Nummer eins in den USA Was Taylor Swifts Chartrekorde bedeuten

Wie wird ein Hit ein Hit? Was macht einen Bestseller aus? Wir analysieren Kultur-Erfolge. Diesmal: Taylor Swift auf Platz eins in den US-Musikcharts mit ihrem Überraschungsalbum "Folklore".
Taylor Swift: musikalisch verhältnismäßig zurückhaltend

Taylor Swift: musikalisch verhältnismäßig zurückhaltend

Foto: Beth Garrabrant/ Universal Music

"Surprise", twitterte  Taylor Swift am 23. Juli: Der Popstar kündigte an, dass am folgenden Tag ab Mitternacht ihr achtes Studioalbum "Folklore" zu hören sei. Die Kritiken für "Folklore" waren überwiegend positiv, auch wenn unsere Kritikerin Jenni Zylka einen eskapistischen "Nachkriegs-Komödien-Effekt" beobachtete - und Swift gelang mit dem Album ein Rekord: Zum ersten Mal seit das Branchenmagazin "Billboard" die US-Hitparaden erhebt, hat es ein Interpret geschafft, in derselben Woche sowohl in den Album- als auch in den Songcharts von null auf Platz eins einzusteigen . In unserem Nummer-1-Check erklären wir, was dahintersteckt.

Worum geht es genau?

Nicht nur Swifts Song "Cardigan", der mit einem Musikvideo als Single herausgestellt wurde und auf Platz eins eingestiegen ist, sondern auch zwei andere Albumtracks schafften es in die Top Ten der Billboard-Songcharts - der Opener "The 1" auf Platz vier und "Exile", das Duett mit Bon Iver, auf Nummer sechs. In die Hot 100 kamen sogar alle 16 Songs der Standardversion von "Folklore" – damit waren insgesamt 113 Lieder von Taylor Swift in den US-Charts seit ihrem ersten Hit "Tim McGraw" aus dem Jahr 2006.

Das bedeutet einen Chartrekord : Bisher war Nicki Minaj mit 110 Charteinträgen die Frau mit den meisten Hits gewesen – sie hatte wiederum 2017 Aretha Franklin überholt, die fast 40 Jahre lang den Rekord gehalten hatte.

Was lernen wir aus Swifts Rekord?

Ursprünglich waren die Billboard Hot 100 als Singlecharts konzipiert, sie verknüpften die Schallplattenverkäufe mit dem Radio-Airplay (und anfangs den Jukebox-Einsätzen!). Aretha Franklins 73 Hits waren also alle als Singles erhältlich - wenn auch teilweise auf der A- und B-Seite derselben Scheibe.

1998 wurden die Hot 100 zu Songcharts - mit einer Regeländerung ließ das Branchenmagazin "Billboard" nun auch Albumtracks zu, die nicht als Single erschienen waren, aber viel Airplay bekamen. Seit 2005 zählen die Verkäufe von digitalen Downloads für die Charts, seit 2007 auch gestreamte Songs. Nicki Minaj, deren Hitparadenkarriere 2010 begann, profitierte davon - allerdings auch von einer Vielzahl an Features, an Gastauftritten auf Tracks anderer Künstler also. So reflektieren die Billboard Hot 100 also nicht nur die Popularität von Songs zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern auch die Art und Weise, wie Musik zu diesem Zeitpunkt gehört wird.

Und wie wird Taylor Swift gehört?

Taylor Swift versuchte lange, sich dem Trend zum Streaming und zum Herauspicken einzelner Songs zu verweigern. "Musik sollte in Albumform konsumiert werden", sagte sie bei einer Rede 2014, und ihre Alben gab es lange Zeit nur als Download. Erst seit 2017 ist ihre Musik zurück bei den großen Streamingdiensten.

Dass nun alle Albumtracks unter den hundert populärsten Songs der Woche gezählt werden, deutet darauf hin, dass Taylor Swifts Publikum zwar Musik streamt, aber in ihrem Falle vielfach gleich das ganze Album. Wobei die Aufmerksamkeit nachlässt: Der letzte Track, "Hoax", ist auch der auf 71 am niedrigsten platzierte in den Charts.

Warum ist "Folklore" so ein Erfolg geworden?

Die Strategie, mit einer überraschenden Albumveröffentlichung die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, haben in den letzten Jahren viele Stars genutzt, von Beyoncé bis Eminem. Doch in der gegenwärtigen Dürrephase, was spektakuläre Neuheiten betrifft, ist die Wirkung offenbar noch stärker.

Dabei ist "Folklore" musikalisch verhältnismäßig zurückhaltend; die meisten Songs entstanden in Zusammenarbeit mit Aaron Dessner von der Indie-Band The National und sind von knalligen Poprefrains wie einst "Shake It Off" meilenweit entfernt. Auch in den Texten verzichtet Taylor Swift auf große Slogans oder gar politische Aussagen - zumindest in ihren Songs, abseits davon nutzt sie ihre Prominenz durchaus, um Statements zu setzen.

Was mögen die Leute daran?

In der Regierungszeit von Donald Trump hat sich die sowieso vorhandene politische Polarisierung der USA noch weiter verstärkt. Und in der Coronakrise spitzt sich die Situation weiter zu, in die Aufregungen mischen sich Ängste.

Im Begleittext zum Album  betont Taylor Swift, dass die Songs für "Folklore" in der Corona-bedingten Isolation entstanden seien. Im Schreiben der Texte sei sie in "Fantasie, Geschichte und Erinnerung" entflohen.

Offenbar hat sie damit einen Nerv auch bei den Hörern getroffen. Die sich beim Hören aus den Unsicherheiten der Gegenwart wegtragen lassen wollen. Die sich von Swifts Songs wärmen lassen – fast so wohlig wie es der songtitelgebende Cardigan könnte. Aber halt: Den gibt es ja auch, natürlich erhältlich im Onlineversand .

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