Archivaufnahmen von Bob Dylan Diese Songs hätten den Sound der Achtziger prägen können

Miese Platten, noch miesere Laune: Die Achtziger gelten als schwieriges Jahrzehnt in der Karriere Bob Dylans. Wie es ganz anders hätte kommen können, zeigt jetzt die sensationelle Archivbox »Springtime in New York«.
Bob Dylan in den Achtzigern: Er zögert, er laviert, er trifft letztlich falsche Entscheidungen

Bob Dylan in den Achtzigern: Er zögert, er laviert, er trifft letztlich falsche Entscheidungen

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Sony Music

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Bob Dylan und die Achtzigerjahre – ein Missverständnis, wenn nicht gar eine Katastrophe. Zumindest auf den oberflächlichen Blick. Christlicher Fundamentalismus, kaum Konzerte, eine heruntergerockte Deutschlandtournee 1984, und dann dieser streitbare Auftritt bei Live Aid  1985 … Bob Dylan mag in den Sechzigerjahren der Gott der Coolness gewesen sein, und es mag ihm auch noch in den Siebzigerjahren gelungen sein, mit Alben wie »Blood on the Tracks« (1975) und »Desire« (1976) seinen Stern sicher am Firmament navigieren zu können.

Aber zu Beginn der Achtziger, genauer gesagt: im Frühling 1983, stand alles auf der Kippe. Wie anders alles hätte kommen können, davon handelt »Springtime in New York«, eine neue Box mit Songs, die Bob Dylan zwischen 1980 und 1985 aufgenommen, aber nie veröffentlicht hat. Und das sind nicht wenige. In der »Deluxe«-Version dieser Box sind insgesamt 57 Songs auf fünf CDs versammelt.

Das Problem mit den Achtzigern: Der zukünftige Literaturnobelpreisträger Bob Dylan kann sich nicht entscheiden: Will er christliche Lieder veröffentlichen? Oder doch lieber Songs einer Sinnsuche im Judaismus? Spontan aufgenommene Tracks? Oder im Studio polierte Soundmonster? Er zögert, er laviert, er trifft letztlich falsche Entscheidungen. Statt in die Achtziger durchzustarten wie Prince, Michael Jackson oder Bruce Springsteen, veröffentlichte Dylan ein mit angezogener Handbremse aufgenommenes Album mit dem vieldeutigen Titel »Infidels« – Ungläubige. Die Ungläubigen – das sind bekanntlich im Zweifelsfall immer »die anderen«, selten meint man sich selbst.

Bob Dylan 1985: Er konnte sich einfach nicht entscheiden

Bob Dylan 1985: Er konnte sich einfach nicht entscheiden

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Deborah Feingold / Sony Music

Auf »Infidels« singt Dylan von den Geistern der Karibik, von porösen Beziehungen zwischen Liebenden, die sich aus den Augen verlieren, aber auch von Beziehungen zwischen den Menschen und dem Staat oder davon, wie der Mensch im Zuge des aufkommenden Neoliberalismus und der Globalisierung unter die Räder kommt. Vor allem wird eine Welt thematisiert, in der die Menschen keinen inneren Kompass mehr besitzen.

Im hart rockenden Song »Neighbourhood Bully« teilt Dylan, der bis wenige Jahre zuvor immer wieder auch über Bürgerrechte und Justizskandale gesungen hat, gar mit noch härteren Worten gegen »die Pazifisten« aus, die mit ihrem Friedensgequatsche das Selbstverteidigungsrecht Israels infrage stellen. Erwartungen nicht zu erfüllen und Neues zu wagen, mag das Erkennungszeichen Dylans in der Vergangenheit gewesen sein. Mit »Infidels« trieb er das Spiel auf eine selbstzerstörerische, ikonoklastische Ebene.

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»Infidels« nämlich, das deutete bald nach dem Erscheinen der Platte ein Bootleg mit dem Titel »Outfidels« an, war vor allem ein Album der verpassten Chancen. Aus den Songs, die nicht auf dem Album landeten, hätten andere Künstler ganze Karrieren aufbauen können, so lyrisch, menschlich, göttlich und überzeugend waren ihre Texte und Melodien – Songs wie »Too Late«, »Foot of Pride« und »Blind Willie McTell«, das heute zu den zehn bedeutendsten Songs im Dylan-Kanon zählt, »Tell Me« oder »Lord Protect My Child«. Die Anwesenheit einer Abwesenheit war in den Plattenrillen von »Infidels« förmlich zu spüren.

Verlust des Glaubens und der spirituellen Heimat

Das Album wurde von der Kritik 1983 trotzdem wohlwollend bedacht. Es wurde gelobt, dass Dylan vom christlichen Fundamentalismus zurückgekehrt sei ins Säkulare, und man lobte den Klang des Albums – ein aseptischer, von Reggae-Spuren durchzogener Sound, der geprägt war vom Klangverständnis des Co-Produzenten Mark Knopfler. Letzterer sollte mit seiner Band Dire Straits nur ein knappes Jahr später mit der Veröffentlichung des Albums »Brothers in Arms« zum Superstar werden.

Und Dylan? Der gab Interviews, in denen er vor allem zum Ausdruck brachte, wie sehr er mit den neuen Zeiten haderte – dem Glitz und Glanz der begonnenen Achtzigerjahre, dem Konsumwillen, dem Leben auf Pump, dem Verlust von Spiritualität und Glauben. Eigentlich befand sich Bob Dylan auf einer ähnlichen spirituellen Reise wie der sowjetische Regisseur Andrej Tarkowskij, der in seinen beiden letzten Filmen »Nostalghia« und »Opfer« den Verlust des Glaubens und einer spirituellen Heimat episch thematisierte.

Das heißt: Bob Dylan wusste vermutlich schon, was er wollte, aber die Zeiten hatten sich zu sehr geändert. Im November 1980 war der Republikaner Ronald Reagan zum 40. Präsidenten der USA gewählt worden, auch von Millionen jungen Wählern. Die Ära des Neoliberalismus und der Yuppies, eine Epoche, in der Egoismus salonfähig wurde, war eingeläutet. Ein halbes Jahr zuvor war MTV auf Sendung gegangen; der Siegeszug des Musikvideos bedeutete auch eine neue Form von Sichtbarkeit für Musiker, ihrer Frisuren, ihrer Körpersprache und ihres Kleidungsstils, die sich zuvor, außer auf Konzerten, nicht weiter hatten inszenieren müssen.

Mit dem Aufkommen des Musikvideos entstand parallel ein neuer Pop-Sound, der glatt polierte Klang der Achtzigerjahre, der den räudigen Rock der Siebzigerjahre ablöste. Und Bob Dylan? Lebte zu diesem Zeitpunkt seit etwa zwei Jahrzehnten mit der bleischweren Bürde, eine »lebende Legende« zu sein. Seine letzten drei Alben waren evangelistische Gospelalben gewesen. Bei Rekrutierungsveranstaltungen der Born-Again-Christians in den USA liefen Dylan-Lieder wie »Blowin' in the Wind«, um junge Menschen für die Bibel zu begeistern.

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»Springtime in New York« liefert nun die einst zurückgehaltenen Tracks nach, mithilfe derer sich jeder Hörer sein eigenes »Infidels«-Album zusammenkuratieren kann. Es ist keine Untertreibung zu sagen, dass damit einem der großen (verlorenen) Alben der Achtzigerjahre späte Gerechtigkeit zuteilwird. Die Box erscheint im Rahmen der vor genau 30 Jahren von Columbia Legacy ins Leben gerufenen Reihe »The Bootleg Series«, einer jetzt auf 16 Folgen angewachsenen Reihe von Archivveröffentlichungen Bob Dylans, die verworfene und verschollene Aufnahmen des Sängers versammelt. Ähnlich wie im Jazz, wo relevante Live-Aufnahmen von Musikern zeitversetzt neu editiert und mit vertiefenden Begleittexten versehen erscheinen und neue Blickwinkel auf Bekanntes erlauben, handelt es sich bei Dylans »Bootleg Series« um eine Art alternativer Notation, die eine parallele musikalische Entwicklung des Sängers hinter den Kulissen beschreibt.

Während sich ein Erzählstrang der »Bootleg Series« musikhistorisch wichtigen Momenten und dem kreativen Prozess hinter einigen von Dylans kanonisierten Aufnahmen geradezu pedantisch widmet (von Vol. 12, »The Cutting Edge, 1965-1966« und Vol. 11, »The Basement Tapes Complete«, erschienen Boxen mit 18 bzw. 6 CDs), beleuchten andere Folgen Epochen, die in der Vergangenheit durch eine schludrige Veröffentlichungspolitik im Schatten von Dylans Hauptwerk standen, etwa »Another Self Portrait, 1969-1971« oder »Trouble No More, 1979-1981«, die Dylans christliche Phase abdecken. Die nun veröffentlichte 16. Folge fällt in die letztgenannte Kategorie.

Neben dem zentralen Block an Songs, aus dem ein alternatives »Infidels«-Album hätte entstehen können, umfasst »Springtime in New York« auch noch die Produktionen, die dem Album unmittelbar vorangingen und auf dieses folgten. Zwei ganze CDs befassen sich mit den Outtakes seines Albums »Shot of Love«, eine weitere CD mit den Vorbereitungen zum Album »Empire Burlesque«. Auch bei diesen Aufnahmen ist es schwer nachzuvollziehen, warum damals nicht die eine oder andere verwendet wurde, um die Alben künstlerisch aufzuwerten. Beide gelten als Übergangswerke mit zu vielen mittelmäßigen Songs und einem wie aufgestülpt wirkenden Sound.

Ohne explizit vorzuschreiben, wie diese Trilogie an Frühachtziger-Alben Dylans konkret hätte ausgesehen haben können, zeichnet »Springtime in New York« das Bild eines ruhelosen, von Sinnsuche getriebenen Künstlers, der immer noch zu größten Würfen fähig ist. Diesen Songs aber entzog er das Vertrauen, vermutlich angesichts des immensen Kraftakts, der vonnöten gewesen wäre, sie zu fixieren. Damit verlor er damals wohl das Ziel aus den Augen. Jetzt, fast 40 Jahre später, ist es endlich klarer.

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