Star-Dirigent Weigle Taktvoll mit Berliner Schnauze

Selbst in rauen Bayreuth-Stürmen bleibt Sebastian Weigle berlinerisch gelassen. Nachdem er dieses Jahr sogar Katharina Wagners "Meistersinger”-Inszenierung überstanden hat, ist der Dirigent endgültig auf dem Weg nach oben.

Wenn das Orchester bei Gustav Mahlers 5. Symphonie stürmt und drängt, gibt der Pultstar kühl den Kurs vor. Exakte Stabschläge, präzise Gesten, kein publikumswirksames Geruder, sondern: gelassene Genauigkeit: Sebastian Weigle hat viel von seinem Mentor Daniel Barenboim gelernt. Kein Wunder, dass der gebürtige Berliner inzwischen selbst zu den gefragtesten Dirigenten weltweit gehört.

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg folgt ihm an diesem Tag enthusiastisch ins furiose, bläsersatte Finale der emotionsgeladenen Fünften. Elegante Perfektion, penible Arbeit: Weigle schätzt solides Proben mehr als das Hoffen auf den genialischen Funken. Und er nimmt sich stets Zeit: "Ich möchte kein Dirigent sein, der jeden Tag im Flugzeug sitzt und in einer anderen Stadt auftreten muss", betont er.

Weigle, Jahrgang 1961, ist immer noch ein jugendlicher Kapellmeister. Mit dosierter Berliner Schnauze findet er stets den Ton, der ihn auch schwierige Aufgaben meistern lässt. Wie zum Beispiel sein Debüt in Bayreuth: Gleich die "Meistersinger"-Premiere wurde es, mit der wilden Inszenierung der Festspielchefin in spe, Katharina Wagner.

Natürlich gab es auch Kritik an seinem Dirigat, aber Weigle brachte das Monsterwerk souverän nach Hause, mit frischen Tempi und transparentem Sound. "Als Wolfgang Wagner vor vier, fünf Jahren anrief, da war das für mich wie eine Hollywood-Story", erzählt er. "Jeder Dirigent, der sich für Wagner interessiert, will nach Bayreuth."

Keine Probleme mit Regietheater

Mit der überladenen Inszenierung hatte Sebastian Weigle keine Probleme, die Arbeit erschien ihm wie ein Rausch. "Manchmal wird man auch aus Euphorie ein wenig betriebsblind und muss sich fragen, ob jeder im Publikum noch nachvollziehen kann, was wir uns so alles ausgedacht haben. Und ist es wirklich notwendig, sich etliche Programmheftseiten durchzulesen, damit man die Inszenierung versteht?"

Forsche Bühnenideen liebt der engagierte Operndirigent geradezu. "Ich habe keine Probleme mit Regietheater. Ich habe nur dann ein Problem, wenn das Regiekonzept die Musik in den Hintergrund drängt. Ich möchte mir zum Beispiel von keinem Regisseur die Wiederholung einer Passage diktieren lassen, bloß weil vielleicht die Drehbühne nicht schnell genug dreht", erklärt Weigle.

Gemeinsam mit Regisseur Peter Konwitschny hat Weigle eine "Lohengrin"-Version auf DVD eingespielt: Zusammenarbeit, die auf gegenseitigen Respekt gegründet ist. "Peter Konwitschny kann Partituren lesen! Das können wenige Regisseure. Wir sind auf Augenhöhe." Umso besser, wenn man das passende Orchester hat. Sebastian Weigle leitete seit 2004 das Gran Teatre del Liceu in Barcelona, wo dieser "Lohengrin” unter besten Bedingungen stattfand. "Dort hatte ich ein 'Stagione-Theater', also eine Produktion, die mit den ständig denselben Musikern en suite gespielt wird, je nach Erfolg."

Seine nächste Station ist dann wieder Deutschland: Opernhaus Frankfurt am Main, ab der Saison 2008/2009. Ein landesübliches Repertoiretheater, wechselnde Produktionen, wechselnde Musiker, wechselnde Interpreten. Aber das schreckt einen Profi nicht: Weigle ist eh einer, dessen Herz für den Auftritt, weniger fürs Aufnahmestudio schlägt: "Ich bin ein wahnsinniger Fan von Live-Musik - jeden Abend eine Geschichte neu erzählen, das ist das wirklich Spannende am Musizieren.” Eine Spannung, die auch das Publikum goutiert: Seit seiner Arbeit als Erster Staatskapellmeister an der Berliner Staatsoper (1997 bis 2002) ging's mit der Karriere bestens voran.

Jugendpflege in Brandenburg

Seine Laufbahn begann Weigle an der Hochschule "Hanns Eisler” in Berlin, lernte Horn, Klavier, Dirigieren und gründete gleich 1987 den Berliner Kammerchor, startete dann als künstlerischer Leiter des Neuen Berliner Kammerorchesters durch. Damit gelang ihm, was den meisten Nachwuchsdirigenten verwehrt bleibt: ins Geschäft zu kommen. Denn Talente gibt es viele, Jobs zu wenige. "Es ist unglaublich, wie viele arbeitslose junge Dirigenten es gibt. Und es sind sehr begabte darunter."

Um die Überalterung des Klassikpublikums macht sich Weigle keine Sorgen, denn er trägt sein Scherflein zur Jugendarbeit bei. Wie es sich für einen arrivierten Künstler gehört, pflegt er den Nachwuchs. In Brandenburg leitet Sebastian Weigle seit 1993 ein Orchester. "Wir haben uns jetzt einen neuen Namen gegeben, wir heißen Junge Philharmonie Brandenburg, und das Projekt ist sehr erfolgreich und angesehen."

Musik ist aber nicht alles in Weigles Leben, Genussfähigkeit sorgt für mentale Bodenhaftung. "Ich höre auch sehr gern mal keine Musik, sehe Filme auf DVDs und trinke dazu ein Glas Rotwein", beschreibt er seine sehr normalen Entspannungstechniken. Gutem Essen, das er sehr liebt ("Von bodenständig bis molekular!"), könnte er sich auch aus professionellem Blickwinkel nähern: "Vielleicht wäre ich ein guter Restaurantkritiker! Ich könnte mit sogar vorstellen, irgendwann selbst mal ein Restaurant zu haben - vielleicht eines für Musiker und Literaten."