Soul-Star Joss Stone "Leidenschaft ist keine Frage des Alters"

Mit "Mind, Body & Soul" veröffentlicht die britische Soul-Sängerin Joss Stone bereits ihr zweites Album innerhalb eines Jahres. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der erst 17-jährige Shooting-Star über pubertierende Gleichaltrige und den Vorwurf fehlender Lebenserfahrung.


Sängerin Stone: "Ich bin jung, bei mir zählt der erste Eindruck"
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Sängerin Stone: "Ich bin jung, bei mir zählt der erste Eindruck"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Stone, zwei Alben in einem Jahr sind selbst für gestandene Künstler kaum zu schaffen. Waren Sie mit Ihrem vielfach hoch gelobten Debüt nicht zufrieden?

Joss Stone: Ich gebe zu, dass das schon ein bisschen ungewöhnlich aussieht. Aber tatsächlich ist das neue Album für mich eher ein Debütalbum als "The Soul Sessions". Dieses Album betrachte ich als meine persönliche Visitenkarte, damit habe ich der Welt gezeigt, wer ich bin und was ich drauf habe. Auf dem neuen Album habe ich an einem Dutzend Songs selbst mitgeschrieben. Das zeigt mehr von mir und von meiner Seele als "The Soul Sessions".

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Seele, Soul hat aber auch viel mit Leidenschaft zu tun. Verfügen Sie mit 17 Jahren schon über ausreichend Potenzial, um den Ansprüchen der Soulmusik gerecht zu werden?

Stone: Ich glaube, Leidenschaft ist keine Frage des Alters. Gerade das sehe ich als meinen großen Pluspunkt an. Ich bin jung, bei mir zählt der erste Eindruck. Das ist ebenso wichtig wie für ältere Sänger die Lebenserfahrung, die ich ja noch nicht habe. Aber Leidenschaft hat auch etwas mit Gefühl zu tun. Warum soll ich als 17-Jährige nicht ebenso viel Gefühl in meine Songs legen können wie eine 50-jährige?

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht, weil ein Teenager noch nicht die emotionale Reife einer 50-Jährigen hat.

Teenager Stone: "Noch kann ich mich frei bewegen"

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Stone: Ich denke genau anders. Ich bin jung, ich erlebe alles, was gerade mit mir passiert, zum ersten Mal. Unter diesem Eindruck kann ich sicherlich ebenso viele Emotionen in meine Songs legen wie eine ältere Sängerin, die diese Gefühle vielleicht schon hundert Mal erlebt hat. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit, weil ich erst 17 bin. Aber ich denke, dass ich ebenso emotionales Potenzial habe, Soul-Klassikern aus den siebziger Jahren gerecht zu werden. Vielleicht auch deshalb, weil ich mit meinen jungen Jahren auch eine andere Herangehensweise habe als viele ältere Sängerinnen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt überhaupt Ihr Hang zur klassischen Soulmusik, die Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre populär war, als Sie noch gar nicht geboren waren?

Stone: Meine Mutter war Hippie und hat neben Rock auch immer Soul gehört. Ich denke, das hat auf mich abgefärbt. Ich bedauere es sehr, nicht selbst in dieser Zeit gelebt zu haben. Woodstock, so male ich mir da jedenfalls aus, muss das Allergrößte gewesen sein. Damals hat Musik nicht nur politische Bedeutung gehabt, sondern auch tatsächlich noch vielschichtige Gefühle in den Menschen ausgelöst. Deshalb liebe ich diese alten Songs.

Souldiva Houston: "Ihr Beispiel macht mir Angst vor zu viel Ruhm"
DPA

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SPIEGEL ONLINE: Sie sehen auf der Bühne manchmal selbst wie ein Hippiemädchen aus.

Stone: Vielleicht kleide ich mich manchmal wie ein Hippie, das macht mich aber noch lange nicht zu einem. Ich glaube, dass passt auch nicht mehr in die heutige Zeit. Um als Hippie zu gelten, kommt es vor allem auf den Lebensstil an. Und da denke ich alles andere als freigeistig. Mein Geld zum Beispiel hat meine Mutter so angelegt, das ich erst mit 25 drankomme. Das hat nichts mit einem Hippieleben zu tun. Und nur, weil ich gelegentlich mal barfuß auftrete, macht mich das nicht zu einer Ausgeflippten.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden in der Vergangenheit schon mit Aretha Franklin verglichen. Fühlen Sie sich durch solche hochkarätigen Vergleiche unter Druck gesetzt?

Stone: Einerseits ehren mich solche Vergleiche, weil sie sich auf meine Stimme beziehen. Damit scheine ich ja tatsächlich einen Nerv bei vielen Leuten getroffen zu haben, und das ist auch eine Art Bestätigung. Andererseits sind solche Vergleiche völliger Unsinn und sollen nur helfen, mich für ein breites Publikum zu kategorisieren. Dass ich nichts mit Aretha Franklin gemeinsam habe, ist mehr als offensichtlich. Denn so eine wie sie gibt es in hundert Jahren nur einmal. Bei einem Vergleich mit ihr kann man nur verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sagen Ihnen viele Kritiker eine große Soulkarriere im Stile einer Whitney Houston voraus.

Shooting-Star Stone (in Glastonbury): "Meine Mutter war Hippie"
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Shooting-Star Stone (in Glastonbury): "Meine Mutter war Hippie"

Stone: Ich werde mit meiner Karriere hoffentlich etwas Besseres anfangen als sie. Es ist tragisch, wie eine so große Soulsängerin vor die Hunde geht. Ihr Beispiel macht mir auch Angst vor zu viel Ruhm. Ich möchte immer die Kontrolle über meine Karriere behalten und selbst bestimmen können, was ich machen will und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mutter war Hausverwalterin, Ihr Vater ist Fruchtimporteur. Sie selbst werden jedoch in der Öffentlichkeit groß. Vermissen Sie manchmal die Anonymität ihrer Heimatstadt in der Provinz Devon?

Stone: Was soll ich denn da vermissen? Das Abhängen auf dem Supermarkt-Parkplatz vielleicht? Ashill ist mir als Rückzugsort wichtig, als meine Heimat, aber Abwechslung herrscht dort für Jugendliche wie in einem Schuhkarton. Ich kann mich über mein Leben nicht beklagen, ich erlebe Dinge, die andere ihr ganzes Leben nicht erleben. Noch kann ich mich frei bewegen und noch werde ich auf der Straße nicht immer erkannt. Das gibt mir auch ein Gefühl von Respekt. Wenn ich diese Stimme nicht hätte, wäre ich auch nur ein verpickelter Teenager wie all die anderen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Job gibt Ihnen die Möglichkeit, aufregende Personen zu treffen. Mit wem würden sie sich gern einmal eingehender unterhalten?

Stone: Mit Bill Clinton. Mit Politik habe ich es nicht so, aber von einem Mann wie ihm würde ich mir versprechen, dass er mir Sachverhalte plausibel erklären kann. Mit meinem Vater kann ich darüber immer nur streiten.

Das Interview führte Stéfan P. Dressel


Joss Stones Alben "The Soul Sessions" (23. Februar 2004)und "Mind, Body & Soul" (27. September 2004) sind beide Virgin/EMI erschienen



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