Sommerhits 2010 "Alles klar im BH"
Lady Gaga - "Alejandro"
Nervfaktor? Mittelmäßig. Erst beim Schauen des Videos bekommt der beschwingte Sommerhit diesen besonderen "Gagaismus". Abgelenkt durch Soldaten in Netzstrümpfen, Mönche in Highheels und eine weitgehend unbekleidete Lady Gaga verliert die recht eintönige Nummer dann nämlich doch nicht so schnell ihren Reiz.
Strandkompatibel? Besser nicht. Der Titel "Alejandro" lässt einen zwar an barfüßig tanzende Bikini-Schönheiten an karibischen Stränden denken, passt dann aber doch besser zur nächsten Sado-Maso-Party in einem dunklen Kellerloch.
Tanzbar? Nur für Mutige. Wer sich in einem Beachclub eine dieser bettähnlichen Liegewiesen und einen mit erstklassigen Bauchmuskeln ausgestatteten Typen sichert, der könnte einen Versuch wagen, die Hüften wie im Video kreisen zu lassen. Die Gefahr, dass man anschließend höflich gebeten wird, den Club zu verlassen, ist allerdings gegeben.
Sex-Appeal? Oh ja. Über Lady Gagas Attraktivität wird ja regelmäßig diskutiert, vor allem wenn wieder mal schockierende Paparazzi-Bilder der blassen Lady ohne die üblich übertriebene Maskerade auftauchen. Im Video zu "Alejandro" beweist die Gaga: Einfach ausziehen - das lenkt zumindest vom Gesicht und gegebenenfalls auch vom fragwürdigen Sinn des Videos ab. (pll)
Kylie Minogue - "All The Lovers"
Nervfaktor? Gering - darin allerdings liegt die entscheidende Schwäche des Titels: Anders als in ihren großen Tagen lässt sich über Kylie Minogue nicht mal mehr streiten. Sie ist einfach allzu sehr Konsens.
Strandkompatibel? Aber ja. Verströmt die angenehme Leichtigkeit eines Nachmittags in einem Yachthafen an der französischen Atlantikküste: Noch ein paar Austern oder gleich aufs speed boat?
Tanzbar? Trotz des Worts "Dance" im Intro kein großer Tanzflächenfüller im Stil des Klassikers "Can't Get You Out Of My Head".
Sex-Appeal? Verhuscht - aber darum geht's doch. (sha)
Yolanda Be Cool feat. DCUP - "We No Speak Americano"
Nervfaktor? Nicht vorhanden. Wer bei diesem Song des australischen DJ-Teams Yolanda Be Cool nicht in Partylaune kommt, der sollte besser in einen komatösen Sommerschlaf verfallen und erst dann wieder aufwachen, wenn es draußen so richtig schön grau, kalt und nass ist.
Strandkompatibel? Man nehme ein paar treibende Dancebeats, mixe sie gut durch mit feurig lateinamerikanischen Rhythmen und garniere das Ganze schließlich mit ein paar schön nostalgischen Retro-Sounds. Et voilá: Fertig ist der Song des Sommers. Kann ohne Bedenken bei den heißesten Strandpartys dieses Jahres serviert werden.
Tanzbar? Wie in einem netten kleinen Tanzlokal in Neapel in den sechziger Jahren fühlt man sich in den ersten Takten des Songs, denn die klingen fast wie das Original "Tu Vuò Fa' L'Americano" von Renato Carosone aus dem Jahr 1960. Wenn dann aber die elektronischen Beats einsetzen, will man ganz schnell raus aus dem Lokal, ab auf die nächste Strandparty.
Sex-Appeal? Immerhin sang Leinwandgöttin Sophia Loren den Originaltitel im Film "Es begann in Neapel" -von diesem Erotik-Touch von einst profitiert auch das australische Remake. (pll)
Lou Bega - "Sweet Like Cola"
Nervfaktor? Exakt ab Minute 2:27 nervt's. Danach kommt der Refrain aber noch zweimal mehr - ein selten deutlicher Hinweis auf eine mangelnde Komplexität der Songstruktur. Immerhin wurde das Schlichtheitsgebot für Sommerhits befolgt. Interessanter Nebeneffekt: Aus den Tiefen der Erinnerung taucht unvermeidlich Lou Begas angegrauter Sommerhit "Mambo No. 5" wieder auf - und das nach elf Jahren!
Strandkompatibel? Der Song klebt wie warme Cola, und die kann der geneigte Beach-Gänger im Rekordsommer nun wirklich nicht gebrauchen. Bei den Hochtemperaturen könnte höchstens eine ausgeklügelte Kühlstrategie die Brause nahe an den Gefrierpunkt und damit eine gerade noch erträgliche Trinktemperatur bringen. Aggregate müssen her, technische Apparaturen, Profi-Equipment, nur dann bekommen die Geschmacksrezeptoren vor lauter Eiseskälte vom Zucker-Klebstoff nichts mit. Wem diese Maßnahmen, die schon ungenießbaren Kräuterschnäpsen zu neuer Popularität verhelfen mussten, zu aufwendig und unpraktisch erscheinen: Bloß die Finger weg.
Tanzbar? Schon fast etwas für Fortgeschrittene.
Sex-Appeal? Für die leicht rundliche Miss Cola wurde der Begriff Sex-Appeal doch erst erfunden! Leider werden das positive Frauenbild und die ehrenwerte Absicht des Songs untergraben durch eine Schar spindeldürrer Tänzerinnen. (ore)
Mickie Krause - "Düp Düp Reloaded"
Nervfaktor? Macht eine völlige Neubewertung des Begriffs Nervfaktor notwendig. Wer diesen Titel nicht lästig findet, ist vermutlich nicht einmal durch eine interstellare Kollision zu erschüttern - andererseits: Krause legt es darauf an, doof zu sein, reimt "Alles klar" auf "BH", "Höschen" auf "Döschen"; macht seine Sache also perfekt.
Strandkompatibel? "Düp Düp" mag nicht an jedem Strand willkommen sein - ist dabei aber keineswegs Strand-untypisch. Aber das sind Feuerquallen auch.
Tanzbar? Verwandelt, ähnlich wie Krauses Klassiker "Wau Wau, Geile Sau", die Gehirne der Tanzenden in eine gallertartige Masse.
Sex-Appeal? Selbst, wenn man Sexualität definiert als einen rein vom Trieb gesteuerten Akt, bei dem der Prozess des Nachdenkens völlig zum Erliegen kommt, dürfte "Düp Düp" nur bei der äußerst selten auftretenden Neigung des Debilitätsfetischismus zu gesteigertem Verlangen führen. (sha)
Kate Perry feat. Snoop Dogg - "California Gurlz"
Nervfaktor? Gemäßigt. Diese mit fröhlicher Debilität vor sich hin stampfende Nummer ist so auf Formatradio-Flow getrimmt, dass man sie problemlos den ganzen Tag nebenbei hören kann - ohne wirklich zu merken, was gerade läuft.
Strandkompatibel? Aber hallo! Am besten man besorgt sich (als Mädchen) einen der Atombusen-BHs, den Katy Perry im Videoclip zur Schau stellt - oder wackelt gleich komplett nackt (bis auf den iPod, versteht sich) über den Sand. Satisfaktion garantiert. Jungs nicken einfach schön lässig mit dem Kopf im Takt. Keine Angst, der ist nicht so kompliziert!
Tanzbar? Sehr. Eignet sich wegen der erschreckenden Monotonie vor allem für Hüpfkurse unter freiem Himmel (siehe: "Strandkompatibel")
Sex-Appeal? Yeah! Aber vor allem, wenn man das schreibunte Video mit der charmant entblätterten Katy Perry dazu sieht. Für Männer: Nur, wer Machismo so laid back rüberbringt wie Snoop Dogg, hat eine Chance. Für Frauen: Macht euch da mal keine Sorgen (siehe: "Strandkompatibel")(bor)
Darwin Deez - "Radar Detector"
Nervfaktor? Muss umbenannt werden in Nerd-Faktor. Die amerikanische Indie-Folk-Truppe Darwin Deez schafft 10 von 10 Punkten auf der Hipster-Skala. Dieses Lied nervt frühestens im nächsten Sommer!
Strandkompatibel? Für alle, die es wegen Geldknappheit oder Jobs in der Kreativbranche (oder beidem) gerade nicht ans Meer schaffen, sondern nur auf die Dachterrasse.
Tanzbar? Sowohl für lässig mit dem Fuß wippende Sonnenbrillenträger als auch für staksende Tanzstörche kein Problem. Dieser Song schafft mehr gesellschaftliche Teilhabe als ein Dutzend Reden von SPD-Bezirksvorständen.
Sex-Appeal? So wie bei einer durchschnittlichen Werbeanzeige von American Apparel. Also beträchtlich. (ore)
Miley Cyrus - "Can't Be Tamed"
Nervfaktor: Hoch! Schön für Fräulein Cyrus, dass sie nicht gezähmt werden möchte. Man selbst hat sich nach mehrmaligem Hören des endlos wiederholten und in enervierende Höhen gezogenen Refrains auch kaum noch im Griff - und möchte die Teenie-Göre packen und in einen schalldichten Käfig sperren.
Strandkompatibel? Eher nicht. Mileys brachiales Bekenntnis zur eigenen Wildheit ist zwar durchaus schweißtreibend, eignet sich aber eher für dunkle, stickige Höhlen als für helle, luftige Gefilde.
Tanzbar? Klar! Wer gerne im Viervierteltakt urtümliche Tanzrituale aufs Parkett stampft, hat hier einen prima Soundtrack gefunden. Am besten ein Fell und eine Keule als Accessoires mitbringen und ein bisschen grunzen beim Abhotten.
Sex-Appeal? Wie bitte? Natürlich nicht! Wir reden hier über einen Song von Miley Cyrus. Die ist 17. Da ist Keuschheit erstes Gebot. (bor)
H.Gicht - "Tutenchamun"
Nervfaktor? 100 Prozent und steigend, ja. Dieses Lied schreit nach, ähm, Rauschsubstanzen, ja. Dann knacken die Synapsen und nervlich geht es bergauf, ja. Oder bergab, ja. Meistens beides. Wer allerdings der Ekstase nüchtern folgt (Job, Kinder, ähnliche Sorgen) könnte etwas genervt sein, ja.
Strandkompatibel? Maximale Kompatibilität, ja: Die Umgebung tritt für die von Schall und Rauch berauschten Musikkonsumenten in den Hintergrund. Sollte man tunlichst berücksichtigen, ja, wenn man sich an sensiblen Orten (Autobahn, Atomkraftwerk, Schwiegerelterns Garten) befindet.
Tanzbar? Auch noch mit Hitzschlag.
Sex-Appeal? Ja, ja. Mit Mustern drauf. (ore)
Vampire Weekend - "Holiday"
Nervfaktor? Gering. Gute-Laune-Beat muss nämlich doch nicht unbedingt nerven. Mit dem barocken Gehabe im Video erinnern die Jungs der New Yorker Indie-Band Vampire Weekend zwar ein bisschen an Falcos Klassiker "Rock Me Amadeus". Wie gut aber, dass der Song so ganz anders klingt. Schnell, verspielt, freundlich - genau so muss ein Sommerhit sein.
Strandkompatibel? Auf jeden Fall. Aber könnte man doch nur auch ein solch stilechtes Fahrzeug wie den hellblauen Cadillac aus der Garage setzen, einfach alles hinschmeißen und Richtung kalifornischem Strand fahren. Aber warum eigentlich nicht? Die Wirkung von "Holiday" setzt sicher auch im klapprigen Golf auf dem Weg an die Nordsee ein. Einfach Schiebedach auf, dann ist es fast wie Cabrio fahren. Einen Versuch wäre es zumindest wert.
Tanzbar? Unbedingt. Und sogar unkontrolliert, denn bei "Holiday" beginnen die eigenen, zuvor noch schlaff und müde herumhängenden Körperteile plötzlich rhythmisch das Wippen, Zucken und Zappeln. Glücklicherweise setzen diese Reflexe auch beim hundertsten Hören des Songs noch ganz automatisch ein, ohne dass man seinem Körper komplizierte Anweisungen dazu geben müsste.
Sex-Appeal? Geschmackssache: Männer mit rosigen Wangen, hautengen weißen Kniestrümpfen und barocker Haarpracht sind vielleicht nicht jedermanns Sache. Aber mit dem passenden ironischen Augenzwinkern stechen die Jungs von Vampire Weekend trotzdem den muskulösen Surfertypen aus - nicht nur im Video. (pll)
Rhythms Del Mundo feat. 2raumwohnung - "36 Grad"
Nervfaktor? Hoch. Der Wetteransage-Refrain, den Inga Humpe da die ganze Zeit vor sich hin haucht, sorgt schon beim ersten Hören für ungute Hitzewallungen.
Strandkompatibel? Top für den Bundespressestrand. Da kann Uwe, 36 und Public-Affairs-Consultant bei FischerAppelt, mit Claudia, 31 Jahre und Referentin im Finanzministerium, mal so richtig abchillen. Und dann geht's ab ins wohlverdiente Wochenende. Aber vorher: Einen Caipi noch, bitte!
Tanzbar? Einerseits: ein echter Popo-Wackler. Andererseits: Selbst die Trendfressen in Berlin-Mitte sind ja eher hüftsteif und daher für kubanisch inspirierte Rhythmen nicht so geeignet.
Sex-Appeal? Heißer Scheiß. Eine Zeile wie "36 Grad und es wird noch heißer, mach den Beat nie wieder leiser" lässt sich perfekt Arm in Arm grölen - und zwar egal, wer einem da im Arm liegt, kann ja auch der beste Saufkumpan sein. Und eine Frau, die sich mal als postfeministische Göre fühlen will, wird bei dieser Zeile erst so richtig rollig: "Alle Jungs singen und tanzen hier, kommt Girls, da sind wir." (tdo)
Mehrzad Marashi & Mark Medlock - "Sweat"
Nervfaktor? Kennst du das Land, in dem die Kuranyi-Bärtchen blüh'n? Die Steigerung von Proll ist eleganter Proll.
Strandkompatibel? Gehört wie "Bacardi Feeling" und "Lambada" zu den Songs, die einem auch in der ablegensten Bucht Ozeaniens das Gefühl vermitteln, eigentlich doch auf einem fünfzigsten Geburtstag in einem westdeutschen Neubaugebiet zu sein.
Tanzbar? Lädt, ganz wie die Originalversion von Inner Circle, auf derart direkte Weise zum Balztanz ein...
Sex-Appeal? ..., dass schon das bloße Anspielen des Titels den Tatbestand der sexuellen Belästigung erfüllt. (sha)
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