Tageskarte Jazz Frauen an die Front

Ist Jazz männlich? Etwa, weil aufgeblasene Backen beim Trompeten Frauen unsexy aussehen lassen? Alles Quatsch, wie Spitzenmusikerinnen beim Festival "Women in Jazz" beweisen werden.


Frauen im Jazz singen oder spielen Klavier, lautet eine traditionelle Faustregel. Dass sie heute nicht mehr gilt, zeigt ein Blick auf das Festival "Women in Jazz" in Hilden bei Düsseldorf. Neben Sängerinnen (wie Rigmor Gustafsson) und Pianistinnen (darunter Heike Beckmann) treten dort die Schlagzeugerinnen Cindy Blackman und Marylin Mazur auf, dazu die Bassistin Karoline Höfler, die Posaunistin Annie Whitehead und die Saxofonistinnen Meike Goosmann und Karolina Strassmayer mit ihren Combos. Die 37-jährige Strassmayer spielt im Hauptjob neben 17 Männern in der Kölner WDR Bigband. Als dort 2004 eine Stelle frei wurde, war die Österreicherin die Beste unter Dutzenden Bewerbern.

Jazz-Sängerin Verny: Keine exotischen Außenseiter mehr

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Strassmayer ist die erste Frau in einer deutschen Rundfunk-Bigband; sie steht damit für einen weltweiten Trend: Über Gesangs- und Pianostellen hinaus erobern Musikerinnen Positionen im Jazz. Und zunehmend profilieren sich Frauen auf bislang von Männern beherrschten Instrumenten. Zwar gab es schon seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer wieder virtuose Saxofonistinnen, Trompeterinnen und Drummerinnen. Aber sie galten eher als exotische Außenseiter denn als vollwertige Kollegen. "Ich würde nie eine Frau für meine Band engagieren", erklärte der Schlagzeuger Buddy Rich, der über Jahrzehnte führende Orchester leitete. Deshalb blieben den Künstlerinnen mit den "Männer-Instrumenten" vorwiegend Jobs in Damen-Kapellen mit Namen wie "International Sweethards of Rhythm". 1944 urteilte ein Kritiker im Jazz-Magazin "Down Beat": "Guter Jazz ist eine harte, maskuline Musik."

Freilich bremste nicht nur das Vorurteil der Männer die Musikerinnen. "Dass Frauen als Instrumentalistinnen rein zahlenmäßig nur einen ganz geringen Anteil in der Jazzmusik haben", schrieb in den neunziger Jahren die Jazzexpertin Annette Hauber, "hängt ganz eng mit der Tatsache zusammen, dass es für viele nicht erstrebenswert ist, eine Musik auszuüben, der gemeinhin männliche Attribute zugeschrieben werden."

Begriffe wie "aggressiv, wild, ekstatisch" stünden "noch immer konträr zum gängigen Frauenbild". Doch das Frauenbild änderte sich ebenso wie das Bild vom Jazzmusiker. Für den heißt es heute nicht mehr "learning by doing" in Nachtclubs, sondern Studium an Hochschulen. Und dort werden in den Jazzklassen auch Frauen umfassend und auf allen Instrumenten ausgebildet.

Junge Musikerinnen finden erfolgreiche Vorbilder. So hat sich Terri Lynne Carrington unter den besten zeitgenössischen Schlagzeugern etabliert, und zwei Frauen leiten führende moderne Bigbands: die Amerikanerinnen Maria Schneider und Carla Bley, beide gleichermaßen außergewöhnlich als Pianistinnen, Komponistinnen und Arrangeurinnen. Die 1936 geborene Bley hat freilich auch erfahren, dass die Ehe mit einem Musiker "einer der wenigen Wege ist, der Frauen offensteht, um weiter zu kommen". Die Musikerin mit der Mobfrisur heiratete zuerst den Pianisten Paul Bley, dann den Trompeter Michael Mantler; jetzt ist der E-Bassist Steve Swallow ihr Lebenspartner.

Mit einem Kollegen verheiratet (dem Saxofonisten Lew Tabackin) ist auch Toshiko Akiyoshi, 78. Die aus Japan in die USA eingewanderte Pianistin stellte bis vor fünf Jahren immer wieder Bigbands zusammen. Für ihre Kompositionen und Arrangements wurde Akiyoshi nicht weniger als 14 Mal für einen Grammy nominiert. Doch finanziell blieb die Orchesterarbeit erfolglos; es gab keine Bigband-Plattenverträge. Akiyoshi war deshalb glücklich über die Möglichkeit, in Stuttgart ein Album zu produzieren. Unter ihrer Leitung nahm die SWR Bigband Kompositionen der Grand Dame unter den Jazz-Frauen auf. "Es war wirklich großartig", sagt Akiyoshi über ihre Arbeit mit dem deutschen Orchester, "ich weiß das Resultat sehr zu schätzen."


CD Toshiko Akiyoshi And The SWR Big Band: "Let Freedom Swing" (haenssler classic).

Festival "Women in Jazz". Hilden. 20.–25. Mai, u.a. mit Susan Weinert, Barbara Dennerlein, Sheila Jordan, Cecile Verny.



insgesamt 2 Beiträge
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wakaba 09.05.2008
1. Oha
Musikstudium, wer mehr weiss - zitiert auch besser, versteht den Kontext und mit etwas Erfahrung gelingt eine recht gute Interpretation. Hier hört aber die Entwicklung der meisten Studium-Musiker/innen leider auf und Abstraktionsfähigkeit, Sublimität werden nicht weiter ausgebaut. Anstatt subversiv zu hinterfragen werden Dogmen gepflegt. Jazzmusiker wie Louis Jourdan entwickeln sich und Ihre Musik weiter, daraus entstehen dann Formen wie R n`R, Pop, Rap, Bop etc. Anstösse in der Kultur kommen wie immer nicht aus der Schule sondern aus dem Fringe, also aus dem Jazzkeller. Frauen aesthetisieren, machen also eher Kunsthandwerk als Kunst, auch im Jazz und Blues. Auch Carla Bley gehört in diese Kategorie.
alexaugust 09.05.2008
2. Dämlich kommt nicht von Dame
Letztlich gültig erklären kann ich das auch nicht, aber den Musikerinnen zu unterstellen, sie würden es meiden, beim Spielen eines Instruments 'unsexy' auszusehen, ist schon Mottenkiste... Herrschaftzeiten, halten sie den Triangelspieler im klassischen Orchester etwa für eine sexy Nummer? Das zeigt nur den (männlichen) Anspruch an eine Frau, auf der Bühne gefälligst möglichst appetitlich auszusehen. Dem muß man sich nun wirklich nicht beugen. Unter den Semiprofis und engagierten Hobbymusikern, die ich so kenne (will heißen, ist ja nicht repräsentativ), sind es derzeit ausschließlich die Männer, die sich mit einem ganz anderen Ehrgeiz dahinterklemmen, ihr Instrument zu beherrschen. Ich hab' bei Einigen den Eindruck, da geht's gar nicht nur um Musik, sondern immer auch darum, sich und anderen was zu beweisen, besser zu sein, ja, auch zu balzen :-)). Das Beherrschen des Instruments erweitert die Persönlichkeit in ihrer Bedeutung - ist ja auch O.K. Männer sind einfach stärker so strukuriert, sich eher über 'Dinge' zu definieren.
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