Popkünstler spielen John Cage Stiller, Sportfreunde!

Für seinen Klassiker 4'33" verfügte der Komponist John Cage, dass Musiker ihre Instrumente nicht bedienen dürfen. Auf einem Tributalbum covern nun Bands wie Depeche Mode, Moby oder die Einstürzenden Neubauten den Song.

Komponist John Cage (1967 in Chicago): Nachdenken über die Stille mit den Mitteln der Musik
Herve Gloaguen/ Gamma-Rapho/ Getty Images

Komponist John Cage (1967 in Chicago): Nachdenken über die Stille mit den Mitteln der Musik

Von


Am 29. August 1952 führte der Pianist David Tudor zum ersten Mal John Cages Stück 4'33" auf. Das Konzert in der Maverick Concert Hall nahe Woodstock erzeugte im Publikum einen mittelschweren Aufruhr. Nicht so tumulthaft wie etwa nach Stravinskys "Le sacre du printemps"-Uraufführung, aber doch so heftig, dass er in die Musikgeschichte einging. Cage hatte verfügt, dass der ausführende Musiker sein Instrument nicht bedient - viereinhalb Minuten lang.

Hörbar wurden durch 4'33" mit einem Mal die Geräusche des Raumes, das Räuspern im Publikum, der sich steigernde Unmut. Tudor selbst sah in dem Stück "eine der intensivsten Hörerfahrungen, die man haben kann". Anders gesagt: 4'33" ist eine mit einfachsten Mitteln hergestellte Erweiterung des Begriffes davon, was Musik ist und sein kann.

Darüber denkt man beim britischen Musiklabel Mute von jeher viel nach. Die seit den Achtzigerjahren stilbildende britische Indie-Plattenfirma ist Heimstatt zahlreicher Bands, die Verbindungen zu den Konzepten und Klangwelten der musikalischen Moderne aufgenommen haben. Mute verbindet Populäres mit Experimentellem, Pop mit Post-Punk und Industrial-Noise. Die Alben des Synthiepopduos Erasure stehen neben der konfrontativen Terrormusik von Throbbing Gristle im Katalog.

Schnapsidee fürs Sammlerregal?

Zum 40. Geburtstag leistet sich Mute nun einen kolossalen Witz, der auf den Namen des Labels verweist: Mute, das heißt auf Deutsch auch Stummschalten. Die von dem Musikproduzenten Daniel Miller gegründete und bis heute geführte Firma veröffentlicht an diesem Freitag eine Box mit 58 Coverversionen von 4'33", interpretiert von Popstars wie Depeche Mode, New Order oder Moby, Avantgarde-Größen wie den Einstürzenden Neubauten sowie Newcomern wie Lost Under Heaven.

Man kann die Veröffentlichung mit der Katalognummer STUMM433 als Gimmick fürs Sammlerregal verstehen, das auch noch einem guten Zweck dient (die Erlöse der Box gehen an die British Tinnitus Association und an die Hilfsorganisation Music Minds Matter). Oder als Schnapsidee. Besser noch: Man nimmt die Unternehmung ernst und setzt die Ergebnisse in Beziehung zur Philosophie John Cages.

Popband Depeche Mode: Das Rauschen der Berliner Waldbühne
AFP

Popband Depeche Mode: Das Rauschen der Berliner Waldbühne

4'33" sollte ein Nachdenken über die Stille mit den Mitteln der Musik ermöglichen. Stille, schrieb Cage, bedeute aber nicht die faktisch unmögliche Abwesenheit von Geräusch. Klang ist immer. Wenn außen alles still ist, hören wir das Blut im eigenen Körper rauschen. Der eigentliche Gegensatz von Geräusch und Stille, so lässt Cage sich lesen, ist vielmehr der zwischen Intentionalität und Nicht-Intentionalität. Soll heißen: Wenn die Klänge, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken, nicht vom Willen des Künstlers, sondern von den Zufällen der Welt erzeugt werden, hören wir die Stille.

Die Übertragung dieser Idee in den Mute-Kosmos funktioniert leider nur bedingt. Viele der Acts greifen auf etablierte Mittel der Pop-Avantgarde zurück: Field recordings, Verstärkergeräusche, white noise. Depeche Mode, aufgenommen auf der Berliner Waldbühne 2018, und der Industrial-Musiker Boyd Rice bringen zum Beispiel schönes Rauschen zustande.

Oft schließen die Stücke an den jeweiligen Klangkosmos an: Bei Laibach hallt es so monumental, wie man es von der Band kennt. Die Windgeräusche aus Ben Frosts 4'33" wären auch auf einem der letzten Alben des auf Island lebenden Elektronik-Künstlers nicht weiter aufgefallen. Beim Throbbing-Gristle-Ableger Carter Tutti Void hat es während der Aufnahme in Strömen geregnet, dazu erklingen Gong-artige Klänge. Das klingt ganz hübsch. Ansonsten vermeiden die Stücke überwiegend jeden Gebrauchswert.

Musiker Moby: John Cage nicht verstanden?
Getty Images

Musiker Moby: John Cage nicht verstanden?

Wirklich konsequent sind nur wenige Beiträge. Bei Fad Gadget etwa, dem Pseudonym des 2002 verstorbenen Avantgarde-Musikers Frank Tovey, ist gar nichts zu hören, tatsächlich Stille. Ausgerechnet die Einstürzenden Neubauten üben sich in Zurückhaltung und steuern den Raumklang eines leeren Studios bei. Sich aus der Klangerzeugung herauszuhalten, fiel offenbar einigen sehr schwer. So zählt Michael Gira von der Noise-Band Swans mit sonorer Stimme die Sekunden der drei Sätze 4'33" herunter - was in diesem Zusammenhang schlicht keinen Sinn ergibt. Moby wiederum hat Cages Ansatz nicht verstanden oder ignoriert ihn, indem er ein kreuzbraves Stück Ambient mit verrauschtem Minimal-Techno-Beat beisteuerte.

Die Idee von STUMM433 las sich so gut, dass die Realisierung vielleicht nur ernüchternd ausfallen konnte. Heute regt sich niemand mehr über 4'33" auf. Über den Charakter des Stücks wird hin und wieder diskutiert, über seine Legitimität nicht. Ganz gleich, ob man Cages Stück als Musik definiert oder nicht, es kann die akustische und visuelle Wahrnehmung des Raums verändern, in dem es sich ereignet. Sei es der Proberaum einer oberösterreichischen Death-Metal-Band oder ein Konzertsaal. Das bedeutet aber auch, dass 4'33" untrennbar mit seiner Aufführungssituation verbunden ist. John Cage hatte an einer Veröffentlichung auf Tonträger kein Interesse.

Konsequent wäre es also gewesen, ausschließlich Liveversionen von 4'33" zu sammeln: 58 Mal der Klang jenes Raumes, in dem die Musiker nichts tun, was als Musizieren im klassischen Sinn beschreibbar wäre. Es bleibt die manchmal gelungene, in den meisten Fällen aber unergiebige Überführung eines der zentralen musikalischen Werke der Avantgarde in einen Popkontext. In diesem Fall verliert der Pop.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
olivonkloesterlein 24.10.2019
1. Es ist
sehr schade, das viele Musiker den Sinn von 4:33 nicht verstanden haben, es hätte ei wirklich interessantes Album werden können.
augen-auf 24.10.2019
2. "ausschließlich Liveversionen von 4'33" zu sammeln"
Dem stimme ich absolut zu. Schade drum.
toninotorino 25.10.2019
3.
Von John Cage habe ich, glaub´ ich, noch nie ein Stück gehört Aber im Laufe der Jahre immer wieder über ihn gelesen. Mir gefallen so´ne Typen. Der wäre wunderbar mit Eddie Cochran ausgekommen, wenn sie sich kennengelernt hätten. Cage hebe ich mir noch auf.
Papazaca 28.10.2019
4. Cage nicht verstanden
Ich muß auch mal was zur Plattenfirma Mute sagen: Wenn man eine immer noch provokante Idee (4:33) durch 20 Gruppen verzwanzigfacht, wird diese Idee ausgewalzt und verliert Originalität, Sinn und Witz. So, wie wenn man den gleichen Witz zwanzig Mal erzählt. Eines hat die ganze Aktion dann aber doch bewirkt: Die Auseinandersetzung mit Cage. Und das Musik alles mögliche sein kann. Und: Die absolute Stille gibt es nicht. Selbst in einem schalldichten Raum hören wir unseren Atem. Will heißen: Die Welt ist voller Geräusche. Was aber für die meisten unserer Zeitgenossen dann doch eher schwer zu verstehen ist: Nicht nur ein komplex aufgebautes Stück voller Harmonien ist Musik sondern auch ein einziger Ton. Oder Stille. Wobei es die in der Realität ja kaum gibt.
ray05 28.10.2019
5.
Tatsächlich ist 4'33'' bis heute immer wieder "interpretiert" worden in Konzerten. Vom Pianovirtuosen übers Streichquartett bis hin zum Sinfonieorchester - viele konnten diesem Avantgardeklassiker was abgewinnen. :) War selber mal Augen- und Ohrenzeuge eines 4'33''-Vortrags, und zwar dargebracht von einer Vokalstudentin der hiesigen Musikhochschule. Aber Vorsicht: wenn jetzt einer denkt, das wär keine Kunst, weil Nichtstun ja jeder könne; da hat er sich wahrlich geschnitten. :) 4'33'' als Studiotrack macht vorderhand keinen Sinn, es sei denn man liefert tatsächlich totale Stille ab. Etwas kompromisslerisch - aber wenigstens dirkussionswürdig - erscheint mir die Herangehensweise der Einstürzenden Neubauten, Leerstudioathmo zu präsentieren. :)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.