Tageskarte Pop Koks, Sex, Geld, noch mehr Koks

Abgewrackte Figuren, schmutzige Jobs und viel Zynismus: Der ehemalige Talentjäger John Niven hat einen bitterbösen und rasend komischen Roman über die letzten goldenen Jahre der Musikindustrie geschrieben.


Der bemitleidenswerte Plattenfirmen-Angestellte, der einst den Beatles einen Vertrag verweigerte und ihnen nahelegte, noch mal üben zu gehen, gilt längst als besonders tragische Figur der Popgeschichte. John Niven, der ehemalige Talentjäger, genauer gesagt A&R-Manager, der vor nicht ganz so vielen Jahren Coldplay als "Radiohead für Arme" ablehnte, grämt sich darüber keineswegs: "Wer konnte schon ahnen, dass Chris Martin, dieser verhuschte Politikstudent, mal Millionen Platten verkaufen und eine Hollywood-Schönheit heiraten würde? Aus seinen Demo-Aufnahmen konnte ich das jedenfalls nicht heraushören", sagt John Niven.

Buch "Kill your Friends": "Ich habe überhaupt keinen Schimmer von Musik"

Buch "Kill your Friends": "Ich habe überhaupt keinen Schimmer von Musik"

Damals, in den Neunzigern, als Coldplay noch vor ein paar versprengten Mitstudenten an der Uni rumrockten, war Niven, Jahrgang 1965, A&R-Manager bei einer großen britischen Plattenfirma. Über die irrwitzigen Abenteuer, die er da erlebte, hat er nun den enorm vergnüglichen Roman "Kill Your Friends" verfasst. Eine rasante und rabenschwarze Satire auf die letzten goldenen Jahre der Musikindustrie, die gute alte Zeit, als man mit Brit-Pop und TripHop, mit Oasis, den Spice Girls und Jamiroquai noch erschütternd viel Geld machen konnte. Die Ära, als Journalisten noch um die Welt geflogen wurden, um irgendwelchen Halbtalenten in Jamaika oder so im Aufnahmestudio mal über die Schultern zu blicken, als Goldene Schallplatten noch lastwagenweise verteilt wurden und in großen Plattenläden noch viele Menschen viel Geld in Tonträger investierten.

Der Held, wenn man so will, in Nivens Geschichte ist Steven Stelfox, A&R-Manager bei einer großen, in London ansässigen Plattenfirma, immer auf der atemlosen Jagd nach dem nächsten Hit, angefeuert von Koks, Sex, Geld und noch mehr Koks. Ein zynischer Menschen- und insbesondere Musiker-Hasser, dessen Leben zunehmend aus den Fugen gerät, und der sich zu immer drastischeren Ausschreitungen genötigt sieht. Das ist vor allem amüsant zu lesen, weil der Autor, der mal in der B-Brit-Pop Band The Wishing Stones Gitarre spielte, herrlich detailliert und mit großer Insider-Kenntnis die finstersten Ecken der Musikindustrie ausleuchtet. Also die Bereiche, über die alle Beteiligten meist peinlich berührt schweigen und die sonst nur in sogenannten "unautorisierten" Musikerbiografien Platz finden.

Überhaupt werde in der Musikindustrie die Ahnungslosigkeit nur von einem weit verbreiteten Zynismus übertroffen, meint Niven. Es sei auf Konferenzen, auch Meetings genannt, an der Tagesordnung gewesen, von Künstlern als "Fucking Spastics" zu sprechen und von ihren Platten als "Miserable Pieces of Shit", gab Niven zu Protokoll. Des Autors Kunststück besteht darin, all diese abgewrackten Figuren und ihr schmutziges Betätigungsfeld in einer amüsanten Geschichte zu verewigen, die durchaus an die besseren Tage von Bret Easton Ellis erinnert. Besonderen Spaß sollten alle haben, die sich so weit mit Popmusik auskennen, dass sie die nur notdürftig kaschierten Musiker, die hier auch vorgeführt werden, enttarnen können. Aber letztendlich gilt das feine Elvis-Zitat, das Niven hier einem Kapitel voranstellt: "Ich habe überhaupt keinen Schimmer von Musik. In meiner Branche ist das nicht nötig."


Buch John Niven: "Kill Your Friends". Aus dem Englischen von Stephan Glietsch. Heyne Verlag, München; 380 Seiten; 12 Euro. John Niven ist am 6.5 in Berlin, am 7.5 in München und am 8.5 in Köln auf Lesereise. Die deutschen Passagen liest Bernd Begemann.



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