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Stardirigent Currentzis: Strawinski frisch aufgemischt

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Stardirigent Currentzis Kontrollierte Explosion

Egal ob Mozart oder Strawinski: Teodor Currentzis gelingt derzeit alles. Noch besser wird es, wenn der Dirigent mit der eigenwilligen Geigerin Patricia Kopatchinskaja zusammenarbeitet - die beiden sind ein himmlisches Duo.

Aufstehen! Für einen Brahms nach Maß bringt Maestro Currentzis buchstäblich Bewegung ins Orchester: Die Besucher des Eröffnungskonzertes beim Bremer Musikfest 2015 staunten, als das hochgelobte Ensemble MusicAeterna die dritte Symphonie von Johannes Brahms im Stehen intonierte.

Was man beim Physiotherapeuten und auf Managerseminaren lernen kann, nämlich für neue Gedanken mal aus der gewohnten Haltung auszubrechen, brachte der griechische Pultmeister musikalisch auf den Punkt. In der Bremer Glocke jedenfalls geriet der Festival-Auftakt zum rauschenden Erfolg für Teodor Currentzis und sein Orchester aus dem russischen Perm.

Spröde, aber mit Herz

Der Erwartungsdruck machte dem stürmischen Kapellmeister anscheinend wenig zu schaffen, er startete wie üblich mit Vollgas. Sein Brahms strotzte von trockenem Biss, schwingender Binnen-Spannung und bot überraschende Akzentverschiebungen: meist einen Tick flotter als gewohnt, durchaus voll romantischen Gefühls, aber stets mit hartem Kern. Es erklang der Ton, den man schon von seinen Mozart-Operneinspielungen kennt: leicht spröde, aber mit Herz und festem Zugriff.

Spannend blieb es, als die russische Geigerin Patricia Kopachinskaja für das Mendelssohn-Violinkonzert dazukam. Wild und emotional ging sie das vermeintlich ausinterpretierte Konzert-Schlachtross an, spielte volles Risiko, verpasste fast den Einsatz zum Finale, ritt das Biest dann aber doch triumphal durch alle Kadenzen ins Ziel.

Immer ein keckes Lächeln auf den Lippen, selbstbewusst bis zum Schluss, da lag das Publikum der 37-jährigen Virtuosin aus Moldau und dem Maestro aus Griechenland zu Füßen. Ihr roher, manchmal brutaler, immer expressiver Ton, der in den Soloparts mit Kontrasten zwischen betörender Süße und kratzigem Überschwang faszinierte, machte das Mendelssohn-Werk zu ihrem ganz persönlichen Konzert.

Aggressivität, Ekstase, Spaß

Keine Frage, dass ein extremes Konzertstück wie Igor Strawinskis "Sacre du Printemps" gerade Currentzis herausfordert. Bereits 2013 entstand die nun vorliegende Aufnahme in Köln. Die perkussiv durchgestylten Orchesterparts gestaltete er mit seiner MusicAeterna-Mannschaft trocken, ähnlich seiner barocken Rameau-CD.

Harte Schläge in den Streichern und eher sanfte Paukenhiebe weben ein Klanggeflecht, das dieses "Frühlingsopfer" sinnlich und zugleich kühl ertönen lässt. Dabei geht Currentzis fast den umgekehrten Brahms-Weg: In der Härte deckt er den romantischen Kern des folkloristisch geprägten Strawinski-Werkes auf. Das "Spiel der streitenden Stämme" vereinigt solche Aspekte im ersten Teil markant, für den "Erdentanz" lässt Currentzis das Blech und die Streicher eine Minute lang kontrolliert explodieren, die Polyrhythmen fließen organisch.

Doch der Schock der "Sacre"-Uraufführung in Paris 1913 bleibt noch in Ansätzen nachvollziehbar. Wie es Currentzis gelingt, die atemlose Spannung des Ensembles bis zum Finale zu erhalten, zeugt von immenser Kontrolle und Übersicht. Der durchsichtige, bei aller Wucht doch analytische Klang besticht in jeder Phase: Die Aggressivität dreht sich in positive Ekstase - und Spaß.

Duett mit Gidon Kremer

Seine Kollegin Kopachinskaja wendete sich auf ihrer neuen CD "Chiaroscuro" (ECM) getreu dem Titel - eine effektvolle Hell-dunkel-Maltechnik der Spätrenaissance - einem Stück des georgischen Komponisten Giya Kancheli zu. Der 1935 in Georgien geborene Kancheli arbeitete vielseitig, schrieb in seiner Jugend Chansons und Popmusik, wandte sich dann der Avantgarde zu und komponierte Symphonien, eine Oper und Theatermusik - aber auch ausdrucksvolle, dichte Orchester- und Kammermusik.

Kanchelis Konzert "Twilight" für zwei Violinen und Kammerorchester entstand auf Anregung Gidon Kremers, und Patricia Kopatchinskaja spielte es hier mit gemeinsam mit Kremer und seinem Ensemble Kremerata Baltica ein. Kopatchinskaja und Kremer eignen sich den suggestiven Zauber des Werkes überzeugend an. Dass Kancheli auch erfolgreiche Kino-Soundtracks geschrieben hat, merkt man beiden Kompositionen auf "Chiaroscuro" an. Wundervoll innig duettiert Kremer mit seiner wilden jungen Kollegin: Man versteht sich bestens.

Der geschickte Umgang mit atmosphärischen Klangschichten und harten Gegensätzen schafft Spannung und sanft dramatische Steigerungen: Ohrenkino par excellence.

Teodor Currentzis und Patricia Kopatchinskaja planen weitere gemeinsame Konzerte in Europa, allerdings erst für Anfang 2016 - Daten, die man sich dennoch schon jetzt notieren sollte.


Termine: 9.1. Köln, 12.1. Zürich, 13.1. Rotterdam, 14.1. Utrecht, 18.1. Hamburg, 19.1. Wien, weitere Deutschland-Daten folgen im Frühjahr.

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Igor Strawinski:
Le Sacre du Printemps

Teodor Currentzis (Dirigent), MusicAeterna (Orchester).

Sony Classical (Sony Music); 22,99 Euro.

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Giya Kancheli:
Chiaroscuro

Gidon Kremer (Violine), Patricia Kopatchinskaja (Violine), Kremerata Baltica (Ensemble)

ECM Records (Universal Music); 21,99 Euro.

CD bei Amazon: "Chiaroscuro" von Gidon Kremer 

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