Streaming-Landkarte Die Vermessung der Pop-Welt

Welche Musik wird in Berlin gehört? Und welche in Los Angeles? Der Streaming-Dienst Spotify dokumentiert die Abrufe als Landkarte: HipHop gibt weltweit den Ton an. Passend dazu wird mal wieder der Tod des Rock'n'Roll verhandelt.

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Na klar, es gibt so einige Kritik an Spotify: Der Streaming-Dienst reiche nur lachhafte Tantiemen an Musiker weiter, klinge gruselig, sei mit den Playlists ein weiterer Sargnagel für die Idee des Albums und entwerte überhaupt die Kunstform Musik. Außerdem greife Spotify obendrein, so wie alle relevanten Online-Läden, die Nutzerdaten ab.

Dass diese Informationen ziemlich spannend sein können, belegt nun eine von Spotify präsentierte "Musical Map". Die Analyse von beinahe 20 Milliarden Songs vermittelt eine Ahnung davon, was wo in der weiten digitalisierten Welt gehört wird. Welche Musiker sind in welchem Teil der Welt gefragt? Was ist der Sound von Berlin oder Hamburg? Was der von Tokio oder Helsinki?

In Köln sind Bläck Fööss und Klüngelköpp ziemlich populär

Das ist auch für Menschen, die nicht in der Musikindustrie unterwegs sind, ein feines Spielzeug, in dem man sich verlieren kann. Man lernt beispielsweise, dass in diesem Sommer Major Lazer weltweit gut im Rennen ist und Jakob Dylan in Berlin erstaunlich oft geklickt wird und Jamie XX in London punktet. Außerdem gibt es Playlists, in denen jene Songs aufgeführt werden, die, relativ gesehen, in einer bestimmten Stadt mehr gehört werden als in jeder anderen. In Köln, Überraschung, sind Mundart-Bands wie Bläck Fööss, Klüngelköpp und Domstürmer ziemlich beliebt.

Obendrein macht diese Spotify-Karte deutlich, dass das weltweit dominierende Genre im Spotify-Kontext derzeit HipHop ist, was sich mancherorts bis ins Lokale niederschlägt. In Berlin und Hamburg gehören jedenfalls die deutschen HipHop-Acts K.I.Z, Haftbefehl oder Cro zu den Top 100 der lokalen Playlists. Global gesehen ist der HipHop-Erfolg sicherlich auch dem immens erfolgreichen Album "To Pimp a Butterfly" von Kendrick Lamar zu verdanken, das im Vorbeigehen noch eine Bestmarke setzte: 9,6 Millionen Mal wurde es an einem einzigen Tag gestreamt.

Retten Newcomer den Rock'n'Roll?

Parallel zum Erfolg des HipHop wird derzeit mal wieder der "Tod des Rock'n'Roll" verhandelt. Genauer gesagt, lief bei der guten alten Tante BBC ein Special mit dem lustigen Titel "What Ever Happened To Rock'n'Roll", bei dem ergraute Hasen wie Eric Burdon, John Cooper Clarke und der derzeit unvermeidliche Noel Gallagher den guten alten Rock'n'Roll verbal zu Grabe trugen. Der reflexartige, ebenso öde Widerspruch erfolgte dann in einem Blogbeitrag des "New Musical Express", wo die junge Autorin auf allerlei obskure Newcomer-Bands verwies (Sunflower Bean?), die die Fackel des aufregenden Rock'n'Roll übernommen hätten.



insgesamt 26 Beiträge
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nemster 07.08.2015
1.
Der Denkfehler liegt hier in der Bandbreite der, von Spotify angebotenen, Musik. Das ist - überspitzt gesagt - als würden sie in eiem Michael Jackson Fanclub eine Umfrage über den besten Solokünstler machen: das Feld möglichen Antworten ist ergebnisverzerrend eingeschränkt.
tidi0003 07.08.2015
2. Aussagekraft dieser
Kleine Kinder und Menschen, die nicht erwachsen werden neigen dazu, sich selbst als Mittelpunkt der Welt zu betrachten. Der Anteil gestreamter Musik ist noch längst nicht so groß, wie ihn die Anbieter gerne hätten, und wenn Nutzer von spotify überwiegend Hip Hop hören, hat das aus meiner Sicht nur eingeschränkte Aussagekraft. http://www.manager-magazin.de/unternehmen/it/mm-grafik-so-digital-ist-der-deutsche-musikmarkt-a-1025719.html 25% Gesamtanteil am deutschen Musikmarkt - wer berichtet von den restlichen 75 %? Die Musik, die ich höre, kommt abgesehen von gelegentlichen Youtubevideos offline, d.h. von CD bzw. selbst erstellten mp3 / ogg oder live via Satellit (Radio und Fernsehen). Ich finde es erschreckend, dass sich Menschen aus Bequemlichkeit vollkommen transparent für die Industrie machen und das auch noch als Fortschritt bejubeln. Musik, die ohne stream oder download gehört wird, ist eben nicht erfassbar, weshalb man jedoch nicht so tun sollte, als gäbe es abseits des Internets keinen Musikkonsum mehr. Hier vermisse ich kritischen Journalismus - viele Artikel lesen sich wie aus der Feder der Marketingabteilung der jeweiligen Unternehmen.
derZabel_ 07.08.2015
3.
@nemster scheint so alt hätten sie Spotify noch nie benutzt es gibt nämlich fast alles und zwar auch sehr viele eher unbekannte Artisten die durch Spotify gute Möglichkeiten bekommen sich in die Ohren der Mainstreamhörer zu spielen....
erst nachdenken 07.08.2015
4.
An die ersten beiden Kommentare: Was Sie schreiben stimmt so schlicht nicht. Der Anteil der gestreamten Musik ist zwar in Deutschland recht gering, weltweit sieht die Sache allerdings etwas anders aus. Natürlich gibt es aber Musikstile, deren Hörer eher von diesen Diensten angezogen werden als andere, was die Statistik sicherlich verfälscht. Die Musikauswahl dürfte jedoch das geringste Problem sein, denn - gerade International - findet man dort mittlerweile tatsächlich fast alles und noch viel mehr.
TTC 07.08.2015
5. nun ja...
"Neue" Technologien oder Plattformen zu verteufeln ist simpel. Dennoch gibt es einen kaum besprochenen, riesigen Blend-Effekt bei Spotify und co. Zwar mag diese Übersicht als Anhaltspunkt dienen, ABER: Hören auf Spotify ist kostenlos. Klicks sagen nichts über die Beliebtheit aus, wie es damals ein Kauf getan hat. Einfach nur reinhören wird also auch als Erfolgsmaßstab mit einberechnet. Daraus resultiert eine total verzerrte Umverteilung im ohnehin unsäglichen Marketing und vermeintlich beliebte Superstars werden von einer blinden Maschinerie vor einer noch unkritischeren Masse hochgezüchtet. Gleiches gilt für Facebook. Likes sind kein realistischer Anhaltspunkt mehr für Beliebtheit, sondern dafür, wieviel Marketing Geld an Facebook für das promoten der "Page" bezahlt wurde. Die Mittel und Mechanismen sind viel zu sehr fortgeschritten, um Musik generell ihren eigentlichen Wert zurückzugeben.
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