Songwriter Niels Frevert Lieder leichten Herzens

So unbefangen wie noch nie: Statt wie früher verspielt zu rocken, setzt Niels Frevert jetzt auf Akustikgitarren und Streicher, dichtet von wehenden Blättern und ins Nichts entschwindenden Wolken. Nur von der Liebe schweigt er.

Von Jan Wigger


All diese Mühe und all diese Zeit, um etwas zu schaffen, was mühelos ist. Und fast scheint es, als hätte Niels Frevert all diese Zeit gebraucht, diese viereinhalb Jahre, um nun das wohl beste Album zu veröffentlichen, das je auf dem Hamburger Label "Tapete Records" erschienen ist. "Du kannst mich an der Ecke rauslassen" ist eine stille Platte, auf der kein Gitarren-Feedback mehr die Leichtigkeit und Nähe von Freverts Geschichten stört, die eben keine Alltagsbeobachtungen sind, sondern Erinnerungen und vorsichtige Selbstvergewisserungen eines Musikers, der immer alleine da stand, nie die Zugehörigkeit zu einer Szene brauchte, aber auch nicht diesen Peter-Maffay-Kitsch vom einzelgängerischen Steppenwolf.

Songwriter Frevert: "Je weniger man sagt, desto besser sollte es überlegt sein."
Tapete Records

Songwriter Frevert: "Je weniger man sagt, desto besser sollte es überlegt sein."

Die Zahl derer, die Frevert für einen der besten Songwriter Deutschlands halten, die darüber nachsinnen, warum aus diesem angenehm spröden Gesprächspartner kein Star geworden ist, hat sich nicht verringert in all der Zeit. "Wenn viele Leute so denken, ist das ja auch schon mal was wert," findet Frevert. "Aber was soll ich dazu sagen?"

Er habe sich doch nur "zupfenderweise an der Akustikgitarre wiedergefunden" und gemerkt, dass ihm "nicht so nach Rocken" sei. Und wer dem spielerischen Rock entsage, der brauche nun einmal mehr Zeit für ein Album. Denn auch in der Musik gelte: "Je weniger man sagt, desto besser sollte es überlegt sein."

Natürlich kommt Niels Frevert die Tatsache zugute, wirtschaftlich unabhängig davon zu sein, ob seine dritte Solo-LP auch kommerziell reüssiert. Er hat noch einen anderen Job (über den er nicht sprechen möchte) und konnte so ohne Druck seine wunderbaren Zeilen über wache Momente, wehende Blätter und ins Nichts entschwindende Wolken dichten. Das Album, dem man erst spät anmerkt, dass kein einziges Liebeslied darauf ist, das Fragen stellt, statt mögliche Wege aufzuzeigen, endet mit den Worten: "Doch darum geht's gerade nicht: Jetzt oder nie."

Kampf gegen die Deutschrocker

Damals, in den Neunzigern, als Frevert mit seiner Band Nationalgalerie auf dem Sony-Sublabel "Dragnet" war, ging es sofort um alles: "Das war eine ganz andere Zeit. Ein Kampf gegen die Deutschrocker, Kunze, Westernhagen, Grönemeyer, mit deren Vorherrschaft wir aufräumen wollten." Und nicht nur das: Neue CD, neue Tour, der Song "Evelin" auf der "Bravo"-Compilation, das Blau fiel vom Himmel, die Kohle musste raus. All das Geld mache eine Platte aber nicht besser, sagt Frevert. Wenig schlau sei es von den Plattenfirmen gewesen, sich keine Gedanken darüber zu machen, was zukünftig noch so kommen könnte und wie man damit umgeht. "Es ging dauernd nur um 'Umstrukturierungen', alle paar Wochen hatte man einen neuen Produktmanager. Da wurde Geld ausgegeben und Zeit verschenkt – das konnte nicht gut gehen."

Niels Frevert redet ungern über das sogenannte "Business" und findet es "ganz schrecklich", wenn man als Musiker diesen goldenen Zeiten hinterher trauert: "Das sieht einfach scheiße aus." Vielmehr gehe es darum, sich mit den Zuständen zu arrangieren und trotzdem seine Würde zu bewahren.

Dass nun sogar die Streicherarrangements auf den neuen Frevert-Stücken würdevoll klingen, liegt am 65-jährigen Werner Becker, der in den Siebzigern als Easy Listening-Komponist "Anthony Ventura" zu Weltruhm gelangte und später für Schlager-Interpreten wie Howard Carpendale, Nino de Angelo oder Roger Whittaker arrangierte und produzierte. "Ich hatte Werner schon mal vor Jahren getroffen und wusste: Er ist ein Genie. Der hat noch eine andere Seite, die er vielleicht bisher gar nicht ausleben konnte. Ich habe mich erst nach längerer Zeit getraut, mir seine Nummer zu besorgen und ihn anzurufen. Als er schließlich zusagte, wusste ich: Das ist der letzte Baustein."

Diesen unbedingten Respekt vor den Großen des Geschäfts hört man nun auch Freverts Hildegard-Knef-Cover "Ich möchte mich gern von mir trennen" an. Er hat es zu seinem eigenen Song gemacht, nur die Worte "belgischer Schrank" und "Nußbaumklavier" gegen "schwedischer Schrank" und "Telecaster" ausgetauscht - mit seiner leisen, nicht erlernbaren Ahnung, worum es eigentlich geht.



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