Tageskarte Klassik Die pure Substanz

Nach weniger als drei Jahren hat Paul Lewis seinen Zyklus der Beethoven-Sonaten vollendet. Dabei gelingt ihm, wovon auch Altmeister träumen: Die Stücke sprechen vollendet für sich selbst.

Von Johannes Saltzwedel


Weltklasse-Tennis macht Spaß, wenn man zuschaut: Reaktion, Körperarbeit, Schlagtechnik und Taktik, alles passt perfekt zusammen. Auch ein Top-Golfer befördert den Ball scheinbar so locker aufs Grün, dass man am Bildschirm rasch vergisst, welche Konzentration es erfordert, die kleine weiße Kugel überhaupt sauber zu treffen, die Distanz zu kalkulieren, Wind und Geländeneigung mitzurechnen – all das, was Könner eben schon unbewusst richtig machen. Aber machen sie es wirklich unbewusst? Stehen nicht unablässige Trainingseinheiten hinter der scheinbar mühelosen Leichtigkeit des Erfolges?

CD-Cover "Beethoven #4"

CD-Cover "Beethoven #4"

Pianisten zumindest dürfen sich heute auf schiere Genialität nicht mehr verlassen. Jede Tempovorschrift, jede abweichende Dynamik lässt sich anhand der Noten kontrollieren. Auch was nicht mehr dort stehen kann, die Feinheiten von Anschlag, Struktur und dramatischer Spannung, sind keine Privatsache: Spätestens wenn ein Konkurrent dasselbe Stück spielt, heißt es Farbe bekennen.

So gesehen war es der Mut eines Tollkühnen, was den jungen Briten Paul Lewis vor nicht einmal drei Jahren damit beginnen ließ, seinen eigenen Zyklus alle Beethoven-Sonaten einzuspielen. Kaum eine Werkgruppe ist auf Schallplatten ausgiebiger dokumentiert als diese Stücke: Von der ersten Gesamtaufnahme Artur Schnabels aus den dreißiger Jahren bis heute wüsste jeder Experte mindestens ein Dutzend nicht nur eindrucksvolle, sondern Epoche machende Interpretationen zu nennen, von den zahllosen achtbaren und schlüssigen im Mittelfeld gar nicht zu reden. Zugleich mit Lewis starteten Gerhard Oppitz (der das Sinfonische hervorhebt), András Schiff (der das klangliche Glück des Moments auf zwei verschiedenen Flügeln zu bannen versucht) und Michael Korstick (bei dem es vollendet virtuos zugeht) ihre Sonaten-Sets.

Dass sich Lewis, ein Schüler Alfred Brendels, gegen diese einschüchternde Konkurrenz souverän behauptet, wird kaum ein aufmerksamer Hörer auch dieser vierten und letzten Folge seiner Aufnahme leugnen. Aber wie macht er das? Wie bekommt man es hin, dass nach allem Gerede über Metronom-Zahlen – bei Beethoven ein besonderer Streitfall –, Originalklang und Deutungsschulen plötzlich nur noch pure Musik im Raum zu stehen scheint? Vom perlenden Lauf des Prestissimo am Schluss der c-Moll-Sonate opus 10 Nr. 1 bis zum anfangs fast unmerklichen Puls der metaphysisch überhöhten Variationen, die in opus 111 (wieder c-Moll!) diesen klassischen Kosmos beschließen: Rebellentum und Humanität, Eleganz und Kühnheit verschmelzen zur wie selbstverständlich universalen Klangrede. Pure Substanz also statt Show und Thesen – vielleicht sollte man gar nicht so genau nachfragen, welche Exerzitien Lewis dafür auf sich genommen hat, um dieses Ideal der Altmeister so staunenswert zu verwirklichen. Es genügt zu wissen, dass es wieder mal einer gewagt hat, dass er nun tatsächlich bis zum Ende durchgehalten hat, und sich dann als Hörer über das Privileg zu freuen, Zeuge solcher Kunst sein zu dürfen.


CD Paul Lewis: "Beethoven #4" mit den Klaviersonaten op. 10, 28, 49, 81 und 109–111 (Harmonia Mundi).



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