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Stardirigent Kleiber: Monumentale Melancholie

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Stardirigent Kleiber Als hätte er jeden Philharmoniker einzeln geschüttelt

Der Dirigent Carlos Kleiber galt als einer der Meister seiner Generation. Klein war sein Repertoire, groß die Wirkung. Jetzt gibt es Höhepunkte seines CD-Œuvres als Box: Geniestreiche von Beethoven bis Wagner, die Stoff für Diskussionen lieferten.

Carlos Kleiber

Bayreuth

Die siebziger Jahre waren für (1930-2004) eine denkwürdige Dekade, denn ihm gelang einfach alles. Als der Dirigent 1974 mit "Tristan und Isolde" sein erfolgreiches Debüt in gab, reiste er bereits als internationaler Star an. Zuvor hatte er an der Londoner Covent Garden Opera einen gefeierten "Rosenkavalier" abgeliefert, und bald darauf spielte er mit den Wiener Philharmonikern Ludwig van Beethovens 5. Symphonie (1975) und die 7. (1976) in Versionen ein, die bis heute in ihrer Wirkung und in ihrem Zugriff auf vermeintlich wohlbekannte Werke einzigartig sind.

Carlos Kleiber galt als Dirigent des Jahrzehnts, zufrieden mit sich war er jedoch selten: Er kritisierte seine Leistungen stets hart, manchmal zu hart; immer musste der Vergleich mit seinem berühmten Vater Erich Kleiber herhalten. Die demütige Ehrfurcht des Sohnes hielt ihn uneitel, machte ihn aber grenzenlos ehrgeizig. Einige seiner besten Interpretationen gibt es jetzt von der Deutschen Grammophon auf 12 CDs - ein netter Batzen Geniestreiche.

Kleiber brachte Partituren zum Glühen

Kleibers gelungenste Operneinspielung ist vielleicht die hier vertretene "La Traviata" (aufgenommen 1976/77) mit der perfekten Violetta von Ileana Cotrubas und Plácido Domingos kongenialem Alfredo. Gemeinsam mit dem Orchester der Bayerischen Staatsoper München brachte Kleiber die Partitur zum Glühen und arbeitete Details mit Hingabe und Präzision heraus, ein klassisches Beispiel für Kleibers Arbeitsweise. Ähnlich hochklassig hatte er bereits zuvor 1973 Webers "Freischütz" entfaltet, wobei ihm neben der gewohnt guten Staatskapelle Dresden mit Edith Mathis, Gundula Janowitz, Theo Adam und Peter Schreier ein Sängerensemble zur Verfügung stand, das auf keiner Position Wünsche offen ließ.

Eher Schrecken bescherten Kleiber später die Aufnahmen zu seinem "Tristan", der als eine der ersten digitalen Operneinspielungen auch gleich die Mühen und Tücken der neuen Technik offenbarte. Viel wurde seither über den sanften Wagner dieser Aufnahmen diskutiert, wobei Kleiber und die Akzente seines Dirigates weniger unter Kritikerfeuer standen als die Leistungen der Sänger. Margaret Price als Isolde (nie auf der Bühne, nur im Studio in dieser Rolle zu hören) war zumindest interessant, Brigitte Fassbaenders Brangäne sogar beeindruckend. René Kollo als Tristan dagegen bot eher biederes Mittelmaß, ebenso wie Dietrich Fischer-Dieskau als Kurwenal. Dass dieser Tristan-Einspielung dennoch außergewöhnlicher Rang gebührt, liegt am Dirigenten: Seine ausdifferenzierte Wagner-Exegese erfüllte die Erwartungen, die man nach seinem Live-Debüt in Bayreuth an ihn stellen durfte. Leider war Kleiber mit den Aufnahmen wieder unzufrieden, er mied Aufnahmestudios danach.

Monumental rauschende Melancholie

Wie schön, dass er vor dem Zitter-Tristan schon die vierte Symphonie von Johannes Brahms mit "seinen" Wiener Philharmonikern eingespielt hatte: Über die einsame Referenz-Klasse und die analytische Schärfe dieser Aufnahme herrscht Einigkeit bei Kritikern und Fans. Monumental rauschende Melancholie: Diese scheinbar paradoxe Kombination konnte nur Kleiber so entfachen; es ist ein Jammer, dass er damals keinen gesamten Brahms-Zyklus an diesem fahlen Feuer entzündete.

Leider kann die Box zwei der besten Kleiber-Aufnahmen nicht enthalten, denn die Rechte liegen bei Sony: Die Wiener Neujahrskonzerte 1989 und 1992 gehören zum Spritzigsten, was es in Sachen Klassik auf CD gibt. Der ganze Strauss klingt, als hätte Kleiber jeden einzelnen der Philharmoniker durchgeschüttelt, um ihn aus seinem Neujahrs-Routine-Schlaf zu wecken.

Ohne diese Mitschnitte fehlt etwas, die "Fledermaus" mit dem unsäglichen Iwan Rebroff als Orlofksy liefert nur schwachen Trost. Doch für den Einstieg ist der Grammophon-Klotz ideal - bei seinem Preis (zum Teil unter 50 Euro) allemal.

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