Album der Woche mit Sophia Kennedy Ungeheuer gut

Die Hamburger Musikerin Sophia Kennedy eröffnet auf »Monsters« einen faszinierenden kleinen Horrorladen voll bittersüßer Pop-Bonbons: unser Album der Woche. Und: Neues von Van Morrison und Squid.
Sängerin Sophia Kennedy

Sängerin Sophia Kennedy

Foto: BENJAKON / City Slang / picture alliance / dpa

Album der Woche:

Sophia Kennedy – »Monsters«

Mit Monstern ist es ja so eine Sache: Manche vermuten sie im Schrank oder unter dem Bett, gucken aber lieber nicht so genau nach. Manche bestreiten rundheraus ihre Existenz (wie langweilig!) – und andere klappen einfach den Deckel ihres Konzertflügels auf, lassen den Kreaturen im Inneren freien Lauf, setzen sich aber erst mal selbstvergessen daneben, um die neuesten Nachrichten auf dem Handy zu checken. So wie die Hamburger Musikerin Sophia Kennedy auf dem Cover ihrer zweiten LP. Das aufgeklappte Klavier sieht im Zwielicht eines Tonstudios schon aus wie das zum Reißen und Verschlingen bereite Maul einer verschlagenen fleischfressenden Pflanze wie im »Little Shop of Horrors«. In der nächsten Szene, man ahnt es, wird allerschönstes Chaos ausbrechen.

Kennedy hat Filmwissenschaft studiert und Theatermusik geschrieben, bevor sie 2017 mit ihrem Debütalbum plötzlich zum auch international gefeierten Popstar wurde. Die 31-Jährige, die eigentlich aus Baltimore in den USA stammt, als Kind aber mit ihrer Mutter nach Göttingen übersiedelte, kennt sich aus mit der Verzahnung von Performance, Inszenierung und Musik, das Cineastische ist ein elementarer Bestandteil ihres Pop-Entwurfs, sie spielt damit, wie im Video zu ihrem neuen Song »I Can See You«, wenn sie bedröhnt zum Lamborghini kriecht wie Leonardo DiCaprio in Scorseses »The Wolf of Wall Street«. Früher irritierte sie das alternative Szenepublikum mit glamourösen Auftritten im engen roten Lackkostüm und ihrem theatralischen, manchmal divenhaften Crooner-Gesang. Man könnte sie sich auch gut im Frack mit Zylinder vorstellen, als neue Marlene dieser neuen, flirrend unruhigen Zwanzigerjahre.

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Musikalisch sucht man vergeblich nach Referenzgrößen in der heimischen Popmusik. Die so furchtlose wie fantasievolle Songwriterin Kennedy spielt, das steht spätestens jetzt fest, in einer Liga mit PJ Harvey, St. Vincent oder Nadine Shah. Ihr Sound aber, erneut mitkomponiert von Produzent Mense Reents (Goldene Zitronen, Egoexpress) hat seine Wurzeln weniger im Rock, sondern im Vaudeville und American Songbook. Ihre Showtunes pulsieren im Rhythmus der Minimal-Beats aus der Hamburger Elektronikszene, als wäre der Golden Pudel Club ein Musicaltheater.

Die »Monster«, mit denen es Kennedy nun aufnimmt, sind zum einen ihre Songs, die sie in einem Interview als »kleine, unfertige Ungeheuer« bezeichnete, die im Studio gebändigt werden mussten. Schwer genug: Wie gelingen einem Nachfolger von fast perfekten, präzisen Popsongs wie »Build Me a House« oder »Kimono Hill«, die Kritiker vor vier Jahren in Ekstase versetzten? Inzwischen brachte sie zusammen mit der Filmemacherin und Musikerin Helena Ratka ein Noir-Disco-Album unter dem Namen Shari Vari heraus und sang erstmals Deutsch in einem sonoren Duett mit Stella Sommer.

Diese Lockerungsübungen sind nun auf »Monsters« spürbar. Kennedy lässt ihren Songs mehr Raum für Improvisationen, die Musik wirkt psychedelisch entgrenzt, manche Töne sind absichtlich schräg und schief, ab und zu furzt ein elektronisches Modul tolldreist irgendwo hinein, »Seventeen« tuckert auf dem ganz billigen Bossa-Preset einer Heimorgel dahin. Dann wieder wird das Schwebende, mitternächtlich Surreale plötzlich von echten, handfesten Drums geerdet wie in »Chestnut Avenue« oder »I'm Looking Up«, das wohl vom Tod ihres Vaters vor zwei Jahren handelt.

Es geht um Transzendenz im Angesicht von Trauer, Verlust und Apokalypse. Oft gleitet die Protagonistin dieser durch den Äther rauschenden Tracks über alles Irdische hinweg, im Limbo zwischen Leben und Sterben, bis das Gefühl für oben und unten erlösend verloren geht wie im Jazzfunk-Trip »Up« – neben »I Can See You« der vielleicht eindeutigste Hit dieses Albums.

Der Absturz aber ist immer nah: In »Seventeen« fällt die Sängerin aus dem höchsten Baum und muss sich das Blut von den zerbeulten Flügeln lecken. Da liegt sie dann und wartet auf die Insekten, die ihre Knochen zernagen werden (in »Animals Will Come«), während sie den orangefarbenen Himmel der Klimakatastrophe bestaunt (»Orange Tic Tac«). »Like a ghost in a suit / I'm floating down the boulevard«, singt sie in ihrem strengen Sprechvortrag, der manchmal fast ein Rap ist. Ein Straßenhändler verkauft Aprikosen und kandierte Kirschen für uns dekadente Hedonisten und Narzissten, Zaungäste des Weltuntergangs. »I'm feeling alive, no troubles in sight«, höhnt sie in diese burlesk-bedrohliche Szenerie hinein, ihre beautiful dark twisted fantasy. Morbide? Wahnwitzig? Na klar! Aber in Sophia Kennedys Spiegelkabarett der Monster gibt es immer auch Hoffnung. Und sehr, sehr gute Popmusik. (9.0)

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Kurz abgehört:

Squid – »Bright Green Field«

Die neue britische Post-Punk-Szene bringt gerade eine aufregende Band nach der anderen hervor (Black Midi, Dry Cleaning). Squid kommen eigentlich aus Brighton und haben ihren zuvor minimalistischen Gang-of-Four-Gedächtnis-Sound für ihr Debüt zu einem drückenden, umwerfenden Chaos aus Jazz, Drones, Math-Rock und endlosen Killer-Grooves gegen den spätkapitalistischen Ennui entfesselt – mal wild brüllend, mal uncomfortably numb. Meilenstein-Material. (8.7)

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Van Morrison – »Latest Record Project Vol. 1«

Stellen Sie sich vor, sie müssen geschlagene zwei (!) Stunden einem sogenannten Querdenker und seinen frustrierten Tiraden zuhören: Der irische Blue-Eyed-Soul-Knurrhahn Van Morrison, 75, inzwischen Aluhütchen-Protestsänger, hat sich auf seinem neuen Album eher wenig Mühe mit der gut abgehangenen Bluesmusik gegeben, dafür säuert er mit umso mehr Leidenschaft und mindestens so paranoid und selbstmitleidig wie Kollege Morrissey über Social Media, vermeintliche Presselügen – und Verschwörungen, britische Coronapolitik (alles Idioten außer Nigel Farage) – und fragt sich, wo denn eigentlich die Rebellen geblieben seien, zu denen er sich offenbar auch im Greisenalter noch zählt. Tja. Wenn's denn wenigstens Punk wäre, nicht nur übel riechender Pups. (1.0)

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Lisa Who – »Ein neuer Beginn«

Madsen-Keyboarderin Lisa Who brachte 2017 ihr tolles Debüt »Sehnsucht« heraus, aber die Zeit war wohl noch nicht reif für eine deutsche Musikerin, die träumerischen Progrock spielt. Ihr neues Album, inzwischen auf ihrem eigenen Label, macht nun nachvollziehbar viele Pop-Zugeständnisse, Songs wie »Leichtigkeit« lassen sich aber immer noch zwei Minuten Zeit fürs atmosphärische Space-Opera-Intro. Gut, dass sie nicht aufgegeben hat. (7.0)

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Rag'n'Bone Man – »Life By Misadventure«

Und noch ein Wiederkehrer aus dem Popjahr 2017: Rory Graham, ein sehr sympathischer und stimmgewaltig bäriger Sänger aus Brighton, hatte damals einen Welthit mit dem Gospel-Blues »Human«. Das Potenzial von einem Künstler wie Rag'n'Bone Man, der früher auch in der Hip-Hop-Szene aktiv war, liegt darin, Tradition mit Moderne zu verknüpfen. Leider ging er jetzt einen Schritt zurück. Nach Nashville, ins allzu seichte Country-Pop-Terrain. Schön, aber schade. (4.0)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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