Soul-Legende Mavis Staples "Wir werden immer noch misshandelt"

Mavis Staples ist eine Ikone der Soulmusik. Ihre Neueinspielung berühmter Songs der US-Bürgerrechtsbewegung könnte zum Meilenstein engagierter Popmusik werden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt sie: "Wir brauchen schwarze Führungs-Figuren!"

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie veranlasst, Bürgerrechts-Songs wie "We Shall Not Be Moved" ein halbes Jahrhundert später noch einmal aufzunehmen?

Mavis Staples: Die Zeit ist längst reif dafür: Schließlich hat sich Dr. Kings Traum immer noch nicht bewahrheitet, gibt es nach wie vor Rassismus, bilden die schwarzen Amerikaner immer noch den Bodensatz der Gesellschaft. Wir sind im 21. Jahrhundert angelangt und werden immer noch misshandelt und missbraucht. Mit meiner alten Familienband, den Staple Singers, haben wir den Bürgerrechts-Kämpfern einst die Musik geliefert. Warum also nicht noch einmal den Geist von damals beschwören? Zumal viele der Songs noch nie auf Platte aufgenommen wurden.

SPIEGEL ONLINE: Aber passen denn die alten Texte noch auf die neuen Verhältnisse?

Staples: Die Bilder nach Katrina sitzen mir immer noch im Nacken: Menschen, die hilflos in den Fluten treiben, auf Hausdächern verzweifelt ihre Schilder schwenken, um ihr Überleben betteln. Von der Regierung kam niemand diesen armen Schwarzen zu Hilfe. Zuletzt packten sie Tausende von ihnen ohne Wasser und Verpflegung in ein Football-Stadion. Und wer sich über die Brücke zu den weißen Vororten retten wollte, wurde von bewaffneten Sheriffs aufgehalten. Als ich das im Fernsehen mitverfolgte, kamen mir die Erinnerungen an die Tage der Bürgerrechtsbewegung hoch: Die weißen State Trooper in Alabama, die mit Wasserwerfern auf uns zielten, ihre Hunde auf uns hetzten und uns zusammenschlugen, als wir zum Beten niederknieten.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Gewalt gegen Schwarze heute wirklich mit den Zuständen aus den sechziger Jahren vergleichbar?

Staples: Nun, wir können in den selben Hotels schlafen und in den selben Restaurants essen. Andererseits habe ich gerade gehört, dass Polizisten in New York 50 Kugeln auf einen unbewaffneten Schwarzen abgefeuert haben. 50 Kugeln? Ist das wirklich nötig?


SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, das passiert in Amerika nur Schwarzen?

Staples : Wenn etwa ein Tornado durch eine weiße Vorstadt wirbeln würde, wären die nötigen Rettungskräfte der Regierung und der Armee schon am nächsten Tag vor Ort - und nicht wie in New Orleans erst eine Woche später.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Beitrag kann Ihre Platte leisten?

Staples : Wir Afroamerikaner befinden uns in einer Phase der Orientierungslosigkeit. Aber meine Musik könnte sowohl die Veteranen von damals als auch Jugendliche und Yuppies animieren, endlich aufzustehen – und die Arbeit, die Dr. King anfing, zu Ende zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn heute in der schwarzen Popmusik keine Stimmen des Widerstands mehr?

Staples: Doch, ich glaube, dass viele junge Leute nur darauf warten, dass ein Rapper die Themen von damals wieder aufgreift. Er könnte dasselbe mit anderen Worten sagen. Über die Freiheit rappen ...

SPIEGEL ONLINE: Sie interessieren sich für HipHop?

Staples: Mir ist es erst nach den Aufnahmen gedämmert, wie gerne ich Rapper auf meiner Platte dabei gehabt hätte. Schließlich bin ich mit einigen von ihnen befreundet: Kanye West, LL Cool J, Ice Cube. Wenn ich sie das nächste mal treffe, werde ich versuchen, sie für ein gemeinsames Projekt zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Oder für einen Remix der Bürgerrechtssongs.

Staples: Oh danke, gute Idee!

SPIEGEL ONLINE: Obwohl Katrina eine solche Jahrhundert-Katastrophe darstellte, haben erstaunlich wenig schwarze Popstars Songs darüber geschrieben.

Staples: Das ist eine Schande. Zwar haben viele bekannte Musiker gespendet und sind auf Wohltätigkeitskonzerten aufgetreten – aber nun wird Katrina langsam aus unserem Bewusstsein ausgeblendet. Obwohl die Verwüstung immer noch da ist, noch nicht einmal Unterkünfte für alle Rückkehrwilligen gebaut sind.

SPIEGEL ONLINE: Zu Bürgerrechtszeiten hätte Dr. King der Regierung Druck gemacht.

Staples: Uns fehlen seit der Ermordung von Dr. King integre schwarze Führungsfiguren. Die meisten seiner Nachfolger haben aus der Bürgerrechtsbewegung vor allem persönlichen Gewinn geschöpft. Der Teufel ist da immer am Machen.

Ist Afroamerika in politische Apathie verfallen?


SPIEGEL ONLINE: Hat die politische Apathie Afroamerikas auch mit dem Scheitern der Bürgerrechtsbewegung zu tun?

Staples: Apathie ist ein zu starkes Wort: Immerhin engagieren sich viele Pfarrer und ihre Kirchen, haben aus der Bürgerrechtsbewegung entstandene Organisationen wie die NAACP immer noch ein Wörtchen mitzureden. Andererseits bekommen viele junge Menschen davon gar nichts mit. Weil wir in unseren Schulen kaum schwarze Geschichte unterrichten. Das ist das eigentliche Problem!

SPIEGEL ONLINE: Offensichtlich verkauft sich politischer Protest auch auf dem Popmarkt nicht allzu gut.

Staples: Da bin ich mir gar nicht sicher. Aber die meisten Rapper haben natürlich erst einmal Dollarbündel im Kopf. Sie können über Nacht reich und berühmt werden – etwas, das uns früher Jahre gekostet hat. Entsprechend ticken die Jugendlichen: Warum irgendwelche politischen Umwege gehen, wenn doch ein großes Haus und ein schnelles Auto so leicht zu haben sind? Wir Älteren müssen uns selbst dafür die Schuld geben, weil wir seit Jahrzehnten keine Vorbilder vom Format eines Dr. King oder Malcolm X hervorgebracht haben. Ich bin froh, noch ein paar sozialkritische Rapper wie The Roots oder Common zu hören.

SPIEGEL ONLINE: Welche Vorbilder hatten Sie als Jugendliche?

Staples: Als Staple Singers hatten wir uns Dr. King angeschlossen, nachdem wir ihn reden gehört hatten. Mein Vater versammelte die Familie damals um sich: Wenn Dr. King diese Botschaft predigen kann, dann können wir sie auch singen! So kam er dazu, "March On Freedom Highway" speziell für den Protestzug von Selma nach Montgomery zu schreiben. Dann sangen wir "It’s A Long Walk To D.C.” für den Marsch auf Washington, D.C.. Am liebsten aber hörte Martin Luther King "Why Am I Treated So Bad": Vor jeder Versammlung ermahnte er meinen Vater: "Pops, wirst Du heute auch meinen Song singen?"

SPIEGEL ONLINE: "Why Am I Treated So Bad" wurde neben "Respect Yourself” und "I’ll Take You There” zu einem der größten Hits der Staple Singers.

Staples: Er handelte von neun schwarzen Kindern in Little Rock, Arkansas. Sie versuchten wochenlang, ihr verfassungsmäßiges Recht wahrzunehmen und einen Bus zu einer weißen Schule zu besteigen, wurden aber stattdessen beschimpft, bespuckt und mit Steinen beworfen – bis der amerikanische Präsident ein Machtwort sprach. Doch selbst dann hinderten der Sheriff die Kinder daran, den Bus zu nehmen. Was blieb uns also übrig, als einen Song darüber zu schreiben?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst an Protestaktionen teilgenommen?

Staples: Oh ja, ich erinnere mich an die Sit-Ins in damals nur Weißen vorbehaltenen Restaurants. Sie bedienten uns nicht – sondern riefen stattdessen die Polizei. Wir aber sangen alle zusammen "We Shall Not Be Moved", selbst als wir schon rausgetragen wurden... Meine Eltern lehrten mich, niemals Streit anzufangen, aber auch das Unrecht nicht einfach wegzustecken. Einmal sind wir deswegen alle ins Gefängnis gewandert: Mein Vater hatte in Memphis einen Weißen geschlagen, weil er es einfach nicht mehr ertragen konnte, "boy" gerufen zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie nicht, dass Sie der Kampf gegen immer neue Ungerechtigkeiten verbittern könnte?

Staples: Nein, ganz im Gegenteil: Wir haben schon viel Tränen und Wut weggesteckt. Wegen dem Mord an Dr. King, der Tragödie nach Katrina, den Hunderttausenden ins Gefängnis gesperrten schwarzen Jugendlichen. Aber deswegen muss unser Protest nicht humorlos oder verbittert sein. Wissen Sie, was ich am meisten mit der Zeit der Bürgerrechtsbewegung assoziiere? Dr. Kings gutgelauntes Lachen. Ich hörte es oft schon von weit her, wenn wir zu einer Versammlung kamen. Und wie ich das liebte! "Oh, mein Gott”, sagte ich mir dann, wie wunderbar! Wir haben immer noch etwas zu lachen!

Das Interview führte Jonathan Fischer