Zum Tod von SOPHIE Es ist okay, zu weinen

Die britische Produzentin und Sängerin SOPHIE revolutionierte mit ihrer brachialen Soundästhetik die Popwelt und wurde zur queeren Ikone der Post-Genre-Ära. Nun verunglückte sie mit 34 Jahren. Ein Nachruf.
SOPHIE 2016 in London

SOPHIE 2016 in London

Foto: Joseph Okpako / Redferns

Pionierin, Ausnahmekünstlerin, Revolutionärin – es sind Zuschreibungen, die in Nachrufen auf Größen der Popwelt geradezu inflationär benutzt werden. Bezogen auf SOPHIE scheint jedoch kein Superlativ groß genug, um das Vermächtnis zu würdigen, das die 34-Jährige der Popwelt nach ihrem überraschenden Tod hinterlässt.

Mit ihrem radikalen Hyperpop erhob sie den Maximalismus zum Prinzip und sprengte die Grenzen zwischen Mainstream und Underground. Ob Madonna, Rihanna oder Nikki Minaj – wer mit SOPHIE kollaborierte, konnte sich der anerkennenden Blicke der Cool-Kids sicher sein. SOPHIE war larger than life. Dabei trat sie persönlich hinter ihren wegweisenden Produktionen meist fast bescheiden zurück.

SOPHIE bei den Londoner AIM Awards

SOPHIE bei den Londoner AIM Awards

Foto: picture alliance / Photoshot

Durch ihren Vater mit Ravekultur und elektronischer Tanzmusik sozialisiert, begann die gebürtige Schottin Sophie Xeon ihre Karriere als DJ und in einer Elektropop-Band namens Motherland. Anfang der 2010er-Jahre kam sie über SoundCloud mit A.G. Cook und Danny L. Harle in Kontakt, die mit ihrem Londoner Avantpop-Label PC Music den Sound der kommenden Jahre prägen sollten.

Nachdem SOPHIE 2012 die für ihre Verhältnisse noch relativ konventionelle Dancepop-Nummer »Nothing More To Say« veröffentlichte, gelang ihr mit der EP »Bipp/Elle« 2013 der Sprung auf den Radar der Popkritik, die sich daraufhin leidenschaftlich an ihrem ungreifbaren Verwirrspiel aus Sound und Identitäten abarbeitete.

»Es klingt so, als würde SOPHIE aus Jam City’s futuristischem Sample-Pack und Studiotricks ›D.A.N.C.E‹ für die Post-Bass-Musikgeneration rekreieren«, wagte Pitchfork damals den kläglichen Versuch, SOPHIE in bestehende Kategorien einzuordnen. Dabei wurde hier mitnichten etwas rekreiert. In einer sich endlos selbst wiederkäuenden Popwelt erschuf SOPHIE einen bis dato ungehörten, eigenständigen Sound.

»Bipp« war Bass-Musik mit rausgedrehtem Bass, wie ein endloser Break auf dem Dancefloor, auf den der sehnsüchtig erwartete Drop einfach nicht folgen will. Das ebenso elektrisierende wie nervenaufreibende Spiel mit Erwartungen, es wurde zu SOPHIEs Prinzip. Sie bezeichnete ihren Sound als »Advertising«, also »Werbung«. »Lemonade«, ein Song aus ihrer 2015 erschienen EP »Product«, lief sogar als Werbemusik in einer McDonald’s-Kampagne.

Künstlichkeit und Authentizität, Ironie und Ernsthaftigkeit, SOPHIE drehte diese Konzepte konsequent durch den Verzerrer. Die groteske Symbiose aus aufgekratztem J-Pop, Eurodance und bis zur Schmerzgrenze hochgepitchten Frauenvocals schockierte und verabschiedete sich endgültig von gängigen Kategorien wie Mainstream und Underground in ein Zeitalter des Post-Genres.

Zuschreibungen wie »Intelligent Dance Music« oder »experimentell« lehnte SOPHIE zeitlebens ab, da sie diese als elitär und vorhersehbar wahrnahm, mehr übermännliche Nerdpose, als tatsächlich innovativ. Stattdessen nannte sie Kraftwerk und die Pet Shop Boys als wegweisende Einflüsse. Beiden verhalf ihrerzeit die Kombination aus bahnbrechenden Produktionstechniken gepaart mit eingängigen Hooks zur gleichzeitigen Anerkennung im Underground wie im Formatradio.

SOPHIE-Show bei der Pariser Fashion Week im Oktober 2019

SOPHIE-Show bei der Pariser Fashion Week im Oktober 2019

Foto: Bertrand Rindoff Petroff / Getty Images

Den Underground hatte SOPHIE mit ihrem brachialen Schreddersound von Anfang an auf ihrer Seite. Statt sich jedoch mit zunehmender Bekanntheit dem massentauglichen Mainstreamsound anzupassen, gelang SOPHIE ein unglaubliches Kunststück: Sie sorgte umgekehrt dafür, dass sich der Mainstream ihrem Sound anpasste.

Als Produzentin von »Bitch I’m Madonna (feat. Nikki Minaj)« verhalf SOPHIE 2014 der Queen of Pop zu einem edgy Sound-Makeover, ein Jahr später befreite sie Charli XCX durch die Zusammenarbeit an deren EP »Vroom Vroom« aus der gefälligen Popsternchenpose. Dass Charli XCX heute zu den interessantesten Popstars der Zeit gehört, ist unbestritten. Sie gilt als Star des sogenannten »Hyperpop«, einer stildiversen Onlineszene, die mit queeren Künstler*innen wie Kim Petras, 100 Gecs oder Dorian Electra gegen den heteronormativen Popmainstream rebelliert. Ohne SOPHIE wäre diese Szene undenkbar.

Denn auch in diesem Punkt kann man SOPHIEs Stellung als radikale Pionierin nicht genug betonen: Für ihr 2018 erschienenes Debütalbum »Oil of Every Pearl’s Un-Insides« – eine phonetische Transkription des Satzes »I love every person’s insides« – wurde sie für einen Grammy nominiert, als eine der ersten Transfrauen jemals. Das Album war gleichsam ihr öffentliches Coming-out, mit dem sie das jahrelange Versteckspiel hinter dem gesichtslosen, zu Beginn von manchen Medien noch als männlich gelesenen, Alias SOPHIE beendete.

SOPHIE 2016 beim Reading Festival in Reading, Großbritannien

SOPHIE 2016 beim Reading Festival in Reading, Großbritannien

Foto: Burak Cingi / Redferns

Mit »Faceshopping« dekonstruierte sie darauf das Konzept der realness und beschrieb mit dem verfremdeten Disney-Cover von Aladdins »Whole New World/Pretend World« eine ebenso unheimliche wie sehnsüchtig erwartete Weltflucht. Im Video zu »It’s Okay To Cry« zeigte sich SOPHIE hingegen mit rotem Lippenstift und nacktem Oberkörper so radikal pur und verletzlich, dass einem der Atem stockt.

SOPHIEs Wandelbarkeit und Facettenreichtum sind unübertroffen, ihr viel zu früher Unfalltod ist eine unfassbare Tragödie. Auch wenn ihr Vermächtnis als eine der bedeutendsten Musikproduzentinnen der 2010er-Jahre überdauern wird, weint die Popwelt um eine Visionärin, die schmerzlich fehlen wird.

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