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Folk-Phänomen Susana Silva Star der Straße

Susana Silva war in ihrer Heimat Portugal ein Castingshow-Star. Dann zog sie nach London, wurde obdachlos. Mit ihrem ersten Mini-Album feiert sie jetzt unerwartete Erfolge. Die Geschichte einer Rettung.

Berühmt - sie hasst das Wort. Weil es eine Grenze schafft, wo keine sein sollte: Zwischen denen da oben und denen darunter. "Ich bin nicht berühmt. Schau mich doch an!" Okay, na dann: Susana Silva trägt Strickjacke und ausgeleierte Jeans, kein Make-up verdeckt die roten Flecken im Gesicht, die Hände sehen nach sehr viel Arbeit und sehr vielen Zigaretten aus. Sie ist schlank, trägt die braunen Haare fast hüftlang. Typ: müder Hippie. Und auf jeden Fall kein Fischmädchen mehr.

Silva sitzt in London in einem Café am südlichen Themseufer und kann es nicht fassen. 1000! Sie blickt auf ihr Handy, liest die Nachricht wieder und wieder. 1000 Mal wurde ihr Mini-Album mit den vier Liedern allein bei iTunes verkauft, es ist seit zwei Monaten auf dem Markt.

Die Zahl ist auch deshalb so beeindruckend, weil Silva keine PR-Maschinerie im Rücken hat. Sie hat "Words of Power" selbst produziert, sie hat die Songs geschrieben, sie hat Werbung gemacht. Sie hat es alleine geschafft. Vom TV-Star zur Obdachlosen zum Indie-Hit.

Susana Silva an ihrem Stammplatz an der Londoner South Bank

Susana Silva an ihrem Stammplatz an der Londoner South Bank

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Silvas Geschichte beginnt in Portugal. Sie ist 19 und arbeitet an der Fischtheke eines Supermarktes. Sie wäscht, salzt, verkauft die Ware. Und singt nebenbei. Das hat sie nicht gelernt, das macht sie einfach. Und zwar so gut, dass ihr Chef sie bei "Ídolos" anmeldet, der portugiesischen Variante von "Deutschland sucht den Superstar".

Weil Silva mit ihren damals 92 Kilo nicht das ist, was bei TV-Castingshows als hübsch gilt, verkaufen sie ihre Geschichte: Silva wird das "Fischmädchen", sie drehen kleine Einspieler an der Theke , und weil Susana ein allzu beliebter Name ist in Portugal, verwenden sie ihren zweiten: Daniela. Das dicke Mädchen schafft es von der Fischtheke auf die große Bühne - die Story ist gut. Und Silvas Stimme noch besser. Sie wird Sechste.

Menschen auf der Straße erkennen sie, wollen Autogramme und gemeinsame Fotos. Man kennt das Fischmädchen in Portugal. Doch Silva kann kaum erwarten, dass der Vertrag ausläuft und sie das Bild loswird, das ihr zuwider ist. "Das war ich nicht, das wollte ich nicht sein", sagt sie heute. Lieder singen, die sie selbst nicht gut findet. Kleidung tragen, die andere ausgesucht hatten. In die Kameras lächeln, wenn sie eigentlich nur ihre Ruhe haben wollte.

Plötzlich obdachlos

Silva schreibt sich für ein Webdesign-Studium ein, doch sie bricht ab. Ein neues Kapitel soll beginnen, und zwar in London, der "magischen Stadt", wie Silva sie nennt, weil dort, im Zentrum Europas, so viele Kulturen aufeinanderprallen. Sie konnte anonym sein, musste niemandem mehr erklären, warum sie sich einer Karriere als singendes TV-Sternchen verweigert hatte.

Die ersten zwei Monate laufen gut, Silva singt abends auf der Straße, arbeitet tagsüber in einem Coffeeshop, ihr Chef ist zugleich ihr Vermieter. Doch das Heimweh wird größer und Silva besucht ihre Familie in Portugal. Bei ihrer Rückkehr nach London gibt es keinen Coffeeshop mehr, ihre Sachen sind aus der Wohnung verschwunden, der Vermieter auch mit polizeilicher Hilfe nicht auffindbar. Obdachlos. Das Wort, seine Bedeutung, es verfolgt sie bis heute.

Eine Brücke am Südufer der Themse wird Silvas kurzzeitiges Zuhause, South Bank heißt der Abschnitt, Big Ben und das Londoner Riesenrad liegen um die Ecke, es gibt viele Kameras und dadurch ein Gefühl von Sicherheit. Ihre Eltern will sie nicht um Hilfe bitten, sie hätten damals genug mit eigenen Sorgen zu kämpfen gehabt, sagt Silva. Also hangelt sie sich von Job zu Job: Sie legt Teppiche aus, putzt Fenster, serviert Kaffee und Bier, das Essen holt sie sich auch aus Containern. Selbst als sie wieder ein Zimmer hat, kommt sie immer wieder zur Brücke an der South Bank zurück, um zu singen. Sie tut es bis heute.

In den vergangenen sechs Jahren hatte Silva etwa 15 Unterkünfte in London, die einzige Konstante ist die South Bank. Die Kellner in ihrem Stammcafé begrüßen sie mit einem Strahlen und reichen ihr den Espresso, ohne dass sie danach gefragt hätte. Am Skatepark gegenüber ist das Foto für ihr Plattencover entstanden. Der Alte, der sich Dutzende von Plastiktüten umgehängt hat, ist für sie nicht der Bettler, an dem man schnell vorbeizieht, sondern "rubber man", der gerade an seinem Drehbuch schreibt und der ihr bei ihren eigenen Songtexten geholfen hat. Freunde, Geschichte, Vertrautheit - "die South Bank ist mein Zuhause", sagt Silva.

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Seit zwei Jahren hat sie die Nebenjobs aufgegeben und konzentriert sich allein auf ihre Musik. Pro Auftritt sammelt sie zwischen 50 und 150 Pfund ein, einen Großteil steckt sie in neues Equipment für ihre Auftritte und in die Miete für ihr Zimmer. Seit sie das Album veröffentlicht hat, ist sie häufiger im Radio zu hören, sie hat ein paar Interviews gegeben. Die Fangemeinde auf Facebook und Twitter wird immer größer. Dort kündigt sie ihre Auftritte inzwischen an.

Doch auch ohne Vorwarnung dauert es nur ein halbes Lied, und die ersten zwölf Menschen bleiben stehen und hören ihr zu. Fahrradfahrer steigen ab, Jogger ziehen ihre Ohrstöpsel heraus. Am Ende des Auftritts wird ein Halbkreis aus begeisterten Menschen lange klatschen.

Silva vermarktet sich selbst, dazu gehört es auch, Videos bei YouTube hochzuladen, Anfragen zu sichten, Fans zu antworten, das zweite Album und eine Tour durch Europa und die USA zu planen. Sicher werde es ihr manchmal zu viel, sagt sie. Aber sie habe die Dinge nun mal gern selbst in der Hand und wolle sich nicht noch einmal fremdbestimmen lassen. Bis vor wenigen Tagen hat ihr ein Bekannter bei einer Management-Firma geholfen, er sorgte beispielsweise für einen professionellen Internetauftritt . Aber er musste aus privaten Gründen kürzertreten, und Silva wollte nur mit ihm zusammenarbeiten. Nun ist sie wieder alleine. Da kommt die Nachricht von den 1000.