Neue Eisler-Biografie Der Kampf gehört zur Kunst

Die DDR-Nationalhymne machte ihn berühmt, er wollte Musik für die Massen schreiben, den Soundtrack zur Revolution. Doch Hanns Eisler konnte viel mehr als nur Märsche. Voller Lust ergründet eine neue Biografie das Leben des sozialistischen Tonsetzers.

DPA

Ironie der Historie: Ausgerechnet Hanns Eislers (1898-1962) berühmtester Komposition haftet der Ruch des Plagiats an. Seine Nationalhymne für die ehemalige DDR, "Auferstanden aus Ruinen" erinnert fatal an Peter Kreuders Song "Goodbye Johnny", den wiederum Hans Albers unsterblich machte. Egal. Die in der BRD als "Spalterhymne" geschmähte Melodie steht ohnehin nicht repräsentativ für Eislers Werk.

Eisler war Schönberg-Schüler und überzeugter Sozialist. Was er sonst erdachte, oszilliert zwischen stampfenden Marschrhythmen für den Arbeiterkampf und fein ziselierten Kompositionen für kleinste bis größte Besetzungen. Feine Klavierwerke, filigrane Lieder und eine "Deutsche Sinfonie" mit 400-köpfigem Chor: Eislers Musik umfasste alles. Eine Musik, die perfekt die Persönlichkeit und das Leben des Komponisten widerspiegelt. Wie eng Musik und Person zusammengehören, zeigt Friederike Wißmann in ihrer soeben erschienenen Biografie "Hanns Eisler - Komponist, Weltbürger, Revolutionär".

Hanns Eislers Lebensgeschichte führte ihn von den rauschenden zwanziger Jahren in Deutschland und Europa in die Jazz- und Konzertszene der USA, um später in die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte zwischen DDR, Sowjetunion und BRD zu münden. Der Wille Eislers, sich stets mit den politischen und kulturellen Umwälzungen auseinanderzusetzen, räumte ihm einen Sonderplatz unter den Tonsetzern des 20. Jahrhunderts ein. Er wollte sein Künstlertum in den Dienst der für ihn gerechten kommunistischen oder sozialistischen Sache stellen und dennoch kein Parteisoldat zu werden.

Sein berühmter Satz "Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts" könnte wie eine Leuchtschrift über seinem Leben stehen - denn seine Musik, so vielschichtig und innovativ sie war, verlor nie den Bezug zu Leben, Politik und Gesellschaft.

Heroischer Anlauf, weiter Sprung

Friederike Wißmanns Buch erzählt sprachlich solide dieses bewegte Leben nach, stellt spannend Eislers Auseinandersetzungen mit wechselnden Regierungen dar, berichtet von Anfeindungen und Enttäuschungen. Doch das ist nicht alles. Als promovierter Musikwissenschaftlerin, die heute an der Goethe-Universität in Frankfurt lehrt, geht es ihr primär um die Musik. Sie beschreibt Eislers Kompositionen so genau es geht.

Sie umkreist die Musik, und die deskriptive Vorgehensweise berührt die Grenzen dessen, wie man Laien komplexe strukturelle Kennzeichen einer Komposition verbal nahebringen kann. Ihr Anlauf ist heroisch, die Autorin springt keineswegs zu kurz. Es macht Spaß, den Ausführungen zu folgen, zumal sie stets einer Lebenssituation Eislers und einer Werdegangsphase beigeordnet sind.

Allein die Erläuterungen von Eislers Musik zu dem Film "Regen" seines Freunde Joris Ivens (bei Eisler "Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben") sind ein Meisterstück, wie auch die zahlreichen Darstellungen von Eislers künstlerischer Kooperation mit Bertolt Brecht. Eislers Musik zu Brechts umstrittenem Lehrstück "Die Maßnahme" und seine Kompositionen zu "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe" beschreibt Friederike Wißmann mit spürbarer Lust am Sujet, die sie bei erheblich griffigeren Werken wie dem berühmten Lied von der "Solidarität" und anderen Straßen- und Agitationsliedern ein wenig zügelt. Die Geschichte berühmter Werke - wie der Musik zu Gorkis "Mutter" und dem historischen Film "Kuhle Wampe" - kommt auch nicht zu kurz.

Wißmanns Biografie ist unterhaltsamer Lesestoff - und dankenswert sachlich und unaufgeregt. Manchmal ist der universitäre Background sehr klar erkennbar, was aber der Komplexität von Eislers Werk gerecht wird. Und schließlich erscheint ja auch nicht jedes Jahr ein solches Standardwerk. Fast überflüssig zu erwähnen, dass im Anhang des Buches umfangreiche bibliografische Angaben, eine Zeittafel und Gedichttexte das Werk fachlich abrunden.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Xircusmaximus 24.03.2012
1. Es braucht mehr als Phantasie
Zitat von sysopDPADie DDR-Nationalhymne machte ihn berühmt, er wollte Musik für die Massen schreiben, den Soundtrack zur Revolution. Doch Hanns Eisler konnte viel mehr als nur Märsche. Voller Lust ergründet eine neue Biografie das Leben des sozialistischen Tonsetzers. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,823184,00.html
. um in der DDR Nationalhymne, ein Plagiat von Goodby Johnny zu entdecken. Aber an diesem Mehr hat ja noch nie gefehlt, in dem was man die freie Presse nennt.
stolperjunge 24.03.2012
2. Das Land der Dichter und Denker?
Zitat von sysopDPADie DDR-Nationalhymne machte ihn berühmt, er wollte Musik für die Massen schreiben, den Soundtrack zur Revolution. Doch Hanns Eisler konnte viel mehr als nur Märsche. Voller Lust ergründet eine neue Biografie das Leben des sozialistischen Tonsetzers. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,823184,00.html
Nationalhymne der DDR Text – Johannes R. Becher – Oktober 1949 Musik – Hanns Eisler – Oktober/November 1949 1. Strophe Auferstanden aus Ruinen Und der Zukunft zugewandt, Laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland. Alte Not gilt es zu zwingen, Und wir zwingen sie vereint, Denn es muß uns doch gelingen, Daß die Sonne schön wie nie |:Über Deutschland scheint.:| 2. Strophe Glück und Frieden sei beschieden Deutschland, unserm Vaterland. Alle Welt sehnt sich nach Frieden, Reicht den Völkern eure Hand. Wenn wir brüderlich uns einen, Schlagen wir des Volkes Feind! Laßt das Licht des Friedens scheinen, Daß nie eine Mutter mehr |:Ihren Sohn beweint.:| 3. Strophe Laßt uns pflügen, laßt uns bauen, Lernt und schafft wie nie zuvor, Und der eignen Kraft vertrauend, Steigt ein frei Geschlecht empor. Deutsche Jugend, bestes Streben Unsres Volks in dir vereint, Wirst du Deutschlands neues Leben, Und die Sonne schön wie nie |:Über Deutschland scheint.:| Das Lied der Deutschen (Deutschlandlied) August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ( 26. 08.1841 Helgoland Musik – Joseph Haydn 1796/1797 komponiert in Wien Deutschland, Deutschland über alles, Über alles in der Welt, Wenn es stets zu Schutz und Trutze Brüderlich zusammenhält, Von der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt – Deutschland, Deutschland über alles, Über alles in der Welt! Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang Sollen in der Welt behalten Ihren alten schönen Klang, Uns zu edler Tat begeistern Unser ganzes Leben lang – Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang! Einigkeit und Recht und Freiheit Für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben Brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit Sind des Glückes Unterpfand – Blüh im Glanze dieses Glückes, Blühe, deutsches Vaterland! Nationalhymne der BRD Der Text der Hymne ist die dritte Strophe des Gedichts "Das Lied der Deutschen". Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand: |: Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland! :| Ich denke es ist angebracht den Lesern von SPON die Texte des Deutschlandliedes, der Nationalhymne der DDR und der Nationalhymne der BRD zum Vergleich und in Bezug auf ihre Entstehungszeit vor Augen zu führen. Das "Land der Dichter und Denker" hat noch nicht einmal ein deutsches Geburtstagslied hervorgebracht und singt "happy birthday…" einfach erbärmlich, wenn man sich mit Goethe, Schiller, Kant und Hegel u.a. schmückt.
rohanseat 24.03.2012
3. Da stimmt was nicht
Zitat von stolperjungeNationalhymne der DDR Text – Johannes R. Becher – Oktober 1949 Musik – Hanns Eisler – Oktober/November 1949 1. Strophe Auferstanden aus Ruinen Und der Zukunft zugewandt, Laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland. Alte Not gilt es zu zwingen, Und wir zwingen sie vereint, Denn es muß uns doch gelingen, Daß die Sonne schön wie nie |:Über Deutschland scheint.:| 2. Strophe Glück und Frieden sei beschieden Deutschland, unserm Vaterland. Alle Welt sehnt sich nach Frieden, Reicht den Völkern eure Hand. Wenn wir brüderlich uns einen, Schlagen wir des Volkes Feind! Laßt das Licht des Friedens scheinen, Daß nie eine Mutter mehr |:Ihren Sohn beweint.:| 3. Strophe Laßt uns pflügen, laßt uns bauen, Lernt und schafft wie nie zuvor, Und der eignen Kraft vertrauend, Steigt ein frei Geschlecht empor. Deutsche Jugend, bestes Streben Unsres Volks in dir vereint, Wirst du Deutschlands neues Leben, Und die Sonne schön wie nie |:Über Deutschland scheint.:| Das Lied der Deutschen (Deutschlandlied) August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ( 26. 08.1841 Helgoland Musik – Joseph Haydn 1796/1797 komponiert in Wien Deutschland, Deutschland über alles, Über alles in der Welt, Wenn es stets zu Schutz und Trutze Brüderlich zusammenhält, Von der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt – Deutschland, Deutschland über alles, Über alles in der Welt! Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang Sollen in der Welt behalten Ihren alten schönen Klang, Uns zu edler Tat begeistern Unser ganzes Leben lang – Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang! Einigkeit und Recht und Freiheit Für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben Brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit Sind des Glückes Unterpfand – Blüh im Glanze dieses Glückes, Blühe, deutsches Vaterland! Nationalhymne der BRD Der Text der Hymne ist die dritte Strophe des Gedichts "Das Lied der Deutschen". Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand: |: Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland! :| Ich denke es ist angebracht den Lesern von SPON die Texte des Deutschlandliedes, der Nationalhymne der DDR und der Nationalhymne der BRD zum Vergleich und in Bezug auf ihre Entstehungszeit vor Augen zu führen. Das "Land der Dichter und Denker" hat noch nicht einmal ein deutsches Geburtstagslied hervorgebracht und singt "happy birthday…" einfach erbärmlich, wenn man sich mit Goethe, Schiller, Kant und Hegel u.a. schmückt.
wir deutschen haben wohl ein geburtstagslied: Wir kommen all und gratulieren zum geburtstag unserem / unserer lieben ....name... danach dann hoch soll er / sie leben.-- Nur durch den ganzen america rummel und alles denglish ist das wohl in vergessenheit geraten.--Deutschland und die deutschen vergessen ihre kultur. Das ganze findet sich dann auch in anderen sprachen wieder die noch nicht anglifiziert sind.
pescador 24.03.2012
4.
Zitat von Xircusmaximus. um in der DDR Nationalhymne, ein Plagiat von Goodby Johnny zu entdecken. Aber an diesem Mehr hat ja noch nie gefehlt, in dem was man die freie Presse nennt.
Dazu brauchts keine Phantasie. Die ersten neun Töne sind bis auf kleine rhythmische Variationen identisch.
Brand-Redner 25.03.2012
5. Geheimnisse eines Liedes
Zitat von pescadorDazu brauchts keine Phantasie. Die ersten neun Töne sind bis auf kleine rhythmische Variationen identisch.
Na ja, plagiiert haben andere Tonkünstler vor ihm auch - selbst dem ungleich verehrteren Wagner wird so was nachgesagt. Viel interessanter ist, dass Eisler und Becher ein Lied geschaffen haben, bei dem Melodie und Text sich jeweils passgerecht dem Text / der Melodie des Deutschlandliedes zuordnen lassen! Es wird kolportiert, dass für den Fall einer absehbaren Wiederverinigung (die damals auch in Ostberlin noch nicht abgeschrieben war) der eine Text mit der anderen Melodie zur neuen, gesamtdeutschen Hymne gefügt werden sollte.
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