Dirigent Teodor Currentzis Der Mozart-Zerstörer

Teodor Currentzis ist ein Superstar der Klassik-Szene. Doch nach den Salzburger Festspielen hat seine Entzauberung endlich begonnen. Zu Recht: Denn die Jagd nach Extremen ist auf Dauer öde.
Dirigent Currentzis: Geht immer ins Extreme

Dirigent Currentzis: Geht immer ins Extreme

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BARBARA GINDL / AFP

Es war einmal ein völlig unbekannter Dirigent aus Athen, der auszog, musikalische Grenzen zu sprengen, in Sibirien landete und zu Weltruhm kam. So geht die Kurzform des Märchens um Teodor Currentzis, das bis heute gern erzählt wird, weil es so schön wahr ist. 2011 verließ der Grieche die Staatsoper Nowosibirsk und heuerte am Musiktheater in Perm an, mehr als 1100 Kilometer von Moskau entfernt. Damit er auch wirklich kommt, erfüllte ihm die Stadt die ungewöhnliche Bedingung, sein Orchester »MusicaAeterna« nebst Chor mitbringen zu dürfen.

Currentzis blieb acht Jahre. Dass er in Perm zu einem Superstar der Klassik-Szene wurde, hatte gleich mit den ersten CD-Einspielungen zu tun. Nachdem die drei Mozart-Opern nach Texten des Italieners Lorenzo Da Ponte, »Le nozze di Figaro«, »Don Giovanni« und »Così fan tutte«, 2014 und 2015 erschienen waren, gab es kein Halten mehr: Opernliebhaber und Kritiker strömten nach Perm. Besprechungen gerieten zu Jubelarien, was damals (noch) nachvollziehbar war, da die Aufnahmen mit ihren vielen Überraschungen – allen voran das Kühne, Wilde, die Rasanz und irren Tempowechsel – beeindrucken konnten. Aus einem sehr simplen Grund: So unerhört auf Effekt getrimmt hatte man Mozart bis dahin noch nie gehört.

Drei CDs – und das Märchen vom Magier am Dirigentenpult war in der Welt. Seither kann Currentzis am Pult tun und lassen, was er will. Jede noch so groteske Abweichung und schrille Überzeichnung einer Partitur von welchem Komponisten auch immer, jede noch so absurde Geschwindigkeit und Hinzuerfinden von Noten wird vom Publikum begeistert gefeiert – und leider auch von Kritikern, die den Supermann der Klassik mit Superlativen überhäufen. Unter »genial« oder »revolutionär« geht nichts. Ständig ist zu hören, dass Currentzis gegen den Strich bürstet. Das ist wahr. Nur benutzt der Orchesterleiter keinen Kamm, sondern einen Pferdestriegel.

Bürstet mit dem Pferdestriegel: Klassik-Star Currentzis

Bürstet mit dem Pferdestriegel: Klassik-Star Currentzis

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STEPHANE DE SAKUTIN / AFP

Nehmen wir das Finale des ersten Aktes des »Don Giovanni« – eines der schönsten, turbulentesten und emotional aufregendsten der gesamten Operngeschichte. Mozart treibt die Story ungestüm voran, lässt den Titelhelden als »Verräter« (an den Frauen) von einer wilden Sängerschar regelrecht jagen, dass einem schwindelig wird. Currentzis aber übertreibt es beim Tempo derartig, dass alles zu einem Brei aus Musik und Sprache verschwimmt. Er ist getrieben von der irreführenden Idee, das Hörbare noch hörbarer zu machen.

Banales Extrawurst-Rezept

Currentzis betrachtet eine Komposition nicht als in Ton gesetzte Vorgabe mit Interpretationsspielraum, sondern als Selbstbedienungsladen, aus dem er sich entnimmt, was er braucht, sich eine Extrawurst zu braten, die er mit unterschiedlichen Soßen zubereitet. Er macht es dem Publikum einfach, die Unterschiede seiner Werkdeutungen zu erkennen. Der Kniff, mit dem Currentzis gerade bei Ohrwürmern wie den Beethoven-Sinfonien oder Mozarts Opern Aha-Effekte erzeugt, ist banal. Er funktioniert ungefähr so: Man fummle in Abbas »Dancing Queen« ein bisschen »God Save the Queen« der Sex Pistols, und schon denkt der geübte Zuhörer und die geneigte Zuhörerin: Wow! Irre! So hab ich das noch nie gehört! (Na logisch.)

Aus diesem Grund gibt es faktisch keine Aufführung oder Aufnahme des Griechen, in der die Musik – egal ob lyrische oder schnelle Passagen – nicht ins Extreme geht, manchmal so skurril oder exzentrisch ist, dass sie aberwitzige Züge annimmt. Beispielhaft dafür steht Mozarts Requiem, das eigentlich nicht totzukriegen ist. Die CD-Einspielung von Currentzis hat ohne Zweifel feine Passagen, klingt aber eben an viel zu vielen Stellen wie die musikalische Untermalung einer Comic-Verfilmung oder wie ein Videospiel mit jeder Menge Spannung und noch mehr Toten. Currentzis scheint nur marginales Interesse daran zu haben, sich mit dem Ende auf Erden und der hoffnungsfrohen Himmelfahrt auseinanderzusetzen, wie sie Mozart schilderte.

2020 ist bei BR Klassik Mozarts Requiem in einer erstklassigen Einspielung unter Leitung von Howard Arman und der in Berlin beheimateten Akademie für Alte Musik erschienen. Sie hat das, was bei Currentzis fehlt: ein überzeugendes und glaubhaftes musikhistorisches Konzept, das uns denken lässt: Ja, so könnte es geklungen haben. Arman aber ist einer der vielen Künstler der Klassik-Szene auf allerhöchstem Niveau, die es nicht so mit der PR haben. Wenn der Brite Interviews gibt, heißt es hinterher nicht, der Dirigent habe »überraschend offene Einsichten in seine Innenwelt gewährt«, wie es der Südwestrundfunk etwa nach einem »Backstage Talk«  mit Currentzis formulierte.

Manierismus als Selbstzweck

Darin wird Currentzis, seit 2018 Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters, gefragt, an welchen Traum er sich erinnere? Er erzählt von einer Frau, die ihn »gehasst« habe. »Sie war immer sehr böse zu mir. Natürlich habe ich sie auch nicht gemocht.« Er sei in sie verliebt gewesen. »Es war so stark«, dass er ständig mit Tränen aufgewacht sei, bis er die Angebetete angerufen und zum Essen eingeladen habe. Nach kurzem Schweigen habe sie gesagt: »Okay, welche Zeit?« Von da an seien sie sehr gute Freunde geworden. Auch ein Liebespaar? Das wolle er nicht vor einer Kamera sagen.

Derlei »Einsichten« geben jede Menge Spielraum für küchenpsychologische Betrachtungen. Kein Wunder, dass nicht wenige Leute in der Szene Currentzis wahlweise Wahnsinn oder Größenwahn bescheinigen. In jedem Fall sind solche »Offenbarungen« Teil seiner Selbstinszenierung. Die Frage, ob sein Beruf auch Berufung ist, beantwortet Currentzis in dem kurzen Interview mit: »Natürlich«. Und DAS muss man ihm glauben. Aber Currentzis kann den Satz nicht einfach stehen und wirken lassen. Stattdessen fügt er an, dass er »ein bisschen« Platzangst habe. »Ich mache den schwierigsten Job für eine agoraphobische Person.«

Manierismus als Selbstzweck. Bei ihm muss es immer das Besondere, das Extravagante sein. Darin liegt auch die Tragik des Teodor Currentzis. Er, der unbestritten ein Wahnsinnstalent hat und vielleicht wirklich ein Genie ist, schafft es nicht, einmal so etwas wie die – auch seine – Mitte zu finden. Der ständige Extremismus seiner Interpretationen wird auf Dauer langweilig, gar öde und vermittelt den Eindruck: Currentzis dient nicht dem Komponisten, sondern seiner Selbstverwirklichung.

Es wurde Zeit, dass Musikkritiker Currentzis diese Ego-Trips nicht mehr durchgehen lassen. Seinen »Don Giovanni« bei den diesjährigen Salzburger Festspielen nannte die »FAZ«  einen »ästhetischen Terroranschlag«: Mozarts Werk werde »zum Material für den neuen Führerkult um Teodor Currentzis«. Die »Welt«  bescheinigte dem Dirigenten: »Was einmal kühn war, ist bereits Schablone.« Axel Brüggemann zeigte sich im Klassik-Magazin »Crescendo«  regelrecht erleichtert. »Es hat lange gedauert, aber nun, langsam beginnt sie endlich, die öffentliche Entzauberung von Teodor Currentzis.« Sie ist überfällig.

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