Pop-Ironiker Neil Hannon Wenn Napoleon schmollt

Während seine Freundin Tiere schützte, rettete er vor lauter Einsamkeit den Pop: Der irische Musiker Neil Hannon alias The Divine Comedy überhöht sein Selbstmitleid auf einem neuen Album zu historischer Größe.

Pardon, aber es sind natürlich IMMER die Frauen schuld! Eigentlich wollte Neil Hannon endlich sein lange geplantes Synthiepop-Album aufnehmen. Warum auch nicht? Die Achtzigerjahreklänge erleben gerade ein Revival, aber Hannon findet die moderne Variante dieses lange geschmähten Genres "zu clever, zu smart, die machen ja alles am Computer".

Schön analog müsse man so ein Album sein, das nach den frühen Human League klingt, denn was die Platten aus den Achtzigern so toll mache, sei ja gerade, dass "das einzig Synthetische daran die Keyboards waren. Die Leute brauchen unbedingt dieses Album von mir, denn ich muss ihnen ja zeigen, was sie falsch machen."

Es kam dann aber doch alles ganz anders, sodass "Foreverland", das elfte Album von Hannon alias The Divine Comedy, im Prinzip so klingt wie immer: "Das übliche Sixties-Orchester-Kuddelmuddel", nennt Hannon das, und benutzt das schöne britische Wort hodgepodge. Dieser schwelgerische, aber beißend selbstironische Sound verhalf Hannon ab Mitte der Neunziger, auf der Britpop-Welle surfend, zum Geheimtipp-Status unter Kritikern und eingefleischten Fans.

Stellen Sie sich einfach vor, die Monty-Python-Truppe würde den barocken Ohrwurmpop von Burt Bacharach spielen. Man kommt leicht auf diesen nur vordergründig absurd Vergleich, weil Hannon aussieht wie ein jüngerer Bruder von Graham "Brian" Chapman - und auch einen ähnlichen Humor wie der verstorbene Komiker haben dürfte.

Kein Synthiepop also. Schuld daran war Hannons Lebensgefährtin, die irische Sängerin Cathy Davey, die, wie er beim Interviewtermin in Berlin erzählt, "ziemlich beschäftigt war, ein Wohltätigkeitsprojekt für Tierschutz zu organisieren. Sie war also die ganze Zeit unterwegs, Tiere retten. Und ich saß zu Hause und war genervt, pissed off."

So entstand eine ganze Reihe trübseliger Lieder, in denen Hannon seinem selbstmitleidigen Schmollen hemmungslos freien Lauf ließ. Komponiert am Piano, verfeinerte er sie im heimischen Studio in Dublin und Cathys Pro-Tools-Sammlung zu voll orchestrierten Breitwand-Hits voll sehnender Streichereinsätze, jubilierenden Flöten, Schalmeien und Bläsern, Handclaps und Klaviergehämmer. So viel also zum verpönten Einsatz des Computers.

Sehr altmodisch, sehr schrullig

Höhepunkt des Albums ist das eindeutig betitelte "How Can You Leave Me on My Own", in dem der alleingelassene Hannon erzählt, wie er sich aus Protest so richtig gehen lässt: "When you leave I become a dickhead/ A bad smelling, couch dwelling dickhead." Er wird zum Trotzkopf, zum "Caveman" und "Moron", der nur auf der Couch rumhängt, zu viele Kekse isst, alles Gemüse vom Speiseplan streicht und Pornos guckt. Garniert ist das Stück mit dem I-Ah-Geschrei des Nachbaresels Wayne - mit dem sich Hannon anscheinend prächtig identifizieren konnte.

Andere Songs des Album sind weniger brachial, dafür aber umso schöner und romantischer: das traurige "I Joined the Foreign Legion (to Forget)" zum Beispiel, "My Happy Place" oder "To the Rescue". Auch ein veritabler Broadway-Gassenhauer ist mit "Funny Peculiar" dabei, ebenso wie Hannons Versuch eines Chansons - alles melodische, fein gearbeitete Instant-Hits, mit denen Hannon sehr altmodisch und sehr schrullig die Tradition britischen Songwritings verteidigt - von Beatles bis Bevis Frond.

Musiker Neil Hannon: "Geschichte ist toll!"

Musiker Neil Hannon: "Geschichte ist toll!"

Foto: PIAS

Das allein wäre ausreichend, um "Foreverland" zu einem sympathisch unauffälligen Triumph zu machen, doch auch Hannons Faible für Pomp und große Gesten brach sich erneut Bahn. In Songs wie "Catherine the Great", "The Pact" und "Napoleon Complex" stülpte er dem eigentlich banalen Thema seines beleidigten Bardengesangs eine historische Dimension über: "Catherine, das ist halb Katharina die Große und halb Cathy, und dazu Napoleon, da dachte ich: Das sind doch eigentlich wir! Ein Beziehungsdrama mit internationaler Diplomatie zu vergleichen, das drängt sich doch förmlich auf, oder?"

Na klar. Historie ist ohnehin ein weiteres Steckenpferd von Hannon, der seit seinem letzten Album, das 2010 erschien, unter anderem ein Musical auf die Bühne brachte, ein Kirchenkonzert für Chor und Orgel über Alzheimer schrieb, das er seinem daran erkrankten Vater widmete - und zusammen mit seinem Kumpel Thomas Walsh die Retro-Rockband The Duckworth Lewis Method gründete. "Geschichte ist toll, ich beute sie gnadenlos aus."

Als nichtkatholischer, in Nordirland aufgewachsener Pastorensohn, der lange in London lebte und heute in Dublin wohnt, verfolgt Hannon natürlich auch die ganz aktuelle Geschichtsschreibung, die sich am Tag unseres Interviews, kurz nach dem Brexit-Referendum, stündlich entwickelt. Eine dezidierte Meinung zu diesem "Rücksturz ins Mittelalter" hat er ebenfalls - und befürchtet das Schlimmste für den brüchigen Frieden in Irland, falls sich Schottland aus der britischen Union lösen sollte, um in der EU zu bleiben: "Wenn die Schotten die Union verlassen, werden auch die Nordiren denken: Was zur Hölle sollen wir denn dann noch da?"

Aber was wisse er schon, seufzt Hannon, der sich in solchen Fragen als stillen, vor allem amüsierten Beobachter sieht. "Ich liebe Politik! Zurzeit lese ich den 'Guardian', als wäre er ein Comicheft: Alle 20 Minuten passiert etwas Neues, ein großer Spaß." Werden die shakespearesken Follies um Boris Johnson, Theresa May und David Cameron irgendwann in neue Songs von The Divine Comedy einfließen? Wer weiß. Wahrscheinlich kommt wieder irgendwas dazwischen.


The Divine Comedy: "Foreverland" (Divine Comedy Records/Pias)

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