Szene-Ikone Peaches Sex, Rock und eine große Klappe

Sie ist klein, sexy und vor allem laut. Die Sängerin Peaches wagt den Schulterschluss zwischen Feminismus, Punk und Elektro. Die Kanadierin gilt in ihrer Wahlheimat Berlin als Madonna des Untergrunds, jetzt will sie den Rest der Welt erobern: Auf ihrem zweiten Album "Fatherfucker" stellt sie die Geschlechtergrenzen in Frage.

Von Ulf Lippitz


Rockstar Peaches: "Wie kann so ein durchschnittliches Mädel mit einer Matte wie Billy Joel als sexy gelten?"

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Verheerender hätte das Konzert nicht beginnen können. Als Peaches auf der Bühne des Berliner Summerize-Festivals steht, hört sie nur ein hintergründiges Pluckern. "Bin ich laut genug?", brüllt sie mit Mark erschütternder Stimme. Die zierliche Sängerin ist laut genug, ihre Musik vom DAT-Band ist es nicht. Das Publikum stapft trotzdem aufgeregt mit den Füßen. Peaches schüttelt missmutig den Kopf.

Sie braucht es kraftvoll. Die Kanadierin mit Wohnsitz Berlin hat sich vorgenommen, heute das frische, zweite Album "Fatherfucker" zu präsentieren - eine Platte, die die nächste Stufe ihrer Karriere einleiten soll: weg von der "Electro-Madonna des Berliner Underground" hin zur "rockigsten Bitch weltweit". Dafür hat sie sich mit greller Schminke, einer blonden Perücke und allerlei Macho-Allüren bewaffnet. Die 36-jährige Sängerin will geschlechtliche Role Models karikieren, in einem Beat-Box-Gewitter wüten und großschnäuzig unterhalten. "Ich will als einzelne Frau ein ganzes Kiss-Konzert geben", proklamiert sie.

Sängerin Peaches: Sex-Symbol für die moderne Großstadtfrau

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Aber die Umstände verschwören sich gegen sie. Die Gitarre versagt ihren Dienst, die DAT-Anlage springt zu schnell zum nächsten Song über, die Tänzerinnen erscheinen zur falschen Zeit - und dann weiß Peaches nicht mehr, welcher Titel als nächstes kommt. Es ist wie auf der Probe eines Schulfestes - nur skurriler. Die blonde Perücke fliegt durch die Luft, ein Minirock landet auf dem Boden und zwei Dildos wippen an den bestrapsten Tänzerinnen. Die Fans im Prenzlauer Berg quittieren die Stotter-Show dennoch mit frenetischem Beifall.

Peaches besitzt die seltene Gabe, eine Katastrophe in ein Ereignis zu verwandeln. Die Gründer der Plattenfirma Kitty-Yo, Patrick Wagner und Raik Hölzl, erkannten das sofort, als sie die schrille Punk-Elektro-Queen zum ersten Mal unter ihrem bürgerlichen Namen Merril Nisker live bewunderten. Sex, Rock und eine große Klappe - diese Verbindung schien im Pop-Himmel geschlossen. Der Vertrag folgte.

Provokation à la Peaches: Was soll hier noch weiblich, was noch männlich sein?

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Das Debüt "The Teaches of Peaches" erschien 2000 bei dem Berliner Indie-Label und wurde zur Erfolgsstory: Über 40.000 Mal verkaufte sich das Album weltweit - eine enorme Zahl für eine so kleine Firma, die kaum Ressourcen für einen Vertrieb geschweige denn Promotion im Ausland besitzt. Fast jede Fashion-Show in Paris startete bald mit dem wilden Mix aus Elektro, Rap und Punk, Karl Lagerfeld lichtete sie ab und Madonna fühlte sich von Songs wie "Fuck The Pain Away" derart motiviert, dass sie ihr angeblich als Ansporn-Hilfe für das Fitness-Training dienten.

Körperliche Befreiung ist auch das große Thema des zweiten Albums. Mach dich locker, sei offen und schüttel deine primären Geschlechtsorgane - so lässt sich die Message von "Fatherfucker" umschreiben. Insbesondere Männer möchte Peaches ansprechen. "Es gibt viele Lieder, in denen es heißt: 'Shake your tits, shake your ass!'", sagt sie. "Arme Jungs! Niemand fordert sie auf, ihre Schwänze zu schütteln. Ich tue das. Ich will sie gleichberechtigt behandeln. Wenn sich einer davon angegriffen fühlt, kann ich nur sagen: Tritt Busta Rhymes jemanden auf den Schlips, wenn er so über Frauen rappt?"

Peaches-CD "Fatherfucker": Sex, Rock, Elektropunk

Peaches-CD "Fatherfucker": Sex, Rock, Elektropunk

Die Schere zwischen Weiblich-Fühlen und Männlich-Wirken klafft in der Wahrnehmung oft auseinander. "Man bezeichnet mich als männlich, weil ich druckvoll auf der Bühne auftrete", erzählt sie. "Aber seit wann ist Verausgabung auf Live-Shows ein Kriterium für Männlichkeit?" Peaches hat eine klare Vision: Musikalisch vereint sie Punk und Schlafzimmer-Techno - auf dem neuen Album noch mehr als bisher. Inhaltlich reißt sie Grenzen zwischen Männern und Frauen, zwischen Homos und Heteros nieder. Was soll hier noch männlich, was weiblich sein?

Ihr Motto auf dem neuen Album: "I like girls/ I like boys". Sie sagt dazu: "Geschlechtergrenzen sind überholt. Oft machen Texte aus einem Geschlecht ein Objekt - ich will offen sein." Ein Sex-Symbol für die moderne Großstadtfrau ist sie so geworden: selbstbewusst, direkt und verführerisch. Die privat eher ruhige Sängerin fragt sich amüsiert: "Wie kann so ein durchschnittliches Mädel mit einer Matte wie Billy Joel als sexy gelten?". Stolz resümiert sie: "Das ist eine kleine Meisterleistung."

Vor zehn Jahren hätte sie nie geglaubt, einmal ein alternatives Sexsymbol zu sein. Sie träumte davon, Theaterregisseurin in Montreal zu werden, sang in einer braven Folk-Band und wäre fast als Ableger der 4 Non Blondes geendet. Aber die Energie des Punk, der Sound des Techno und die Reime des HipHop retteten sie. Heute nennt man sie eine Frau, die sich ihre Integrität bewahrt hat - und das auf "Kick It" mit Iggy Pop als Duett-Partner eindrucksvoll untermauert.

Die kreative Unabhängigkeit kostete allerdings Wegezoll. Als der Plattenmulti Sony sich vor zwei Jahren in einem Kaufrausch alle viel versprechenden Berliner Acts unter den Nagel riss und Peaches für eine Single lizenzierte, kollidierten ökonomische und künstlerische Interessen. Mit Horror erinnert sie sich: "Sony wollte eine Sarah Connor aus mir machen. Die wollten mich im Fernseh-Tagesprogramm unterbringen!" Sie trennte sich von den hochfliegenden Plänen - mit Blessuren: Durch einen vorher abgeschlossenen Vertrag waren ihre Platten für ein halbes Jahr nicht im Handel erhältlich.

Peaches ist nichts für den Mainstream. Sie röhrt wie eine freche Rock-Göre, tanzt wie ein aufgedrehtes Show-Girl und rotzt in bestem Gassen-Jargon. Ihr so elend gestartetes Konzert hat sie mit nur zwei Worten in Schwung gebracht: "Fuck It!"


Peaches: "Fatherfucker" wurde am 15. September 2003 bei XL Recordings/Zomba veröffentlicht



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