Tageskarte Klassik Hohe See der Klänge

Unter westlichen Klavierpuristen ist Sergej Rachmaninow als nostalgischer Breitwandmelodiker verpönt. Nun könnte die neue Aufnahme von Alexander Melnikow ein paar von den Skeptikern umdenken lassen.

Von Johannes Saltzwedel


Wer den großen Klavierdenker Sir Alfred Brendel nach musikalischen Abneigungen fragt, der wird kaum Namen zu hören bekommen. Nur einen Mann, der fatalerweise Komponist und Virtuosenkollege zugleich war, hält der neugierige, gewissenhafte und allzeit aufgeschlossene Pianist ganz klar für überbewertet: Sergej Rachmaninow (1873-1943). Offenbar geht es ihm dabei wie etlichen qualitätsbewussten Musikern seiner Generation, die den Aufbruch in die Avantgarde als historisch befreienden Schritt erlebten: Brendel empfindet die spätromantisch wogenden Notenlandschaften Rachmaninows und seine schmachtend-verhangene Melodik der Sehnsucht in der Nachfolge Tschaikowskis als formschwache, nostalgisch-pompöse Wolkenschieberei.

Natürlich wird niemand dem weisen Könner und Kenner sein Geschmacksurteil ausreden wollen. Aber was sein Kollege Alexander Melnikow, 34, jetzt zustande gebracht hat, dürfte sogar manchen Rachmaninow-Fan überrascht aufhorchen lassen. Der Schüler Elisso Wirssaladzes, selbst als Dozent am renommierten Royal Northern College of Music in Manchester tätig, hat die zwischen 1915 und 1917 entstandenen "Études-Tableaux" op. 39 für sich entdeckt - und stellt sie als Kabinettstücke empfindsamer Ausdruckskunst vor, die im Rang durchaus mit den fast gleichzeitig entstandenen "Études" von Debussy mithalten können.

Immens fingerfertig muss man freilich schon sein, um jenseits der teilweise atemraubenden Notenfluten, mit denen diese neun pianistischen Mikrokosmen aufwarten, zum jeweiligen Stimmungsbild vorzudringen. Melnikow, der vergangenes Jahr eine fulminante Skriabin-CD veröffentlichte, ist ein idealer Interpret dieser buchstäblich transzendenten Virtuosenmusik. Niemand muss hier den Sog unaufgelöster Klänge fürchten, der bisweilen trügerisch bequem einen Landepunkt erreicht, nur um den Hörer sogleich wieder auf die hohe See funkelnd gegeneinander versetzter Akkordketten zu werfen: Souverän, aber nie pedantisch peilt der Mann an den Tasten immer wieder die Leitharmonien an.

Dass Tastenakrobatik für Rachmaninow kein Selbstzweck war, beweist Melnikow in einigen exquisit lyrischen Passagen dieser Werke. Noch mehr kommt die Lust an schwebender Melodie in den sechs Liedern zur Geltung, die Jelena Brylowa mit betörendem Sopran zu seiner Begleitung singt. Genießerisch-opulent wie Richard Strauss, aber verträumter im Ansatz und sparsamer im Bau, lassen diese Romanzen schon ahnen, was Rachmaninow bald werden sollte - wie es die angefügten "Corelli-Variationen" von 1931 dann beweisen: ein mit all seiner Erfindungsgabe Heimatloser, dessen "ungeheure Popularität" heute laut Melnikows klugem, nachdenklichem Booklet-Text größtenteils ein Missverständnis ist.


CD Sergej Rachmaninow: "Neun Études-Tableaux op. 39 / Sechs Gedichte op. 38 / Corelli-Variationen op. 42". Alexander Melnikow, Klavier; Jelena Brylowa, Sopran (Harmonia Mundi).



insgesamt 2 Beiträge
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Constantin Antaris, 02.01.2008
1. Rachmaninow und nochmals Rachmaninow
Wenn sich Brendel und vielleicht wenige andere Interpreten über einen Künstler von der Qualität Rachmaninows herwagen, haben sie sich der Künstlerbene enthoben und sind vielleicht auf die Stufe von Ökonomen oder unterdurchschnittlichen Lehrern abgesunken. Rachmaninow ist die vehemente sehnsüchtige Kraft und Leidenschaft. Die muss nicht jeder Künstler so haben - die einen machen`s fein, die anderen grob und laut und voller Technik, vielleicht auch etwas atonal und dazwischen sensibel, leise, harmonisch, tonal - eben auch fein.
maksim, 02.01.2008
2. +
Das heisst nicht Rachmaninow, sondern Krachmaninow.
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