Taylor Swifts zweites Corona-Album »Evermore« Irgendwie Hausmusik

Sehr kurzfristig angekündigt, ist jetzt das zweite Album des Jahres 2020 von Taylor Swift zu hören. »Evermore« setzt den Eskapismus von »Folklore« fort – und zeigt die große Kunst des Pop-Songwriting.
Taylor Swift

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Foto: Universal Music

Noch stecken wir alle tief drin in der Corona-Zeit. Zu tief vielleicht, um zu sehen, was diese Zeit aus uns macht. Jeden Tag sterben 500 Menschen in Deutschland, in den USA sind es noch viel mehr. Ein harter Lockdown steht uns bevor, eigenartige Weihnachten. Die Theater, Klubs und Konzerthallen sind seit Monaten geschlossen – der Seismograf Kultur, der uns sonst so zuverlässig begleitet und uns in unseren Gefühlen und Eindrücken spiegelt, funktioniert nicht wie sonst. Wer erzählt uns von Einsamkeit, von Verlorenheit, von Isolation? Eine Menge Autoren führen Corona-Tagebücher, Musiker streamen aus ihrem Wohnzimmer. Aber reicht das wirklich? Wer verwandelt die Corona-Zeit in Kunst?

Bisher gibt es da eigentlich nur eine: die amerikanische Sängerin und Songwriterin Taylor Swift. Im Sommer hat sie ihr Album »Folklore« veröffentlicht, eine Überraschungsplatte, aufgenommen während der ersten Corona-Welle – und eines der großen Popalben des Jahres. Nun kommt die nächste Überraschungsplatte hinterher: »Evermore«. Sie hätte nach »Folklore« einfach nicht aufhören können, schreibt Swift in den Liner Notes. »Poetisch gesagt, war es, als ob wir am Rand eines Folklore-Waldes standen und die Wahl hatten: Umdrehen oder tiefer hineinwandern in diese Musik.«

Sehen Sie hier das Video zu »Willow«:

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Da ist sie nun also, die zweite große Corona-Platte von Taylor Swift. Und was sie so groß macht, ist vieles, nicht zuletzt aber dies: Die Pandemie kommt nicht vor. Denn wie funktioniert Kunst? Doch nicht so, dass man oben ein Weltereignis einwirft und unten kommt ein Werk heraus.

Wie miteinander verknüpfte Kurzgeschichten

Taylor Swift sollte auf Tour gehen, das war die Idee. Die wurde abgesagt. Und wie es bei einem Künstler mit so eng getaktetem Terminkalender wie Swift ist, hatte sie auf einmal nichts vor. Das Weltereignis Corona schenkte ihr also Zeit. Sie ging ins Studio. Und begann Geschichten zu schreiben.

Denn das sind die Songs von Taylor Swift fast immer: Short Storys. Wie zum Beispiel »tis the Damn Season« auf dem neuen Album. Ein Song, der davon erzählt wie eine Frau, die sich aus der Provinz aufgemacht hat, um in Los Angeles ihr Glück als Schauspielerin zu suchen, für ein Wochenende in den Ort ihrer Jugend zurückkommt und mit ihrer Jugendliebe ins Bett geht. Wie sie sieht, was sie geworden ist, welchen Weg sie zurückgelegt hat, aber auch, was sie zurückgelassen hat. »tis the Damn Season« ist eine geradezu klassische Erzählung.

Oder »Champagne Problems«, ein Stück, das von einer Frau erzählt, die ihrem Mann am Tag der Hochzeit Nein sagt, auch, wie sich herausstellt, weil sie mit Problemen zu kämpfen hat, die sie nicht benennen kann. Es endet mit den wunderbaren Zeilen »›She would've made such a lovely bride/ What a shame she's fucked in the head‹, they said / But you'll find the real thing instead / She'll patch up your tapestry that I shred«.

Und wie große Kurzgeschichtenerzähler knüpft Swift immer wieder Verbindungen zwischen den verschiedenen Geschichten. Zu »tis the Damn Season« gibt es etwa das Gegenstück in »Dorothea«, einem Song über einen Mann, der es nicht aus seinem Dorf herausgeschafft hat und nun mit der glamourösen Frau ein Wochenende verbringt, die aus Los Angeles zu Besuch ist – seine alte Jugendliebe, die nicht mehr ist, was sie war. Alles hat sich geändert, außer der körperliche Anziehung.

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27.01.2023 09.00 Uhr

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Swift kommt aus dem Country. Ihre ersten Alben waren Countrypop, in einem Interview mit dem SPIEGEL hat sie einmal gesagt, damals hätte sie einfach Situationen aus Fernsehserien in ihren Songs vertont, weil sie selbst zu wenig über Liebe gewusst habe. Da war sie ein Teenager. Für eine Weile machte sie dann einige Schlagzeilen mit der langen Reihe von Boyfriends, denen sie Schmählieder hinterherwarf, einige waren bekannte Musiker. Ihr Sound änderte sich, er bekam mehr Muskeln, verwandelte sich in für die Charts tauglichen Powerpop. So wurde sie zum Superstar, einem der größten, die es gerade gibt.  

Die verschüttete hohe Kunst des Songwritings

Wegen eines Streits um die Masterbänder kündigte Swift vor Kurzem an, sie werde alle ihre alten Alben noch einmal einspielen. Das könnte interessant werden. Denn zum einen hat sie für »Folklore« und »Evermore« einen ganz neuen Sound gefunden. Zusammen mit Justin Vernon, dem Kopf der Indieband Bon Iver, und dem Produzenten Jack Antonoff hat sie einen intimen Klang entwickelt, in dem es zwar hier und dort bescheiden elektronisch fiept – der aber im Wesentlichen von Gitarre und Klavier lebt, manchmal nah an der Countrytradition, manchmal eher am Singersongwritertum orientiert. Irgendwie Hausmusik. Musik von Leuten, die nicht vor die Tür können und auch nicht wollen.

Zum anderen aber ist das Erstaunliche an Swift, quer durch ihre Karriere: Wie gut diese Songs dann sind. In anderen Arrangements wären Lieder von »Evermore« auch als Popknaller denkbar. Ihr Album »1989« wiederum wurde komplett von Ryan Adams als Alternative-Rock-Album nachgespielt. Das könnte sie auch selbst machen.

Die Songs sind einfach nur noch besser geworden.

Wer in den Achtzigern aufgewachsen ist, kennt sie ja noch, weil sie damals ihren letzten großen Moment als Mainstreamphänomen hatte: die hohe Kunst des Songwritings. Der Aufstieg des Hip-Hops zur wichtigsten Popmusik des Planeten hat diese Tradition etwas verschüttet, an die Ränder des Betriebs gedrängt. Im Hip-Hop und seinen verwandten Genres geht es ja selten darum, Geschichten zu erzählen. Eher wird das Ich des Künstlers präsentiert, seine Kämpfe und seine Macht, seine Fähigkeit, sich zu behaupten. Auch große Kunst, nur eben sehr anders. Aber zeitgemäß: Wer heute ein Popstar ist, inszeniert sich ja vor allem selbst. Die sozialen Netzwerke haben die nichtmusikalischen Anteile des Popstar-Daseins massiv an Bedeutung gewinnen lassen.

Dazu ist Taylor Swift der Gegenentwurf. Sie ist zwar auch bei Instagram und weiß selbstverständlich, wie das Spiel dieser Medien gespielt wird. Sie ist aber vor allem die Frau, die sich zurückzieht, wenn sich die Möglichkeit ergibt, und dann eine Welt erschafft.

Sie erzählt Geschichten. Über sich und über andere.

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