor sie beschloss, aus ihrem Hobby, dem Songwriting, eine Karriere zu machen.

Allerdings plante sie zunächst gar nicht, selbst im Rampenlicht zu stehen. Nach einigen Auftritten und Versuchen als Folkmädchen mit Gitarre entschied sie, lieber Songs für andere Leute zu schreiben. "Es fehlte ein Performance-Element. Wenn man ständig die Gitarre vor sich hat, kann man nicht tanzen." Mainstream-Pop faszinierte sie seit frühester Kindheit, als ihre Mutter, ein flammender Michael-Jackson-Fan, Kiesza und ihre Brüder und Cousins zur Jackson-Five-Kopie drillte, komplett mit Kostümen und Choreographie. "Einen richtig guten Popsong zu schreiben, ist total schwer", sagt sie, "diese Simplizität ist eine große Kunst."

Eurotrash-Klassiker "What Is Love"

Was sie damit meint, lässt sich in ihrer ebenfalls auf YouTube erfolgreichen Coverversion des Eurotrash-Klassikers "What Is Love" nachvollziehen, "ein vom Text her sehr trauriger Song", den sie zur durchaus würdevollen, deepen Pianoballade reduzierte. Auch bei ihrem Berliner Auftritt gibt sie die Haddaway-Nummer zum Besten: Das Publikum, vermutlich zum großen Teil noch nicht geboren, als sie in den Charts war, singt geschlossen mit. Ein kurioser Gänsehaut-Moment.

"Wir hatten Glück mit dem Timing", sagt Kiesza über den Erfolg ihrer "Hideaway"-Single, mit der sie glaubt, ihre wahre Bestimmung als Künstlerin gefunden zu haben. "Vor ein, zwei Jahren hätte die Nummer wahrscheinlich gar nicht funktioniert, heute ist sie Zeitgeist". Zusammen mit Afuni arbeitet sie nun an der Fertigstellung ihres Debüt-Albums, das im Herbst erscheinen soll. Angst vor dem dann drohenden Desinteresse eines Publikums, dass sich im zunehmend kurzatmigen Popgeschäft nur noch für Singles begeistert, hat sie nicht: "Ich habe die Vision eines Albums, das wie eine Geschichte ist, die dich auf eine Reise mitnimmt, sobald du 'play' drückst. Ich will, dass jeder Song eine Bestimmung hat. Keine Füller!", sagt sie.

Ihr Vorbild in Sachen Anspruch und Perfektion? Natürlich Michael Jackson. Der King of Pop setze bis heute den Maßstab für Popmusik. Ähnlich wie Jacksons einstige Erfolgskollaboration mit Quincy Jones sieht sie auch ihre Zusammenarbeit mit Afuni, dessen Indie-Label Lokal Legend für Kiesza ein Joint Venture mit dem Plattenriesen Universal einging: "Wir wollen ein klassisches Album machen, so wie früher."

Und wenn "Hideaway" sie am Ende doch nur durch einen Sommer trägt? Dann hat Kiesza bereits das nächste Projekt parat: eine zeitgenössische Oper im Spielfilmformat. Man wird wohl so oder so noch von Kiesza hören.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
blitzunddonner 09.06.2014
1. das lebt NUR vom originellen video.
Zitat von sysopMeredith TruaxDer Sommerhit 2014 heißt "Hideaway"! Hinter dem Song, einer Verbeugung vor dem Deep House der Neunziger, steckt die kanadische Sängerin und Tänzerin Kiesza - eine ehemalige Navy-Soldatin mit dem Vorbild Michael Jackson. http://www.spiegel.de/kultur/musik/sommerhit-hideaway-ex-soldatin-kiesza-belebt-neunziger-pop-a-973894.html
das lebt NUR vom originellen video. das gequieke auf grundlage von 80er elektro und soul ist unerträglich. michael jackson als vorbild? musikalisch eher nicht. eher sandra ... *g*
krenz57 09.06.2014
2. einfach
nur noch klasse , ein geiles teil
andreas baader 09.06.2014
3. super song
schöner song, tolles video, großes talent (die kissfm live version auf youtube ist sehr beeindruckend) - wieviel zahlt eigentlich universal für den artikel auf spon?
surgeon 09.06.2014
4. Nicht schlecht, aber
da ist Haddaway 1000mal ausdrucksstärker ! Auch das Gesicht, und der Blumentopf auf dem Kopf macht die Sache auch nicht besser !
xbaloux 09.06.2014
5. Kein Sommerhit
Für mich ist eher "Summer" von Calvin Harris oder "She moves" von Alle Farben ein Sommerhit und nicht dieses Hideaway-Rumgestöhne.
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