Tageskarte Klassik Schamlos opulent

Mit einem Soloalbum meldet sich der Startenor Rolando Villazón zurück – und beweist damit sein Ausnahmetalent, noch jenseits aller Kitschgrenzen stilvoll zu bleiben.

Von Johannes Saltzwedel


Klar, dass einer wie er nicht immer nur Sidekick sein möchte, der artig grimassierende Liebhaber mit zwischendurch verblüffendem Showtalent: Wenn der mexikanische Tenor Rolando Villazón auf die Bühne kommt, scheint sie ihm zu gehören – da braucht es keine Zweckgemeinschaft mit Anna Netrebko, an deren Seite er noch vergangenes Jahr brav über die Freilichtbühnen tourte. Die Russin aber wird fürs erste ohnehin mit ihrem demnächst erwarteten Nachwuchs beschäftigt sein, und so kann "Señor 100000 Volt" (Ulrich Weinzierl), der seit Jahresanfang wieder auftritt, nun erst recht loslegen: Mit "Cielo e mar", seinem Solo-Debüt im erfolgsverwöhnten Haus der Deutschen Grammophon, möchte Villazón endlich zeigen, was in ihm steckt.

Villazón-CD "Cielo e Mar": Endlich zeigen, was in ihm steckt

Villazón-CD "Cielo e Mar": Endlich zeigen, was in ihm steckt

Gewiss, das Album voller Raritäten aus der italienischen Oper um 1900 wurde aufgenommen, noch bevor der quicklebendige Lyriker vergangenen Sommer aus Erschöpfung eine mehrmonatige Zwangspause einlegen musste. Aber die Arien voller Sehnsucht, die aus so abgelegenen Stücken wie "Maristella" von Giuseppe Pietri (1886–1946) oder "Fosca" von Villazóns Landsmann Antonio Carlos Gomes (1836–1896) stammen, eignen sich für das glutvoll-satte Timbre seiner baritonal fundierten Stimme mindestens so gut wie die Arien von Gounod und Massenet, die vor nun schon drei Jahren bei seiner früheren Vertragsfirma Virgin Classics erschienen.

Schmelzend vor Leidenschaft, meist filmisch-operettenhaft wuchtig in ihrer orchestralen Untermalung, grenzen diese Bravour-Romanzen nicht nur an Kitsch, sondern nutzen wahrhaft schamlos jedes Register vokaler Opulenz. Solche Schmachtfetzen stilvoll singen, atemtechnisch makel- und mühelos, ohne Schluchzer und Geknödel, das kann momentan vermutlich niemand besser als Villazón. Selbst wenn sein kunstvoll-belcantistisches Verschleifen der Intervalle auf die Dauer ein wenig übertrieben wirken mag: Die präzise Intonation, vor allem aber der psychologisch überzeugende leidenschaftliche Einsatz machen das Hören zu einem Genuss.

Wenn der Vollblutsänger nun auch noch bei den anstehenden Live-Auftritten die gewohnt gute Figur macht (im Juni wird er als Verdis "Don Carlos" in Londons Covent Garden Opera erwartet), dann darf er sich endgültig zu den wenigen echten Weltstars rechnen, kann weniger hektisch seine Programme wählen – und braucht nicht mehr jedes Jahr eine neu Image-Kampagne zu absolvieren.


CD Rolando Villazón: "Cielo e Mar" (Deutsche Grammophon)



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