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Die Karriere von Take That: Back for good

Foto: Dave Hogan/ Hulton Archive/ Getty Images

Anja Rützels Liebe zu Take That  Magic, möglicherweise

Mit Mitte vierzig noch ironiefrei eine Boyband lieben? Unsere Autorin Anja Rützel hat über ihre unerschütterliche Liebe zu Take That ein Buch geschrieben - hier erklärt sie, warum ihr die ungehemmte Weltverkitschung guttut.
Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.

Meine Liebe zu Take That ist wie ein neuseeländischer Langflossenaal. Diese olmigen Tiere lassen sich Zeit beim Wachsen, ganz langsam erreichen sie ihre volle Aalpracht - und leben durch diesen organismusschonenden Lifestyle dann viel länger als ihre hektischen Aalgenossen, bis zu hundert Jahre alt können sie werden.

Take That und ich, auch das brauchte Zeit: Als sie in ihren goldenen Jahren Anfang der Neunziger sieben Nummer-eins-Hits in Folge ablieferten, mochte ich sie gern, war aber leider schon zu alt für haltlose Fan-Hysterie. Als sie sich 1996 auflösten, fand ich das sehr schade, aber überstehbar. Ihre Lieder hörte ich trotzdem oft, immer öfter, und dann merkte ich mit Mitte zwanzig - also, gemessen am eigentlich vorgesehenen Zielgruppenalter, quasi als Greisin - dass ich mich in eine Boyband verknallt hatte, die gar nicht mehr existierte.

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Die Karriere von Take That: Back for good

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Ich liebe Take That. Nicht als Pose, nicht mit ironischem Schutzschürzchen, das muss man ja immer gleich dazusagen. Aber hier gibt es keinen doppelten Distinktionsboden. Ich liebe diese Band für ihre schönen, würdevollen Lieder und für ihre albernen. Für das Leporello an Männlichkeitsideen, das sie vor mir auffalten, und natürlich für ihre Choreografien. Dafür, dass man sich zwar immer etwas Cooles zusammenlügt, wenn jemand beim überambitionierten Smalltalk fragt, welcher Song einen verlässlich zum Tanzen bringt - aber in Wahrheit ist es eben doch für immer und ewig "Relight my fire". Take That sind meine liebsten Fluchthelfer aus dem schrundigen Alltag, und an manchen, seltenen Tagen glaube ich wirklich daran, dass das Leben so dramatisch und toll sein kann, wie ihre Musik behauptet. Magic, möglicherweise.

Mark Owen - Vertreter einer handzahmen, ungefährlichen Männlichkeit

Jedes der ehemals fünf Mitglieder hat dabei einen ganz individuellen Platz in meinem Herzen. Ich liebe Gary Barlow, weil er heute zwar superfit und supergesund aussieht und das offizielle Lied zum Thronjubiläum der Queen komponieren durfte - aber früher, in den Anfangstagen, eben der leicht angemopste, fatal blondierte Tapsetänzer war, der nur deshalb in der Band sein durfte, weil er am besten sang - und der einzige war, der tatsächlich selbst Hits schreiben konnte, ein echtes Alleinstellungsmerkmal für ein Boybandmitglied.

Nach der Trennung der Band kam er unerwartet ins Straucheln, solo lief es nicht so gut. Von ihm habe ich gelernt, dass es in unangenehmen Lebensphasen zumindest ein bisschen helfen kann, sich das Leben als Powerballade vorzustellen. Und daran zu glauben, dass man gerade einfach nur in einer doofen, aber dramaturgisch notwendigen Strophe feststeckt. Dass aber gleich der brausende Refrain käme, in dem sich alles Leid in Wohlgefallen auflösen würde oder man doch mindestens neue Kraft und Zuversicht aus dem ganzen Schlamassel destillieren könnte.

Natürlich liebe ich auch Mark Owen, weil ich ja auch Eichhörnchen und Cockerspanielwelpen liebe. Ich bin auch nur ein Mensch und nicht immun gegen Niedlichkeitsattacken. In der Diversifizierungsstrategie der Band übernahm Mark die Rolle des putzigen kleinen Tierchens, er war die Spitzmaus, das Zuckerpüppchen, das Babe-Babe, der schmale, kleine, ewige boy. Ein harmlos-hübsches Flauscherotikangebot, Vertreter einer nagermäßig-handzahmen, ungefährlichen Männlichkeit.

An Robbie Williams mag ich, dass er zwei Dinge vortrefflich kann: Dinge zerscheppern - und sie anschließend wieder zusammensetzen. Seine Geschichte ist die Rückkehr des verlotterten Sohns: Mit seinem suffseligen Abgang läutete er 1995 das sich langsam anschleichende Ende von Take That ein, er spielte formvollendet den Bad Boy und zettelte eine unüberwindbar geglaubte Erzfeindschaft mit Gary an - um kaum fünfzehn Jahre später mit ihm zusammen die gleichermaßen rührende wie clevere Versöhnungshymne Shame zu schreiben.

Gesäßlose Hosen mit der Umkehrung stereotyper Geschlechterrollen

Howard Donald muss man für seinen Arsch-Aktivismus bewundern. Das Erste, was mir zu ihm einfällt, ist tatsächlich sein Hintern, und danach kommt dann zugegebenermaßen nicht mehr viel anderes, aber daran ist er durch seine notorische Hinternfreilegerei im Laufe der Jahre ein bisschen selbst schuld. Mit seinen gesäßlosen Hosen und der Umkehrung stereotyper Geschlechterrollen zimmerte er in den Neunzigern zumindest einen kleinen Knacks in die patriarchale Geschlechterökonomie. Inzwischen kann er auch wirklich sehr gut singen.

Take That 1991 beim Dreh zu ihrem ersten Musikvideo: Pop ist ein kapriziöser Pfau

Take That 1991 beim Dreh zu ihrem ersten Musikvideo: Pop ist ein kapriziöser Pfau

Foto: Dave Hogan/ Hulton Archive/ Getty Images

Und schließlich liebe ich Jason, ihn am meisten von allen. Weil er ein Mysterium ist, man weiß nicht viel über ihn, schon sein Name klingt ausgedacht: Jason Orange, heißt jemand wirklich so? Nachnamen, die auch eine Farbe oder eine Frucht sind, sind immer verdächtig, bei ihm trifft ja beides zu, er hat den Verwirreffekt potenziert. Als er die Band 2014 verließ, tat mir das mehr weh als Robbies Abschied und die anschließende Trennung zusammen. Jason war Raum für Notizen, die perfekte leere Leinwand, ohne die im Pop nichts geht, denn genauso wichtig wie das, was die Menschen auf der Bühne machen, sind ja zugleich die Gefühle und Träume, die die Menschen vor der Bühne entwickeln, indem sie sich und ihr Leben in den Glanzgestalten da oben spiegeln.

30 Jahre gibt es Take That nun schon, sie sind die erste und einzige Boyband, die tatsächlich ihr eigenes Verfallsdatum überlebte. Pop ist kein nachhaltiges Business, sondern ein kapriziöser Pfau, leicht scheuchbar, und dass ausgerechnet eine Band dieses als maximal kommerziell zusammengeschraubt geltenden, retortigen Genres mit den Jahren tatsächlich in einen anderen Zustand reifen könnte, war bis dahin nicht vorgesehen. Sowas gibt natürlich auch immer Hoffnung und Trost für den eigenen Alterungsprozess.

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Rützel, Anja

Anja Rützel über Take That (KiWi Musikbibliothek, Band 2)

Verlag: KiWi-Taschenbuch
Seitenzahl: 160
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30.01.2023 20.54 Uhr

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Als ich im Juni endlich wieder einmal ein Konzert von ihnen besuchte, weinte ich echte, ehrliche Glückstränen, als sie zu "Pray" tatsächlich wieder die Originalchoreo von 1993 tanzten, mit all ihren ulkigen Moves: Da war der Weihwasser verspritzende Priester! Die Luftsäge! Der Yoga-Jesus, die Noch-fünf-Bier-bitte-Bestellung, die Taumelmumie, der Meer teilende Moses, der brennende Bettvorleger, die Migräneattacke, der eingerostete Kranich! Und überraschenderweise wirkte all das auch den drei bis heute übriggebliebenen Gary, Mark und Howard, an erwachsenen Männern also, komplett unpeinlich und cringefrei, wirklich wahr.

Meine Liebe zu Take That ist eine Teenieliebe - hysterisch irrational

Ich liebe Take That für ihre großen Pop-Hymnen, aber auch für viele kleine Klitzigkeiten. Für die Art, wie Gary in "Back for Good" die Stelle mit dem "coffee cup" wie "coffee cooop" ausspricht und sich dann bei der "fist of pure emotion" in kieksige Höhen schraubt. Für die cheesy Telefontastenwahltöne am Anfang von "Babe". Für Robbies immer leicht schimpansiges Grinsen, das er bei Liveauftritten an den unpassendsten, weil gefühligsten Stellen zeigte und damit immer wieder eine hauchdünne Perforationsnaht in die glatte Boygrouptraumwelt stanzte: War das alles vielleicht doch gar nicht ernst gemeint, all das Sehnen nach Liebe, das Warten auf die Eine, sondern nur ein großer Ulk?

Andere Bands liebe ich wegen ihrer smarten Texte, ihres weltzerschmetternden Radaus, ihrer grabesschweren Harmonien oder aus anderen nachvollziehbaren, mit Erwachsenenargumenten erklärlichen Gründen, die ich jederzeit zu einem feuilletonistisch gedachten Textchen zusammenschreiben könnte, ohne mich komplett lächerlich zu machen.

Meine Liebe zu Take That aber ist eine Teenieliebe, hysterisch irrational, die sich an Quatschdetails aufhängt, kritikrelevante Vergleichssysteme ausknipst und sich einfach mal glühwangig gehen lässt. Neben meiner großen Liebe zu den Tieren ist meine Zuneigung zu dieser Band womöglich das letzte Restchen nichtlaminierte Naivität, die in meinem verklärungsarmen, allzeit spöttelbereiten Leben noch Platz hat, das Fitzelchen ungehemmte Weltverkitschung, das mir im Erwachsenenleben nicht abhandengekommen ist. "Nichts ist so scheußlich wie das Gefühl als Argument", stand mal in der Spex, aber es funktioniert manchmal eben trotzdem.

Siebzehn Jahre brauchte es, bis Jason, der beste Tänzer der Band, im Jahr 2006 bei Take That dann sein erstes Sololied singen durfte: "Wooden Boat", eine kleine Gitarrenklimperei über ein Ruderboot, das Leben und das Sterben. Es wäre ein echter Downer, wäre in ihm nicht auch eine Botschaft versteckt, ein paar einfache Zeilen, die erklären, worum es bei Take That und überhaupt bei glittriger, großartig-quatschiger Popmusik - und vielleicht sogar im Leben - wirklich geht: "Sometimes we dont know what were waiting for / and thats the time to be the first one on the dancefloor."

Wenn man wieder einmal nicht so recht weiß, was das alles soll, wenn alles kaum zu begreifen und auszuhalten ist: warum nicht einfach anfangen zu tanzen.

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