Syrische Band Tanjaret Daghet Sex und Krieg und Rock 'n' Roll

Einfach nur Mucke machen? Ist für syrische Musiker in der vom Bürgerkrieg zerrissenen Heimat kaum möglich. Entweder vereinnahmt sie der Despot Assad oder die Opposition. Es gilt der Satz: Die Band meines Feindes ist mein Feind. Davon weiß auch das Rock-Trio Tanjaret Daghet ein Liedchen zu singen.
Syrische Rocker: "Tanjaret Daghet" leben seit Ende 2011 in Beirut

Syrische Rocker: "Tanjaret Daghet" leben seit Ende 2011 in Beirut

Foto: SPIEGEL ONLINE

Wer talentierter Musiker ist und Syrer, kann in diesen Tagen kaum einfach nur Musik machen. Das gilt auch für die drei jungen Männer von Tanjaret Daghet, Arabisch für Dampfkochtopf. Inzwischen nervt Khaled Omran 31, Leadsänger und Bassist, Dani Shukri, 24, Schlagzeuger, und Tarek Khuluki, 24, Gitarrist, nichts mehr, als wenn sie über den Krieg in Syrien befragt werden.

"Wir haben nicht auf diese Tragödie gewartet, um Musik zu machen", sagt Tarek, ein energiegeladener Wuschelkopf, selten um einen Spruch verlegen. Wenn man ihn etwa nach seinen Fans fragt, antwortet er scherzend: "Sie leben alle bei mir zu Hause". Klar, zum Rockstar gehören die Groupies. Khaled antwortet derweil so verträumt, dass man sich fragt, ob er das nächste Rock-'n'-Roll-Klischee, die Sache mit den Drogen, illustrieren will.

Von allen Seiten zerrt es an den drei virtuosen Musikern, eine klare Position zum Krieg in Syrien zu beziehen. Vor ihrem letzten Konzert in Ägypten seien sie als "Revolutionsband aus Syrien" begrüßt worden. "Wir sind aus Syrien, aber Revolutionsband, bitte was?", erinnert sich Tarek.

Die Politik vereinnahmt nur allzu gern Syriens bekannteste Stimmen und Gesichter für ihre Zwecke. So macht der bekannte Sänger Ali al-Deik inzwischen Musikvideos, die wie Werbefilme aussehen  für Baschar al-Assad. Malek Jandali, einer der berühmtesten syrischen Komponisten, hatte im Juli 2011 auf einer Anti-Assad-Demonstration  ein selbst geschriebenes Stück gespielt, in dem der Satz vorkam "Oh mein Heimatland, wann wirst Du frei sein?". Daraufhin wurden Jandalis Eltern in Syrien zusammengeschlagen.

Westliche Verschwörung

Tanjaret Daghet will keine öffentliche Position beziehen. Die Band hat im Oktober 2011 Damaskus verlassen. Seitdem leben die Drei in Beirut. Eigentlich hatte die Gruppe noch einen Keyboarder. Doch der ist in Syrien geblieben und arbeitet dort weiter als Komponist und Produzent.

In seinen ersten Gesprächen mit Journalisten sagte Khaled, der an der renommierten Musikhochschule von Damaskus studiert hat, dass er seinen Wehrdienst nicht ableisten wollte und deswegen Syrien den Rücken kehrte. Nun haben die Drei einen Manager, der verhindert, dass sie solche Sätze wiederholen, den libanesischen Gitarristen und Musikproduzenten Raed al-Khazen. Die Aufstände in Syrien hält der Manager für eine westliche Verschwörung.

Der durchtrainierte 40-Jährige hat bereits das erste Album der libanesischen Erfolgsband "Mashrou3 Leila " produziert. Er hat die drei Syrer zufällig beim Üben in Beirut gehört und unter seine Fittiche genommen. Nun bekommt man auf die Frage, warum sie nicht mehr ins nahe gelegene Damaskus fahren, wo ihre Eltern leben, nur noch ausweichende Antworten, nicht von ihnen selbst, sondern von Khazen, wie etwa "das würde ihre musikalische Konzentration stören".

Die erste Single, "Ta7t el Daghet " ("Unter Druck") hat Manager Khazen nun mit einem politischen Statement unterlegt. Allerdings nicht zu Syrien, sondern allgemeiner. "Das Blutvergießen der Arabischen Welt geht weiter. Der Plan, unsere Ressourcen zu stehlen, unsere Identität zu verändern und uns zu zwingen, eine bittere Realität zu akzeptieren, trägt Früchte", heißt es da als Single-Untertitel. Ende September soll ihr komplettes Album auch online erhältlich sein.

Khazen hat es zur Mission der Band erklärt, "die Vorurteile, die im Westen gegenüber den Arabern vorherrschen, mit ihrem modernen Sound zu widerlegen." Während er die politische Aufgabe ihrer Musik erklärt, hören die Drei nur zu.

"Wo sie sich nicht umbringen"

Die drei Syrer sind Musiker aus Passion. Khaled sagt: "Ich lebe meinen Traum." Jahrelang übte er an der Elite-Hochschule Klassik, "zehn Stunden am Tag". Doch über seine Brüder, die lieber Pink Floyd und Black Sabbath hörten, fand er zum E-Bass. Inzwischen gilt er als einer der besten Bassisten Syriens und wird für Kollaborationen angefragt.

Tarek hat sich selbst als Teenager die ersten Griffe beigebracht auf der Gitarre seines Vaters, erzählt er. "Ich habe im Internet nach Notenblättern gesucht. Dann habe ich angefangen mit anderen Leuten zu jammen und zu lernen, welcher Akkord passt zu was."

"Mein Vater spielte früher mit Tareks Vater zusammen", erzählt Dani, der Schlagzeuger, "wir wussten das nicht." Es war die Zeit der Hippies, auch im Nahen Osten. Erst als Dani seinem Bandkollegen ein Foto seines Vaters von früher zeigte, meinte Tarek: "Schau mal, der auf dem Foto neben deinem Vater, das ist meiner!" Auch Dani hat das Spielen daheim gelernt. Eine Rock-Szene trat in Syrien erst in den letzten Jahren in Erscheinung. Nachdem Damaskus 2008 arabische Kulturhauptstadt war, wurden die Konzerte häufiger.

Für die Zukunft hat der Libanese Khazen große Pläne für die talentierte Truppe. In diesem Jahr sollen noch viele weitere Konzerte im Libanon folgen, wo Tanjaret Daghet bereits für Aufsehen gesorgt hat, danach soll es weiter nach Jordanien gehen und noch einmal Ägypten, wenn es die Sicherheitslage dort zulässt.

Für 2014 träumt der Manager von Konzerten in Osteuropa, China, Indien, Südafrika oder Deutschland" - "Ländern, wo sie keine Vorurteile haben gegen Menschen, die nicht auf Englisch singen", erklärt er. "Länder, wo sie sich nicht gegenseitig umbringen", sagt Tarek - und lacht.