Tageskarte Klassik Philharmonischer Partnertausch

Simon Rattle debütiert an der Berliner Staatsoper mit dem melancholischen Bekenntniswerk "Pelléas et Mélisande" von Claude Debussy – es ist sein erster dirigentischer Seitensprung in Deutschland seit Übernahme der Berliner Philharmoniker.

Von Kai Luehrs-Kaiser


Dirigenten gelten als untreu. Selbst Karajan, der kein Durchreise-Dirigent war, verhielt sich zu den Berliner Philharmonikern nur halb monogam. Er poussierte mit anderen Orchestern in Wien, London und Paris, allerdings meist nur im Schallplattenstudio. Vor allem die Wiener Philharmoniker standen stets bereit, wenn mal wieder Zoff den Berliner Ehefrieden trübte. Die Wiener gefielen sich in dem Satz: "Die Berliner Philharmoniker sind wie Karajans Ehefrau. Wir sind seine Geliebte."

Dirigent Rattle: War er zu treu?

Dirigent Rattle: War er zu treu?

Seit Simon Rattle, 53, demokratisch zum Chef der Berliner Philharmoniker gekürt wurde, bemüht er sich redlich, dem besten deutschen Orchester ein neues Klangprofil zu geben. Mit wechselhaftem Erfolg. Bei Britten, Messiaen oder Neutönern wie Magnus Lindberg schillern und knistern die Berliner Philharmoniker schön wie nie. Bei Beethoven, Brahms und Bruckner aber warten die Zuhörer noch immer auf die Erleuchtung. Simon Rattle, das pfeifen die Berliner Spatzen von den Dächern, hat ein Problem mit den Saftschinken des großen, romantischen Repertoires.

War er zu treu? Womöglich fehlen ihm Erfahrungen mit anderen Orchestern. Erstmals seit Amtsübernahme vor fünfeinhalb Jahren gönnt er sich jetzt einen orchestralen Seitensprung. Und das ausgerechnet ein Haus weiter, bei der Berliner Staatskapelle. Deren Chefdirigent auf Lebenszeit ist Rattles einstiger Rivale um die Leitung der Philharmoniker: Daniel Barenboim, 65. Pikanterweise gilt er bis heute als schärfster Konkurrent um eine mögliche Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern (Rattles Vertrag geht bis 2012).

Weil aber Rattle nicht nur ein treuer, sondern auch ein selbstkritischer, ja zuweilen depressiv wirkender Dirigent ist, hat er sich für den kleinen Ausreißer ein Werk gewählt, das er schon zu Hause bei den Philharmonikern (sowie in London) schwelgerisch-finster geleitet hat. In vier Vorstellungen an der Linden-Oper dirigiert er das melancholische Bekenntniswerk "Pelléas et Mélisande" von Claude Debussy. In einer alten, bläulich oszillierenden Inszenierung von Ruth Berghaus. Die Hauptrolle der Mélisande wird von niemand anderem als Rattles Ehefrau, Magdalena Kozená, gesungen.

Am selben Abend im anderen Haus, in der Philharmonie, wird übrigens gleichfalls "Pelleas und Melisande" gespielt (in Gestalt der Tondichtung op. 5 von Arnold Schönberg). Hier dirigiert ein Pult-Heroe, welcher übertriebener Orchester-Treue sonst nicht verdächtigt wird: Daniel Barenboim. Konkurrenz verbindet.


Aufführungen "Pelléas et Mélisande" Berliner Staatsoper am 10., 13., 20. und 23. April, jeweils 19 Uhr,Unter den Linden 7, Karten: Tel. 030/20 35 45 55, www.staatsoper-berlin.de



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