"Tannhäuser" bei den Wagner-Festspielen Eine kalkulierte Zumutung

Bayreuth-Debütant Tobias Kratzer inszeniert den "Tannhäuser" als bunten Reigen mit Witz und doppelten Bildebenen. Mit den großen Emotionen in Wagners romantischer Oper tut er sich aber schwer.

Enrico Nawrath/ Festspiele Bayreuth/ DPA

Aus Bayreuth berichtet


Der Wagner-Freund ist Kummer gewöhnt, auch in Bayreuth, seiner liebsten Pilgerstätte. Junge, wilde Regisseure verheben sich in schöner Regelmäßigkeit an den leicht verstaubten Brocken aus dem 19. Jahrhundert. Dafür kann man sich in Gegenwart der Bundeskanzlerin und anderer bedeutender Zeitgenossen an den Künsten großartiger Solisten erfreuen, notfalls mit geschlossenen Augen.

Genauso war es auch dieses Mal, beim "Tannhäuser", bei der Premiere der Festspiele. Intendantin Katharina Wagner, Richards Urenkelin, hatte Tobias Kratzer, 39, engagiert, einen Profi, der noch keine Chance zum Spektakel ausgelassen hat. Sei es, weil Kratzer es nun hier, im Zentrum des weltweiten Wagner-Kultes, besonders originell machen wollte, sei es, weil ihm dafür die wirklich zündende Idee fehlte: Ein richtiger Knaller ist dieser "Tannhäuser" nicht. Lauter Beifall und noch lautere Buhs waren am Ende zu hören. Auch Stardirigent Walerij Gergijew hatte nicht seinen besten Tag.

Wagners romantische Oper "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg" erzählt eigentlich die Geschichte eines ehrbaren Ritters, der auf den hochamourösen Venusberg geflüchtet ist. Irgendwann wird ihm das Lotterleben dort langweilig, er verlässt die Liebesgöttin Venus und beteiligt sich an einem Sängerwettstreit auf der Wartburg, um die Liebe der frommen Elisabeth zu gewinnen.

Doch der Schwiegervater in spe und die singende Konkurrenz verübeln ihm seine Liaison mit Venus, Tannhäuser soll erst Buße tun, aber der Papst nimmt sie ihm nicht ab. Schließlich sind alle tot, Elisabeth und Tannhäuser, denn ein Happy End kann es nicht geben.

Mord statt sexueller Überdruss

So weit das Original. Doch Kratzer interessiert sich nicht für den moralischen Konflikt zwischen bloßem Sex und wahrer Liebe. Und er tut gut daran, denn in Wahrheit dürfte sich auch niemand im Publikum dafür interessieren, der Stoff ist halt doch ein bisschen von gestern. Stattdessen sieht Kratzer im Tannhäuser Wagner selbst und zwar den frühen, "anarchistischen Wagner", wie er sagt, den 48er Revolutionär, der selbst in Dresden auf die Barrikaden kletterte. Tannhäuser ist hier der Mann, der alle Regeln sprengt, der von den Autoritäten kujoniert wird, weil er bedingungslos nach Sinnlichkeit und Freiheit strebt.

Für den Venusberg hat sich der Regisseur ein ziemlich skurriles Personal ausgedacht. Venus (Elena Zhidkova) tritt im hautengen Glitzerbody auf, Tannhäuser (Stephen Gould) ist als Clown verkleidet, außerdem hat Kratzer noch zwei Gestalten dazuerfunden: Oskar, gespielt vom kleinwüchsigen Schauspieler Manni Laudenbach, und Le Gateau Chocolat (der Schokokuchen), eine bärtige Dragqueen aus London. Noch während der Ouvertüre wird ein Film eingeblendet, in dem das bunte Quartett mit einem alten Lieferwagen durch den Thüringer Wald brettert, man stiehlt Benzin und betreibt Zechprellerei. Und ganz nebenbei wird auch ein Polizist überfahren.

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"Tannhäuser"-Premiere: Auf Achse mit Oskar und Venus

Dieser Mord aber - und nicht sexueller Überdruss - bringt Tannhäuser zur Einsicht. Ihm, dem Clown, kullern nun die Tränen übers Gesicht, und er verabschiedet sich vom Venusberg. Die Revolution hat sich damit erledigt. Und genau das hätte Kratzers Thema sein können: das Drama von der selbstzerstörerischen Kraft des Aufbegehrens gegen Recht und Gesetz.

Stattdessen hat es eher den Anschein, als ob sich der Regisseur vor den Wagnerschen Emotionen fürchtet. Wann immer Gefühle ausgedrückt und beschworen werden: Er lässt sie zumindest optisch brechen. Schon am Anfang dürfen sich Venus und Tannhäuser nicht wirklich lieben, die Dauerpräsenz ihrer Mitfahrer im Lieferwagen zerstört jede Intimität.

Eine kalkulierte Zumutung

Im zweiten Aufzug teilt der Regisseur gar das Bühnenbild in zwei Ebenen: Oben laufen die Bilder einer Webcam aus dem Backstage-Bereich, man sieht den Inspizienten und schnatternde Choristen vor ihrem Auftritt. Unten, auf der richtigen Bühne, singen die wahren Menschen, mit Inbrunst und großer Stimme (eine Entdeckung übrigens die kraftvolle Präsenz der jungen Norwegerin Lise Davidsen als Elisabeth).

Den dritten Aufzug schließlich lässt er auf einem malerisch verrotteten Schrottplatz spielen, wo es zum Äußersten kommt: Elisabeth, verzweifelt über den unglücklich-untreuen Tannhäuser, holt sich dessen Rivalen Wolfram ins Bett. Tannhäuser als Clown, ein toter Polizist und Sex zwischen Wolfram und Elisabeth: eine kalkulierte Zumutung für alle Wagnerianer.

Immer geht es Kratzer um die Reduktion von Pathos. Nüchternheit ist Trumpf, Komik und Witz ruinieren die Emotionen. Und dennoch: Dem neuen optisch unterhaltsamen "Tannhäuser" dürfte ein längeres Leben beschert sein als der letzten Bayreuther Inszenierung aus dem Jahr 2011, die vorzeitig aus dem Spielplan verschwand. Regisseur Sebastian Baumgarten hatte die Wartburg in eine Biogasanlage verwandelt, mit gewaltigen Tanks und Röhren. Einige Akteure hauchten buchstäblich in einer Art Gaskammer ihr Leben aus, finstere Assoziationen also an die deutsche Geschichte. Selbst Wohlmeinende sahen darin eine weitgehend sinnfreie Provokation.

Tobias Kratzer kann sich eine kleine Anspielung auf diese Pleite nicht verkneifen. Das Quartett vom Venusberg fährt in einer Szene auch an einer "Biogasanlage" vorbei. Auf dem Schild klebt ein Zettel "mangels Nachfrage geschlossen".



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Seite 1
klmo 26.07.2019
1.
Probates Mittel: Privat in den eigenen vier Wänden über eine gute Anlage nur die Musik von Wagner hören, Vorstellungen und Bilder generieren sich von selbst. Vorteil: Eintritt bzw. Preise, wenn überhaupt machbar, kann man sich sparen. Die Zumutung in nicht-klimatisierter Umgebung und auf engsten Raum Stunden durchhalten zu müssen, ist ebenfalls ein Gewinn. Und dann die unüberbrückbare Diskrepanz, wo ständig absurde Bilder und Szenen auf der Bühne jeden Hörgenuss beeinträchtigen und stören, wie hält man das über Stunden aus?! Und zuletzt schon fast eine Gnade, an diesen ständig wiederkehrenden Eitelkeiten einer Prominenz nicht teilnehmen zu müssen. Höhepunkt via Publikum: Die neue Frau von Schröder (progressive Intendanten würden hier den Namen "Gas-Gerd" bevorzugen), Soyeon Schröder-Kim, wollte unbedingt ein Selfie mit der Kanzlerin, was ihr freudestrahlend genehmigt wurde. Für BILD waren die Festspiele in Bayreuth sekundär, die größte Sorge gipfelte in der Frage: "Wo war der Ehemann von der Kanzlerin, Herr Sauer?" Die Vermutung liegt nahe, dass beim Herrn Sauer die physikalischen Grenzen in Bayreuth schon längst überschritten sind und er die Abstinenz bevorzugt. Dagegen auffallend eine aufgeblühte Kanzlerin, die auch in diesem Jahr ihr legendäres Durchstehvermögen unter Beweis stellen konnte. Eine positive Botschaft gibt es zu vermelden: Völlig unmöglich, unsere Kanzlerin ist niemals krank!
mpitt 26.07.2019
2. Nichts verstanden
Es ist im Musik- wie im Sprechtheater. Der völlig sinnfreie Umgang von Regisseuren und Dramaturgen mit den Vorlagen ist nichts anderes als eine Zumutung für das Publikum. Provokation um ihrer selbst willen! Man muß Wagner nicht mögen, aber das hat selbst er nicht verdient. Was ist der Unterschied zwischen dem Namensgeber des Fritz-Kortner-Preises und den weitaus meisten Preisträgern? Kortner hatte die Stücke, die er inszeniert hatte, wenigstens verstanden.
In effigie 26.07.2019
3. Profis und Dilettanten
Zitat von klmoProbates Mittel: Privat in den eigenen vier Wänden über eine gute Anlage nur die Musik von Wagner hören, Vorstellungen und Bilder generieren sich von selbst. Vorteil: Eintritt bzw. Preise, wenn überhaupt machbar, kann man sich sparen. Die Zumutung in nicht-klimatisierter Umgebung und auf engsten Raum Stunden durchhalten zu müssen, ist ebenfalls ein Gewinn. Und dann die unüberbrückbare Diskrepanz, wo ständig absurde Bilder und Szenen auf der Bühne jeden Hörgenuss beeinträchtigen und stören, wie hält man das über Stunden aus?! Und zuletzt schon fast eine Gnade, an diesen ständig wiederkehrenden Eitelkeiten einer Prominenz nicht teilnehmen zu müssen. Höhepunkt via Publikum: Die neue Frau von Schröder (progressive Intendanten würden hier den Namen "Gas-Gerd" bevorzugen), Soyeon Schröder-Kim, wollte unbedingt ein Selfie mit der Kanzlerin, was ihr freudestrahlend genehmigt wurde. Für BILD waren die Festspiele in Bayreuth sekundär, die größte Sorge gipfelte in der Frage: "Wo war der Ehemann von der Kanzlerin, Herr Sauer?" Die Vermutung liegt nahe, dass beim Herrn Sauer die physikalischen Grenzen in Bayreuth schon längst überschritten sind und er die Abstinenz bevorzugt. Dagegen auffallend eine aufgeblühte Kanzlerin, die auch in diesem Jahr ihr legendäres Durchstehvermögen unter Beweis stellen konnte. Eine positive Botschaft gibt es zu vermelden: Völlig unmöglich, unsere Kanzlerin ist niemals krank!
Wer kein Vermarktungsanliegen hat, bleibt natürlich daheim. In USA handhabt man das anders: Bring mich maximal rein und nach 5 Minuten minimal raus. Profis wissen das.
frantonis 26.07.2019
4. Merkels Mann ist wohlweißlich dieser Aufführung
fern geblieben. Aber Frau Merkel musste aus Staatsraison diese Aufführung über sich ergehen lassen. Die Digitalstaatssekretärin ist vermutlich deshalb gekommen, um ihre extgravaganten Stöckelschuhe zu zeigen. Letztere hätte besser zur AKKs Vereidigung eine Videoschaltung organisiert, damit die Abgeordneten wegen diesen paar Minuten nicht anreisen mussten.
klmo 26.07.2019
5.
Zitat von In effigieWer kein Vermarktungsanliegen hat, bleibt natürlich daheim. In USA handhabt man das anders: Bring mich maximal rein und nach 5 Minuten minimal raus. Profis wissen das.
Also Ihren Satz müssen Sie mir erklären. Lassen Sie mich einmal nur teilhaben, wie Profis in den USA denken, wenn es um die Vermarktung von Kunst, hier von Wagner, geht.
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