Star-Produzent Mark Ronson "Die Kritiker können zum Teufel gehen, das ist ein Hit!"

Sein Sound machte Amy Winehouse zum Weltstar: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Star-Produzent Mark Ronson, wie er sich von Duran Duran alte Synthesizer lieh, warum Kritiker ihn hassen - und erzählt von einem peinlichen Fauxpas bei der Hochzeit von Tom Cruise.

Bryony Shearmur

SPIEGEL ONLINE: Für Ihr neues Album "Record Collection" haben sie den Mark-Ronson-Retro-Soul-Bläser-Sound, der sie berühmt machte, über Bord geworfen. Sie spielen auch keine Coverversionen mehr. Was ist los?

Ronson: Wenn von einem "Mark-Ronson-Sound" die Rede ist, ist es dringend Zeit, sich etwas anderes zu überlegen. Einerseits war ich damit sehr erfolgreich und könnte bequem so weitermachen. Andererseits werden noch mehr Schlaumeier-Kritiker nölen: Ach ja, der Ronson macht immer dasselbe. Ich entschied mich, etwas Neues auszuprobieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden von der britischen Musikpresse als Blender verhöhnt. Dabei waren Sie als Produzent mit Amy Winehouse und Lily Allen erfolgreich. Ihr eigenes Album "Versions" war auch ein Bestseller. Schert es Sie eigentlich, was Journalisten schreiben?

Ronson: Selbstverständlich, sehr sogar. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich vor allem Fan bin. Ein tonangebendes Blatt wie den "New Musical Express" lese ich seit meiner Kindheit. Ich bin also "NME"-Fan - und lese ausgerechnet da diesen unbändigen Hass auf mich. Und es ist wirklich Hass. Das ist nicht schön, glauben Sie mir. Und alle meine Freunde lesen es auch. Ich wünschte mir, ich hätte ein dickeres Fell. Andererseits, wäre ich nicht so erfolgreich, würden sie mich nicht hassen. Aber jeder Musiker, der nicht Radiohead ist, wird in England irgendwann für seinen Erfolg bespuckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig ist es, seinen Sound zu wechseln?

Ronson: Ich wusste lange, dass ich etwas Neues wollte, nur eben nicht, was. So habe ich mein eigenes Album lange vor mir hergeschoben und stattdessen viele andere Künstler produziert: Kaiser Chiefs, Robbie Williams, Daniel Merriweather, Ol' Dirty Bastard, Adele und viele mehr - bis Duran Duran kamen. Die brachten ihre alten analogen Synthesizer aus den siebziger Jahren mit, und als ich die hörte, machte es bei mir Klick. Gut, das ist auch ein Retro-Sound. Ich habe also einen "warmen Soulsound" gegen einen "warmen Elektro-Sound" getauscht. Aber allein der Anblick eines alten Roland Jupiter 4 macht mich glücklich. Ich habe mir dann neun alte Synthesizer von Duran Duran geliehen, ins Studio der Dap Kings schaffen lassen und losgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben an fast allen Songs des Albums mitgeschrieben. Neuerdings singen Sie sogar. Noch ein Versuch, ihren Kritikern zu zeigen, was sie drauf haben?

Ronson: Nein, das ergab sich einfach. Irgendwann war mir klar, dass ich das probieren wollte. Also nahm ich sechs Monate Gesangsunterricht. Ich wollte mich eher selbst herausfordern - als versuchen, es irgendwelchen Kritikern recht zu machen. So wichtig sind die auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt der perfektionistische Produzent in ihrem Kopf zu ihrem Gesang?

Ronson: Da ist mein Hirn zweigeteilt: Du singst und denkst dann stolz: cool, das war gut. Dann hörst du dir die Aufnahme an und der Produzententeil deines Verstandes sagt: So ein Schrott: Noch mal! Sich selbst zu produzieren, ist ein Alptraum. All der Mist, den ich sonst zu anderen Sängern sage, ging mir durch den Kopf. Sprüche wie: "Wenn du die Augenbrauen hebst, kommst du höher mit der Stimme." So ein Quatsch! Aber dafür, einmal im Leben mit meinem Idol Ghostface Killah gesungen zu haben, hat sich das alles gelohnt.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich unterschätzt?

Ronson: Wahrscheinlich. Ich habe zum Beispiel "Back To Black" mit Amy Winehouse geschrieben oder "Littlest Things" mit Lily Allen, aber trotzdem werde ich null respektiert. Vor einiger Zeit war ich auf einer Veranstaltung, wo die "Vodafone Music Awards" verliehen wurden. Ich bekam einen Preis, war auf der Bühne mit Dizzie Rascal und Paul Weller und hielt meine kleine Dankesrede; aber mit einem Ohr hörte ich diese kleine Gruppe von Kids, die da mitten im Saal standen und laut buhten. Ja, und ich war verletzt. Ich arbeite hart und viel, aber irgendwie wurde ich zum Ziel aller Verachtung für viele Musikfans. Ich bin doch keine Scheibe, in die jedermann seine Dartpfeile stechen kann.



insgesamt 8 Beiträge
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Ben-99, 17.09.2010
1. Überall das Amy-Klischee
---Zitat--- SPIEGEL ONLINE: Sie haben angeblich "It's My Party" mit Amy Winehouse neu eingespielt. Schafft die das noch? ---Zitatende--- ... schade. Denn bis auf diese merkwürdige Frage war das Interview recht interessant. Natürlich "schafft die das noch". Denn erstens hat die begnadete Sängerin und Songschreiberin Amy Winehouse nur wenig mit der torkelnden Schnapsdrossel zu tun, so wie sie alle paar Tage auf ausgesucht unvorteilhaften Fotos von der Klatsch-Presse präsentiert wird. Zweitens bleibt ihr noch genügend Zeit, ihr Leben umzustellen, um nicht als Wrack wie Whitney Houston zu enden. Und drittens sollte man mal an Nina Simone oder Billi Holiday denken, die auch nicht gerade durch eine besonders gesunde Lebensweise glänzten und dennoch bis heute als Legenden gelten. Daß "die" es noch schafft, da bin ich mir ganz sicher, wird sie schon bald auf ihrer neuen CD beweisen.
DefTom 17.09.2010
2. !?!?!?!
Gutes Interview (bis auf den Amy-Punkt, der vom Vorredner schon beklagt wurde), mehr davon.
aqualung 17.09.2010
3. -------------------
Zitat von DefTomGutes Interview (bis auf den Amy-Punkt, der vom Vorredner schon beklagt wurde), mehr davon.
Das erste Mal, dass ich was von Ms. Winehouse gehört (und gesehen) habe, das war irgendein Live-Cut (Isle of Wight, glaub' ich). Ist ein paar Jahre her. Den Auftritt fand ich klasse. Ihre CDs find' ich eher...öde. Muss dann ja wohl am Produzenten liegen...
Ben-99, 17.09.2010
4. Stimmt.
... ich höre meistens auch nur die Live-Versionen ihrer Titel. Sehr gelungen: Das Londoner "I Told You I Was Trouble"-Konzert, obwohl oder vielleicht gerade weil sie damals reichlich einen im Tee hatte ;-)
alex_d 17.09.2010
5. Der Mann weiß es.
Ich habe mitten im Interview abgebrochen mit dem Lesen. Ich konnte nicht verstehen, wieso Madonna, Michael Jackson und Phil Collins sich in den 90ern neu erfinden mussten. Blenden wir mal die 90er aus und am besten die Musik aus der ersten Jahrhundertdekade. Persönlich mag ich Musik aus den 80ern, am meisten Rock/Pop. Als ich das erste Mal The Hurts gehört habe ging mein Herz auf. Die 80er waren einigermaßen dekadent und konnten nur zu den 90ern führen (stilbezogen), aber sich seiner Linie treu zu bleiben ist enorm wichtig. Nur ein Beispiel: wenn wir das Radio anschalten hören wir am liebsten Madonna aus den 80, Michael aus den 80 und Phil ebenso. Da muss mehr dahinter sein, als nur eine Epoche. Bon Jovi klingt seit Beginn der 90er nur noch wie ein Einheitsbrei und das ist verdammt schade. Grundsätzlich: meine Meinung ist aus den Besten Dingen zu lernen. Wenn in Hessen beispielsweise auf FFH sehr einseitig gespielt wird, dann ist das moderatorabhängig, jedoch nicht das Radio, was man woanders hören würde. Ich wohne seit einigen Jahren in BW, zwischenzeitlich auch in den Polen und den Emiraten und ich kann objektiv sagen, dass in Hessen die Moderatoren ihre Musik am meisten spielen. Und daraus darf man lernen. Erstens sollten die Moderatoren in der Lage sein, Musik aus allen Zeiten zeitgemäß in die Sendung zu integrieren und keine persönlichen 'die möchte ich jetzt gerne hören'-Lieblinge haben und zweitens sollten die Musiker sich nicht zu sehr an dem 'Kram' orientieren, der momentan produziert wird. Bestes Beispiel: Frau Allen. Die letzten beiden von Raabs gecasteten 'Opfer' klingen hitverdächtig wie Lily. Natürlich nicht die Musik insgesamt, aber das Fundament. Von daher würde ich mich freuen, wenn sie Musiker aller ihrer musikalischen Interessen erfreuen würden, nicht nur der kommerziellen Schiene. Es wird langsam wieder Zeit Querzudenken. Und mein Tipp: die Leute lieben Melodie und Besonderheiten - man darf sich gerne an den 70er und 80ern orientieren.
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