Abgehört - neue Musik Kontrolle ist gut, Chaos trifft's besser

Sich vom Label zum harmlosen Pop-Sternchen stilisieren lassen? Nicht mit Sängerin SZA, die ein verblüffendes Debüt-Album veröffentlicht. Außerdem: Kokon-Bildung mit den Fleet Foxes und Noise-Futurismus mit F.S.K.

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SZA - "Ctrl"
(Top Dawg Entertainment/RCA, seit 9. Juni)

Wie rollt man die Geschichte einer Künstlerin auf, die schon 2012 als R&B-Königin der Zukunft galt? Die bereits mit Chance The Rapper, Kendrick Lamar, Rihanna und Beyoncé gearbeitet hat? Und von der dann erstmal wenig kam, außer einem kryptischen Tweet, dass sie die Musik an den Nagel hängen wolle? Am besten vom Ende her.

"Ain't got nothin'/ Runnin' from love/ Only know fear/ That's me, Ms. 20 Something", klagt Solána Imani Rowe alias SZA zu zarten akustischen Gitarrenakkorden auf "20 Something", dem letzten von 14 Songs auf ihrem Debüt "Ctrl". Das will vor allem eins sagen: Mit Mitte 20 ist ziemlich viel ziemlich kacke. Das Leben ein Labyrinth aus schlecht einsehbaren Abbiegungen, die Libido ein Minenfeld, Liebe nur ein realitätsfernes Konstrukt. Seufz. Der Song lässt jedoch noch zwei weitere Schlüsse zu: Erstens, dass auch dieses Jahr Sängerinnen, afroamerikanische wie weiße, den Pop dominieren - und zweitens, dass Rowe es geschafft hat, sich von ihren Problemen freizuschaufeln.

Angeblich standen nämlich Verwerfungen mit ihrem Label Top Dawg (u.a. Kendrick Lamar, Schoolboy Q) hinter ihrer Drohung, die Karriere zu beenden, bevor sie richtig begonnen hatte. Die Labelchefs hätten sie zu einem Superstar formen wollen, heißt es, zu einer Sängerin mit möglichst wenig Ecken und Kanten. Bin ich nicht, kann ich nicht, mach' ich nicht, sagte Rowe daraufhin sinngemäß dem Magazin "Complex" - und legt nun ein Album vor, das diesem überkommenen Konzept den Finger zeigt. Es erinnert nicht nur im Titel an Janet Jacksons "Control", mit sie sich vor 31 Jahren vom Regiment ihres Vaters und Klan-Oberhaupts Joseph Jackson lossagte und zur eigenständigen Künstlerin wuchs.

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Ebenso persönlich, sensibel und emanzipatorisch kommt nun SZAs "Ctrl" daher - und wirkt wie ein Update für die Ära der Whats-App-Chats und Tinder-Romanzen. Mit radikaler Subjektivität untermauert es eine Tendenz, die vergangenes Jahr schon Solange, Beyoncé und Frank Ocean vorlebten, dass gerade im Mainstream heute Raum für künstlerische Selbstbestimmung ist. Wie Oceans "Blond(e)" oder Solanges "A Seat At The Table" fühlt sich "Ctrl" keinem Genre verpflichtet, es changiert zwischen organisch-minimalistischem R&B, geschmackssicherem Pop und ausgestöpseltem Grunge-Rock - ein 50-minütiges Statement.

Der Stil-Spagat setzt sich auch inhaltlich fort. In "Doves In The Wind" (mit Kendrick Lamar) lässt Rowe selbstbewusst alle Kerle abblitzen, die Frauen auf nur ihre Körper reduzieren: "You could never trivialize pussy/ But a bum nigga like you would try it", singt sie - und wünscht sich stattdessen einen Typen wie Forrest Gump an die Seite. Dem sei es bei seiner Freundin Jenny schließlich nie bloß um die pussy gegangen - "meaning you deserve the whole box of chocolates." Gleich im nächsten Song, "Drew Barrymore", öffnet sie hingegen wieder den Selbstzweifeln die Tür: "I'm sorry I'm not more attractive/ I'm sorry I'm not more ladylike." Und findet in "The Weekend", einem melancholischen Versuch der Selbstbehauptung innerhalb einer Dreiecksbeziehung, zur bitteren Einsicht, dass Gefühle letztlich stärker sind als Vernunft: "You're like nine to five/ I'm the weekend."

Es gibt streng genommen also nur ein Thema: Das widersprüchliche Innenleben der "20 Something" Rowe. Ihr Kunstgriff liegt darin, diese Selbstbetrachtung von jeglicher Beschönigung zu befreien. "Ctrl" verzichtet auf Kitsch und weichzeichnende Instagram-Filter. Stattdessen legt es das Mikroskop an: Emanzipation und Unterwerfung, Süßholz und schmutzige Wäsche, Akzeptanz und Zweifel, Zärtlichkeit und dreckiger Sex stehen kontrastierend nebeneinander. Und am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man zwei Dinge im Leben eben nicht kontrollieren kann: die Liebe und den Körper. Das zu vertonen ist mutig. Im Ergebnis ist "Ctrl" daher das im besten Sinne menschlichste Album seit langem. (9.0) Dennis Pohl

Fleet Foxes - "Crack-Up"
(Nonesuch/Warner, seit 16. Juni)

"We all started hating each other", sagte Josh Tillman noch 2015 über seinen Ausstieg bei den Fleet Foxes, wo er jahrelang die Drums bedient hat. Inzwischen klingt Tillman versöhnlicher und lobt seine Ex-Kollegen überschwänglich für ihr neues, drittes Album "Crack-Up", das sechs Jahre nach "Helplessness Blues" nun endlich erschienen ist. Tillman, der inzwischen eine Karriere als Indie-Darling Father John Misty gestartet hat, die jüngst im unterhaltsam verspulten Kammerpop-Album "Pure Comedy" kulminierte, kann es sich leisten, großzügig zu sein. Wahrscheinlich ist er immer noch froh, dem akademischen Folkmusiker-Zirkel der New Yorker Columbia Universität entronnen zu sein.

Denn genau so, wie ein neunmalkluges, musikalisch bis zur Angeberei ausgefeiltes, betont idiosynkratisch gegen klare Songstrukturen und einfache Melodien entschiedenes Denkstuben-Traktat klingt "Crack-Up". Es erhebt die Prokrastination, die Flucht vor dem Zustand der Welt ins ästhetisch Umwölkte, zur großen Kunst. Und bleibt doch nur ein Manifest der Ratlosigkeit.

Andreas Borcholtes Playlist KW 25
SPIEGEL ONLINE

1. Action Bronson: Let Me Breathe

2. Vince Staples: Big Fish

3. Shay Lia: Blue

4. SZA (feat. Kendrick Lamar): Doves In The Wind

5. S4U: Too Much

6. Nick Höppner: In My Mind

7. Umfang: Where Is She

8. Lorde: Sober

9. Algiers: The Underside Of Power

10. John Moreland: Love Is Not An Answer

Nichts gegen Überforderung und Hilflosigkeit: Damit müssen wir in Zeiten von Terror und Trump alle umzugehen lernen. Als Künstler sollte man bei seinem Versuch, klarzukommen, nur nicht langweilen, das hilft keinem. Fleet-Foxes-Mastermind Robin Pecknold hat sich zwar den Rauschebart bis auf ein Rudiment abrasiert und dafür seinen lyrischen und musikalischen Horizont erweitert, dringt man jedoch durch das Dickicht der literarischen und geschichtlichen Verweise, die von F. Scott Fitzgerald bis ins alte Ägypten und zu Muhammad Ali und Black Lives Matter reichen ("Cassius, -"), dann bleibt halt doch nicht viel übrig als ein prätentiöses Update von CSNY und Buffalo Springfield, allerdings ohne den Pop-Punch, den die alten Herren schon zu benebelten Woodstock-Zeiten hatten.

Die Coffee-Shop-Helden, die 2008 auf ihrem Debüt mit perfektionistischen Innerlichkeits-Gesängen wie "White Winter Hymnal" den Zenit der Freak-Folk-Bewegung symbolisierten, tragen also bei ihrem Comeback in ein neues Jahrzehnt voller neuer gesellschaftspolitischer Vorzeichen zumindest mental noch immer dieselben "Bärte der Renitenz", die Jens Balzer letztes Jahr in seinem Buch "Pop - Ein Panorama der Gegenwart" beschrieb: "Bärte, die für eine neue Langsamkeit stehen, ein lustvolles Sich-nicht-entscheiden-Können und passives Gewährenlassen".

Auf "Crack-Up" wird leider nichts aufgebrochen, wie der Titel insinuiert, es wird nur weiter am dichten Kokon gesponnen. Schön, schlau, edel und gut - aber eigentlich haben wir für dieses versonnene Folk-Lockendrehen am Kinn gerade keine Zeit mehr. (6.0) Andreas Borcholte

F.S.K. - "Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier"
(Martin Hossbach, ab 23. Juni, Vinyl auf 500 Exemplare limitiert)

Eine Auftragsarbeit, uraufgeführt am Tag der Deutschen Einheit 2015 im Berliner Haus der Kulturen der Welt im Rahmen des Programms "100 Jahre Gegenwart": "Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier".

Das knapp 45-minütige Stück der Münchner Band F.S.K. bezieht sich auf das Wirken des Futuristen Luigi Russolo. Auf den ersten Blick liegt die Verbindung nicht gerade nahe: Russolos Manifest "Der Klang der Geräusche", erschienen 1913, ist einer der Urtexte der Geräuschmusik - mit Industrial und Artverwandtem aber hatten F.S.K., bei aller Freude am Vermischen und Zitieren, die auf den inzwischen mehr als zehn Alben seit 1980 zu nachzuhören ist, nicht viel am Hut. Trotzdem passt es. Russolo begeisterte sich 1913 am Klang der Stadt und bejahte sie mit aller Kraft: "Durchqueren wir eine große moderne Hauptstadt, die Ohren aufmerksamer als die Augen, und wir werden daran Vergnügen finden, die Wirbel von Wasser, Luft und Gas in den Metallrohren zu unterscheiden, das Gemurmel der Motoren, die unbestreitbar tierisch schnaufen und pulsieren".

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Diese Haltung ist F.S.K. nicht fremd: In den Anfangstagen der Band um den Schriftsteller Thomas Meinecke und die Künstlerin Michaela Melián funktionierte die irritierende Affirmation (ist es ironisch, ist es ernst?) als subversive Strategie. F.S.K. sangen Loblieder auf Kaufhausketten und bekannten sich zum "Ja zur modernen Welt". Später wurde seltsames Americana gespielt, dann House und Techno mit Schlagzeug, Bass und Gitarre adaptiert.

Wenn F.S.K. nun Russolo ins System aufnehmen, passiert erst einmal nicht viel: ein stoisch-repetitiver Beat, der an Can und Neu gemahnt, dazu eine sanft dissonante Gitarre. Nach sieben Minuten meint man, gut, es ist halt was Konzeptuelles, muss ja nicht toll klingen - und dann geht es doch noch los: Der Rhythmus bricht immer wieder weg, frohsinniges Feedback setzt ein. Es treten auf: ein Klavier, das offenbar mit zwei Fäusten gespielt wird, versteckte Melodien, verhaltener Krach, Krautrock-Versatzstücke und allerhand akustisches Geschmirgel.

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Ein von Meinecke gesungener kurzer Text baut eine Brücke vom "Bersten, Prasseln, Zischen" des italienischen Futurismus zu "Bring The Noise" von Public Enemy. Am Ende wird das Klavier dann tatsächlich zerstört, was auch sehr schön klingt. "Das war dann (...…) etwas, das der Idee von F.S.K. extrem entgegensteht", erklärte Meinecke dem "Kaput"-Magazin nach der Uraufführung, "nämlich der Gedanke der Intensität und der Wunsch 'mighty real' zu sein, sozusagen."

Das alles aber ist dann doch, die Aufnahmen des Konzertes beweisen es, wieder sehr zitathaft und uneigentlich geraten. Sozusagen und zum Glück. (8.0) Benjamin Moldenhauer


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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thrust26 20.06.2017
1. Besser!
Früher war das meiste was hier besprochen wurde für mich nicht wirklich erträglich. Jetzt habe ich nach längerer Zeit mal wieder reingeschaut und bin positiv überrascht. Weiter so!
flomosig 21.06.2017
2. Erwartungshaltung
Wenn man jahrelang auf etwas wartet, steigt die Erwartungshaltung mitunter ins Unermessliche, so dass man am Ende nur enttäuscht werden kann. So muss es dem Autoren ergangen sein. Ich jedenfalls höre ein Album, das wie die Fleet Foxes klingt und schon allein deshalb wunderschön ist. Im Übrigen war Helplessness Blues ( oder, wie Herr Borcholte sagt, Hopelessness Blues) genauso verschwurbelt. Und das fanden alle super.
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