24 Stunden Taylor Mac in Berlin Mit dir sind wir queer

Die Drag Queen Taylor Mac unterzieht die Geschichte der USA in den Berliner Festspielen einer queeren Lektüre: 246 Songs in 24 Stunden mit viel sexuell inklusivem Humor. Ein Bericht nach sechs Stunden.

Teddy Wolff

Nach fast sechs Stunden singt es eine Mörderballade. Das Indianermädchen Luisa Maria, das die Drag Queen Taylor Mac zuvor als Opfer der grausamen Umsiedlungen im frühen 19. Jahrhundert porträtiert hat, will keine Kinderlieder mehr singen. "The Banks Of Ohio" stammt aus dieser Zeit, heute kennen wir dieses Lied eines Frauenmörders allenfalls von der jungen Joan Baez oder von Johnny Cash, beides sind zurückhaltende Versionen. Taylor Mac jedoch, Schöpfer und Kopf dieser Show, legt seine ganze Stimme in den Song, und das will etwas heißen.

Mac bewegt sich nicht zu dieser schmetternden Performance, obwohl "A 24-Decade History of Popular Music", das am Donnerstagabend am Haus der Berliner Festspiele seine Europapremiere feierte, eigentlich ein wuseliges Musical ist (ein irre schönes dazu). Aber Taylor, der alte Theaterhase, weiß: Für Bewegung sind andere zuständig - ein König, oder eben eine Queen, muss nicht selbst hampeln. Eine Schar elfenhafter Helfer in barocker Kluft, die sogenannten Dandy Minions, sind sein Hofstaat. Sie verteilen Requisiten im Saal und streicheln das Publikum auch mal im Vorbeigehen mit einem Foulard.

Doch der Höhe- und Schlusspunkt dieses ersten Abends, der am blutigen Ufer des Ohio-Flusses endet, verlangt Konzentration. Licht, Stimme, Präsenz: Boom! Aus dem indigenen Opfer wird eine handelnde Person, das Mädchen legt seinen weißen Namen ab und heißt jetzt Ellipsis, zu deutsch: Auslassung. "I'm gonna, I'm gonna…" beginnt Mac den letzten Satz, und lässt den Abend dann in der Schwebe zurück: Die Zukunft muss offen bleiben, alles andere bedeutet Unfreiheit . Mac, die crazy Queen, steht rund zwei Minuten da und verzieht keine Miene. Der Saal rast.

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Drag-Performer Taylor Mac: Quer durch die US-Geschichte

Was ist hier passiert? Wir sind in diese Performance im Jahr 1776 eingestiegen, mit der amerikanischen Revolution. Wir haben Soldaten als verkappte Schwule gesehen und aus dem Zeitraum bis 1836 etwa 51 Lieder gehört, die fast alle gegen den Strich gebürstet wurden. Eine Stunde lang trugen wir eine Augenbinde, um die Erblindung auf dem Schlachtfeld nachvollziehen zu können. Wir trugen Unterwäsche auf dem Kopf, wenn wir eine Glatze hatten, oder Blumen im Haar. Wir tranken Bier oder fütterten uns gegenseitig Trauben, einige machten eine Polonaise.

Diversität nicht nur erzählen, sondern meinen

Klingt schrecklich, war aber wunderbar! Weil Taylor Mac an etwas erinnert, das im Theater, im armen wie im teuren, sehr selten geworden ist: Gemeinschaft stiften. Von Diversität nicht nur erzählen, um sich selbst zu erhöhen, sondern tatsächlich Diversität zu meinen. Klingt nach Kirche, und das war es auch.

Jedes Kapitel der vier mal sechs Stunden langen Show gibt es in Berlin nur einmal zu sehen, die nächsten Teile folgen ab Samstag. Eine Nacherzählung würde den Kern nicht treffen. Es geht eher um eine Haltung als um Handlung, um eine Erfahrung und um einen wahnsinnigen Performer. Um Taylor Mac.

Sein amerikanisches Englisch ist schnell und gerne schlüpfrig. Es klingt außerdem ein bisschen nach Süden, weil ein Hauch Southern Drawl für alle, die nicht aus den Südstaaten kommen, akustisch an einen abgespreizten kleinen Finger erinnert. Dabei wuchs Taylor Mac in Kalifornien auf und wurde spätestens in New York City zur Drag Queen. Bereits im Detail des Bühnenakzents zeigt sich aber das famose Programm dieser, man muss die Phrase bemühen: einzigartigen 24-Stunden-Revue über 240 Jahre amerikanische Geschichte in 246 Liedern.

Diese Bühnenfeier sucht nicht den queeren Unterschied zur Mehrheitsgesellschaft wie zurzeit die meisten anderen Formen queeren Theaters. Die erstmals in Europa in ganzer Länge zu sehende Show dreht das Spiel: Es geht um das subversive Gegenteil, die Mehrheitsgesellschaft selbst als queer zu sehen. Das gemischte Publikum aus Queeren und Heteros in den Berliner Festspielen spricht Mac immer wieder genauso dezidiert an, weil ihm es ihm wichtig ist, nicht einfach den lustigen Schwulen zu spielen, sondern auf das gemeinsame Ritual unterschiedlicher Menschen hinzuweisen: Heute Abend werden wir alle Amerikaner, und zwar queere, noch bevor wir es merken.

Wir hören das große Besteck

Die Mittel dieser Umkehrung sind bekannt: Verwandlung und Kostümierung der binären Geschlechterrealität, dazu Musik, Gesang, direkte Ansprache und Beteiligung des Publikums, krasse, auch sehr lustige Geschichten von Gewalt, Sex und Drogen. Das Resultat ist herrlich altmodisches, mit der Zeit auch politisch korrektes Revuetheater, das aber fast nie seinen kruden Humor preisgibt. Und tatsächlich: Nach den ersten sechs Stunden kommt man kurz vor Mitternacht ziemlich genderweich aus dieser Showmaschine heraus.

Das Konzept von "A 24-Decade History of Popular Music" ist streng und erlaubt gerade wegen dieser Klarheit viele Grenzerweiterungen. Jede Stunde deckt zehn Jahre US-amerikanischer Geschichte ab, zu Gehör kommen darin jeweils sechs bis zwölf Songs, die in dieser Periode in den USA oder Teilen davon besonders populär waren. Das Orchester beginnt mit 24 Musikern, nach jeder Stunde muss eine oder einer gehen. Am Ende, am 20. Oktober, wird Taylor Mac dann alleine auf der Bühne stehen. Bis dahin leitet Matt Ray am Flügel die Band, die auch von Berlinerinnen und Berlinern erweitert wird, was manchmal auf Kosten der Präzision geht. Doch wir hören das große Besteck.

Großes Theater ist manchmal einfach nur ein großer Spieler: Wie Taylor Mac Anekdoten zu Geschichten ausbaut, Härte mit Humor kollidieren lässt und dabei stets überrascht, das ist das eigentliche Ereignis. Taylor Mac ist ein hervorragender Sänger, aber vor allem ist er ein Conferencier von Weltklasse. Und die Nummer mit dem amerikanischen Ureinwohner, ehemals Indianer, den Mac auf die Bühne bittet, um seine Version der Geschichte einzubringen, ist auch nicht schlecht: Er erzählte dann nämlich nichts von Reservaten, sondern von einem sehr lustigen schwulen SM-Erlebnis in Berlin-Schöneberg. Das ist die eigentliche Freiheit.


Weitere Vorstellungen: 12., 18. und 20. Oktober 2019 im Haus der Berliner Festspiele

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