Der gehört uns! Russen und Weißrussen haben den singenden Märchengeiger Alexander Rybak schon vor dem Grand Prix verehrt - wegen seiner slawischen Wurzeln. Nach dem Triumph erklärten sie den Norweger prompt zum neuen Volkshelden.
Strahlend, völlig aufgelöst und den Tränen nahe stand Alexander Rybak nach seinem märchenhaften Rekordsieg auf der Bühne des Eurovision Song Contest in Moskau. Spontan schlug Moderator Ivan Urgant vor, die Eltern des jungen Sängers auf die Bühne zu holen. Ein paar Sekunden lang schaute Rybak, der junge Norweger mit dem Harry-Potter-Gesicht, suchend in die riesige Halle, dann scherzte der Moderator auf Englisch über den unbeholfenen Moment hinweg: "Jetzt wollen alle deine Eltern sein!"
Treffender kann man das kaum sagen: Schon seit Wochen wurde der aus Weißrussland stammende Favorit Rybak in den russischen und weißrussischen Medien als Landsmann gehandelt. Nach seinem sensationellen Sieg jubeln beide Länder nun, als hätten die eigenen Kandidaten gewonnen. "Mein Gott, verstehst du, das ist unser Sieg!", stammelte der Kommentator im russischen Fernsehen, noch während der Sänger und Geiger mit einem gewaltigen Strauß roter Rosen im Arm aus dem Backstage-Bereich zur Bühne lief.
Der 23-Jährige wurde in der weißrussischen Hauptstadt Minsk geboren; als er vier Jahre alt war, wanderten seine Eltern, eine Pianistin und ein Violinist, mit dem Sohn nach Norwegen aus. Rybak spricht fließend Russisch und war im Song Contest der einzige für ein westeuropäisches Land antretende Künstler, der den russischen Fans ein wenig mehr zurufen konnte als "Spasibo!" - danke.
Das "breite, slawische Lächeln" des jungen Sängers und "die freie Beherrschung der russischen Sprache" hätten zu Rybaks Sieg beigetragen, kommentierte die russische Zeitung "Kommersant" am Montag nach dem Finale. Auch die regierungsnahe "Rossiskaja Gaseta" freute sich in ihrem Aufmacher über die Gestik des jungen Künstlers: "Er trat zum Bühnenrand, verbeugte sich ehrerbietig in slawischer Manier und legte die rechte Hand aufs Herz." Und die ebenfalls Kreml-treue Zeitung "Komsomolskaja Prawda" brachte das Gefühl vieler osteuropäischer Fans auf den Punkt: "Auch wenn Sascha einen norwegischen Pass hat, ist er doch ein weißrussischer Junge."
Dieses Zitat hätte auch von Rybaks Großmutter Sinaida Gurina stammen können, die im Vorfeld des Eurovision Song Contest wohl zu den begehrtesten Interviewpartnern in Russland und Weißrussland gehörte. Die 77-Jährige bedauerte öffentlich, dass sie dem Enkel zunächst von der Popmusik abgeraten hatte, und beklagte, dass damals, 1990, allein die beengte Wohnsituation die junge Familie ihrer Tochter aus dem Land getrieben habe. Hätte man nicht zu viert auf 17 Quadratmetern leben müssen, wären sie geblieben, so Gurina.
Weil es aber anders kam, begann der Wunderknabe Alexander seinen Geigenunterricht in Norwegen. Dort ist er inzwischen Konzertmeister eines Jugendsinfonieorchesters und stand als Sänger und Schauspieler im Musical "Anatevka" auf der Bühne.
Seinen Eurovision-Hit "Fairytale" hat Rybak selbst geschrieben, angeblich über seine erste Jugendliebe. Das mitreißende Lied bestach im Wettbewerb auch durch die fröhliche und märchenhafte Performance, die an ein lebendig gewordenes Chagall-Gemälde erinnerte: Rybak im weißen Hemd mit Weste, Wuschelhaar und Fiedel, dazu zwei hübsche Sängerinnen in Rosa und drei saltoschlagende Artisten. Dieser Auftritt brachte Norwegen sensationelle 387 Punkte ein, so hoch hat noch nie ein Land den Song Contest gewonnen. In 16 Ländern holte Rybak die Höchstpunktzahl.
Dagegen hatte seine alte Heimat Weißrussland mit ihrem Kandidaten Petr Elfimo ziemlich deutlich danebengegriffen. Der hellblond gefärbte Sänger wirkte mit seinem schneeweißen Bühnen-Outfit und dem Rocksong "Eyes That Never Lie", als habe er sich im Jahrzehnt geirrt, und flog folgerichtig schon im ersten Halbfinale raus. Die russische Kandidatin, die Ukrainerin Anastasija Prichodko, schluchzte sich mit ihrem folkloristisch angehauchten Lied "Mamo" zwar immerhin auf einen respektablen elften Platz, war damit aber vom grandiosen Triumph des Norwegers weit entfernt.
So muss nun Alexander Rybak gleich drei Länder glücklich machen. Geduldig beantwortete der 23-Jährige in Moskau die Fragen nach Herkunft und Heimat. "Norwegen ist das Land, in dem ich lebe, aber natürlich hat auch Weißrussland seinen Teil zum Erfolg beigetragen", sagte er diplomatisch. Aus Weißrussland nämlich stamme die Melancholie und aus Norwegen die Fröhlichkeit, die sich in seinem Lied verbinden. Die Schlagzeile einer russischen Boulevardzeitung "Alexander Rybak: Ich möchte in Russland leben", entspricht wohl mehr dem Wunschdenken der Redaktion als der Wahrheit.
Grand Prix 2009: Alle Länder, alle Punkte
Platz
Land
Interpret
Lied
Punkte
1
Norwegen
Alexander Rybak
"Fairytale"
387
2
Island
Yohanna
"Is It True?"
218
3
Aserbaidschan
AySel Arash
"Always"
207
4
Türkei
Hadise
"Düm tek tek"
177
5
Großbritannien
Jade Ewen
"My Time"
173
6
Estland
Urban Symphony
"Rändajad"
129
7
Griechenland
Sakis Rouvas
"This Is Our Night"
120
8
Frankreich
Patricia Kaas
"Et s'il fallait le faire"
107
9
Bosnien-Herzegowina
Regina
"Bistra Voda"
106
10
Armenien
Inga Anush
"Jan Jan"
92
11
Russland
Anastasija Prichodko
"Mamo"
91
12
Ukraine
Svetlana Loboda
"Be My Valentine"
76
13
Dänemark
Brinck
"Believe Again"
74
14
Moldau
Nelly Ciobanu
"Hora Din Moldova"
69
15
Portugal
Flor-de-Lis
"Todas As Ruas Do Amor"
57
16
Israel
Noa Mira Awad
"There Must Be Another Way"
53
17
Albanien
Kejsi Tola
"Carry Me In Your Dreams"
48
18
Kroatien
Igor Cukrov feat. Andrea
"Lijepa Tena"
45
19
Rumänien
Elena
"The Balkan Girls"
40
20
Deutschland
Alex Swings, Oscar Sings!
"Miss Kiss Kiss Bang"
35
21
Schweden
Malena Ernman
"La voix"
33
22
Malta
Chiara
"What If We"
31
23
Litauen
Sasha Son
"Love"
23
24
Spanien
Soraya
"La noche es para mí"
23
25
Finnland
Waldo's People
"Lose Control"
22
Quelle: eurovision.ndr.de
Am Sonntag nach dem großen Sieg, dem norwegischen Nationalfeiertag, reiste Rybak zurück nach Oslo und ließ sich am Flughafen von Tausenden Fans feiern. Die norwegischen Blaskapellen hatten noch auf die Schnelle Rybaks "Fairytale" einstudieren müssen.
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