Zum Tod von Talk-Talk-Sänger Mark Hollis Such A Shame

Mark Hollis ist mit 64 Jahren gestorben. Das bestätigte sein ehemaliger Manager. Er schrieb als Mastermind von Talk Talk zunächst Radiohits - und dann einen Quantensprung für die Popmusik.

Mark Hollis ist nicht mehr da.

Das ist er schon lange nicht mehr. Seit 2001 hat er auf keinem Album mehr mitgespielt. Seit 1998 hat er kein Album mehr veröffentlicht und seitdem auch kein Interview mehr gegeben. Ein letztes Lebenszeichen tauchte 2012 auf dem Soundtrack einer obskuren Krimiserie eines US-Kabelsenders auf. 99 Sekunden nur. Holzbläser wie von Sergei Prokofjew. Frauenstimmen wie von Karlheinz Stockhausen. Triangel, Vogelzwitschern, eine Ahnung von Rhythmus. Und Stille.

Ein echter Hollis.

Jetzt ist er nach einer kurzen, schweren Krankheit gestorben. Mark Hollis war so etwas wie die Greta Garbo des Pop. Sollte jemals seine Biografie verfilmt werden, was nie geschehen wird, dürften Radiohead - eine von vielen Gruppen, die es ohne Hollis' Wirken nicht gäbe - den idealen Titel geliefert haben: "How To Disappear Completely".

Der Satz gilt für sein Leben, und gewissermaßen auch für seine Kunst.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Mark Hollis, geboren 1955 in Tottenham, war eigentlich Kinderpsychologe und musikalisch ein Dilettant. Talk Talk war seine zweite Band, nach Anfängen im Punk gegründet mit dem Bassisten Paul Webb, dem Schlagzeuger Lee Harris und dem Keyboarder Simon Brenner, bald ersetzt durch Tim Friese-Green.

1981 unterschreiben die Debütanten einen Vertrag mit der Plattenfirma EMI, die Talk Talk als überzuckerten Synthiepop und die Musiker als verhuschte kleine Brüder von Duran Duran verkaufen. "It's My Life" von 1984 überrascht mit ersten Ausfallschritten in Richtung World Music und Field Recordings; die Single "Such A Shame" beginnt mit einem Loop trompetender Elefanten.

In allen wichtigen Märkten - bis auf das Vereinigte Königreich - schaffen es Talk Talk mit Songs wie "Dum Dum Girl" oder dem Titelstück in die Charts. Kritiker höhnen, Hollis sänge wie ein Mann, der "mit dem Mund voller Klebstoff gähnt".

Keine Lust auf überzuckertes Posertum

Er selbst verweist auf Van Morrison und Otis Redding: "Damit Musik gut ist, braucht sie Kraft, Gefühl. In der Minute, in der das Gefühl verschwindet, wird es Kabarett". Im Video zu "Such A Shame" schneidet Hollis manische Grimassen, die das überzuckerte Posertum der Zeit subversiv unterlaufen.

Der Plattenfirma hätte das eine Warnung sein können. Ebenso wie manche Sätze, die Hollis Reportern diktiert. Bei "Tomorrow Started" erinnere "das Intro an Eric Satie, die Strophen eher an Pharoah Sanders, und dann kommt da so ein Marvin-Gaye-Rhythmus rein. Das ist das Ergebnis dessen, was ich gerne höre. Pink Floyd. King Crimson, John Lee Hooker, The Standells. Und natürlich alles von Schostakowitsch und Prokofjew". Natürlich.

Andere Gruppen beginnen stark und verbringen den Rest ihrer Karriere im Abklingbecken der eigenen Prominenz. Talk Talk beginnen schwach und werden immer besser. Und besser. Und besser. Und leiser, womit sie sich unmerklich immer weiter von jeder Form von Zeitgenossenschaft entfernen - und von der Welt.

Das Album "The Color Of Spring" (1986) mit dem Hit "Life's What You Make It" war so erfolgreich, dass die EMI ihren Schützlingen einen Freibrief ausstellt. Ein unbegrenztes Budget. So viel Zeit wie nötig. Der Schlüssel zum Königreich. Hollis verwehrt den Managern über 14 Monate den Zugang zum Studio, einer Kirche in Suffolk.

Das Ergebnis ist - und hier hinkt der physikalische Vergleich mal nicht - ein Quantensprung für die Gruppe und die Popmusik überhaupt. Es ist die Erfindung des Postrock, macht solche Kategorien aber bedeutungslos: "Spirit Of Eden", 1988, lässt sich mit kaum etwas vergleichen, was es vorher oder nachher gegeben hat.

"Das Größte", sagte Hollis damals, "was Musik erreichen kann, ist eine Existenz außerhalb der Zeit, in der sie geschrieben wurde."

Schwerelose Klangwirbel und Engelschöre

Tatsächlich hätten die weiten Räume, die vorbeisegelnden Melodien, die weitmaschigen Akkordnetze, die überraschenden Springfluten von "Spirit Of Eden" 1965 aufgenommen worden sein können, 1979, 2019 oder auch 2033. Diese Platte ist ein Wunder. Eine Epiphanie, wie sie nur alle Jubeljahre glückt, vergleichbar mit "In A Silent Way" von Miles Davis oder "Astral Weeks" von Van Morrison.

Hollis selbst sagte: "Das ist es. Das ist es, was ich erreichen wollte".

Magnetismus und Wärme dieser Musik verblüffen bis auf den heutigen Tag. Die schwerelosen Klangwirbel und Engelschöre strahlen eine Menschlichkeit und Würde aus, wie es sie in der Unterhaltungsmusik eigentlich nicht geben dürfte. Wer's nicht glaubt, höre nur "I Believe In You" und lasse sich bekehren.

Hollis erklärte unumwunden, wie es seine Art war: "Es ist eine Reaktion auf die Musik, die uns im Moment umgibt. Denn diese Musik ist zum größten Teil eine große Scheiße - radikal höchstens in einem modernen Kontext. Aber nicht radikal im Vergleich damit, was noch vor 20 Jahren möglich war."

"Nicht kommerziell befriedigend"

Die Plattenfirma freilich fällt aus allen Wolken und verklagt Talk Talk, weil "das Produkt" nicht "kommerziell befriedigend" ausgefallen ist. Die Gruppe klagt sich frei und unterschreibt bei der Konkurrenz, die - eigens für die nächste Platte - sogar das legendäre Jazz-Label Verve reanimiert. "Laughing Stock" (1991) ist noch weiter in delikate Abstraktionen entrückt, ein "Spirit Of Eden Part II".

Ursprünglich ist sogar noch weiteres Album geplant (Arbeitstitel: "The Mountains Of The Moon"), wird aber nie erscheinen. Eine offizielle Trennung gibt es nicht. Die Gruppe löst sich in aller Freundschaft und Stille auf - in genau die Stille, die zuvor schon in ihrer Musik um sich gegriffen hat.

Auf seinem letzten und einzigen Soloalbum, "Mark Hollis", treibt er 1998 seine Erkundungen der Ruhe sogar noch einen Schritt weiter. Leere, durch die unbemerkt ein ganzes Sinfonieorchester schwingen könnte. Aus der Nachbarwelt der Geräusche ein knarzender Studiostuhl, kurzerhand eingeladen an die Tafel echter Instrumente. Hier gibt es keine Lieder mehr. Nur noch Zurückhaltung und Zärtlichkeit, hingetupft an den Rand des Nichts.

Rückzug aus der Öffentlichkeit

So wollte es Hollis: "Bevor du zwei Noten spielst, lerne erstmal, eine Note zu spielen - und spiele keine Note, bevor du nicht einen guten Grund dafür hast".

Einen guten Grund konnte Mark Hollis in den zwanzig Jahren danach nicht mehr finden. Zu kostbar war ihm die Stille. Sein Rückzug aus der Öffentlichkeit ins Private war absolut, sein konsequentes Schweigen vielleicht der Höhepunkt seiner künstlerischen Integrität.

Als geisterhafter Gast trat er mal hier, mal dort in flüchtige Erscheinung. Nie wieder aber kohärent, nie mit einem weiteren Album. Ein moderner Sibelius, der alle Angebote ablehnte in einer Zeit, da er sich jeden noch so kurzen Auftritt hätte vergolden lassen können.

Am Montag ist Mark Hollis im Alter von nur 64 Jahren der Welt wieder einmal abhanden gekommen. So sehr, dass seinen Tod zuerst ein verschwägerter Cousin meldete und es danach lange keine offizielle Nachricht gab - bis es sein langjähriger Manager Keith Aspden auf SPIEGEL-Nachfrage bestätigte.

Nun ruht er, wie es im Kunstlied von Gustav Mahler heißt, in einem stillen Gebiet, allein in seinem Himmel. Allein in seinem Lied.