Soul-Entdeckung Joss Stone Hallo Hippiemädchen

In den USA und Großbritannien wird die erst 16-jährige Engländerin Joss Stone bereits als große, neue Hoffnung des Soul gefeiert. Bei ihrem ersten Auftritt in Deutschland lieferte sie ein überragendes Konzert ab. Aber fand das alles wirklich im Hier und Jetzt statt?

Von Jörg Schallenberg, München


Sängerin Stone: Perfektes Bild eines Hippiemädchens

Sängerin Stone: Perfektes Bild eines Hippiemädchens

Hallo 1970. In dem Augenblick, da Joss Stone die kleine Bühne im Night Club des Bayerischen Hofs betritt, wähnen sich die Besucher allmählich auf einer Zeitreise. Schon das Ambiente im Untergeschoss des Münchner Nobelhotels erinnert mit der Mischung aus Ziegelmauern und dunkel vertäfelten Decken an die Luxusausgabe eines Siebziger-Jahre-Partykellers, aber erst dieses Mädchen: Barfuß geht sie zum Mikrofon, der dunkelrote Batikrock fällt ihr bis auf die Zehen, darüber trägt sie ein bauchfrei und ein knappes schwarzes Top, die Wangen glänzen rot und das offene blonde Haar wallt fast bis zum Po herunter. Wenn man das perfekte Bild eines Hippiemädchens aus der Flower Power-Ära sucht, dann wäre Joss Stone die Idealbesetzung.

Doch das ist ja nur das Äußere. Noch verblüffender wird es, wenn Stone das Mikrofon nimmt und zu singen beginnt. "The Chokin' Kind" heißt das Stück des eher unbekannten Sängers Joe Simon. Es stammt, natürlich, aus den frühen Siebzigern - und hört sich auch so an. Joss Stone klingt nach purem US-Soul, nach Detroit oder Memphis, nach einer schwarzen Stimme, nach einer Menge Lebens- und Bühnenerfahrung. Mit ihrem leichten Blues-Touch könnte sie eine Mischung aus Janis Joplin und Mavis Staples abgeben, hat ein US-Kritiker begeistert - und völlig zu Recht - festgestellt. Bloß: Joss Stone ist erst 16 Jahre alt, weiß und stammt aus der englischen Grafschaft Devon. Und sie ist das neue Wunderkind des Soul.

Newcomerin Stone: Traumwandlerisch und sicher

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In Großbritannien und den USA feiern die Medien den Teenager enthusiastisch, seit ihre CD "The Soul Sessions" im vergangenen Jahr erschienen ist. Darauf versammelt Stone eine Reihe von Soul-Klassikern, die meist nicht zu den ganz großen Hits des Genres zählen, darunter "For The Love Of You" von den Isley Brothers oder "Some Kind Of Wonderful", das John Ellison 1967 für die Soul Brothers Six schrieb. Lediglich ihre erste Single fällt aus der Reihe, denn da wagt sich Stone an eine Coverversion von "Fell In Love With A Girl" (bei ihr heißt es "Boy") von den White Stripes - und zaubert daraus eine grandiose Funk-Nummer.

So viel geschmackliche Sicherheit zusammen mit einem fast unwahrscheinlichen Stilbewusstsein und einer außergewöhnlichen Stimme ließen allerdings nicht nur die Journalisten auf Joss Stone aufmerksam werden. Simply Red luden sie auf ihre Tour ein, Paul Weller holte sie zu Aufnahmen ins Studio und Lamont Dozier, ein Drittel des sagenhaften Soul-Komponisten-Trios Holland-Dozier-Holland bot an, ein paar Songs für sie zu schreiben.

Wo andere vermutlich vor Begeisterung ins Mikro beißen würden, bleibt Joss Stone erstaunlich cool. Sie habe eigentlich nie vorgehabt, berühmt zu werden, gibt sie in Interviews achselzuckend zu Protokoll, das viele Geld verwalte ohnehin ihre Mutter und danke, Mr. Dozier, aber sie möchte doch jetzt lieber eigene Songs für ihre nächste CD schreiben. Die "Soul Sessions" waren ohnehin mehr ein Testlauf. Wie gelungen der war, bewies auch ihr erster und vorerst einziger Auftritt in Deutschland. Die Plattenfirma hatte in den Bayerischen Hof geladen und der "Night Club" war schon lange vor Konzertbeginn gerammelt voll.

Shooting-Star Stone: Wunderkind statt Wackelstimme

Shooting-Star Stone: Wunderkind statt Wackelstimme

Für Stone war der Auftritt durchaus ein Wagnis, denn vor einem Publikum zu debütieren, dass fast ausschließlich aus Medienvertretern und Angehörigen von Plattenfirmen oder PR-Agenturen besteht, die sowieso alles schon mal gehört und gesehen haben, kann leicht in die Hose gehen. Tatsächlich aber bekam die 16-Jährige zwischenzeitlich standing ovations und am Ende derart begeisterten Applaus, dass zur Zugabe festlich gewandete Gäste aus den anderen Bars des Hotels in den "Night Club" strömten. Selbst der frühere BDI-Chef Hans-Olaf Henkel riskierte einen Blick - vielleicht fühlte sich der Über-Manager ja an seine Jugend erinnert, in der er nach eigenen Angaben ein rebellischer Hipster war.

Man mag das bezweifeln - wahr ist dagegen, dass Joss Stone auch auf der Bühne buchstäblich ein Naturtalent sein muss. Sie bewegt sich so traumwandlerisch sicher und unaffektiert, als hätte sie nie etwas anderes getan. Zwischen den Songs wirkt sie mit ihren leisen Ansagen zwar etwas schüchtern, aber dann stellt sie so beiläufig wie gekonnt ihre Band vor und reißt das Publikum mit einem plötzlichen Energieschub so unwiderstehlich von den Sitzen, dass manchem altgedienten Profi die Augen tränen müssen.

"Und die ist wirklich erst 16?", fragt beim Herausgehen ein Besucher ungläubig staunend seinen Nebenmann. Aber sicher. Nebenbei tritt das Soul-Wunderkind Joss Stone allerdings noch den Beweis an, dass TV-Talentshows mehr hervorbringen können als geklonte Bühnenäffchen mit Wackelstimme. Denn entdeckt wurde sie mit 12 Jahren in der BBC-Show "Star for a night", als sie Donna Summers "On The Radio" sang und damit den Hauptkonkurrenten, eine Robbie-Williams-Kopie, aus dem Studio fegte. In England gab und gibt es allerdings auch keinen Dieter Bohlen in der Jury.


Joss Stone: "Soul Sessions" (Virgin/EMI) wird am 23. Februar 2004 in Deutschland veröffentlicht.



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