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Pop-Produzent Trevor Horn: Schillernde Ruhestörer

Foto: Anton Corbijn/ ZTT

Pop-Produzent Trevor Horn Der Mann, der die Achtziger erfand

Er hätte einen kaputten Wecker zum Sexsymbol machen können, heißt es über den britischen Produzenten Trevor Horn. Mit vollsynthetischen Hits wie "Relax" und "Slave to the Rhythm" prägte er den Klang der Achtziger, was eine neue Compilation eindrucksvoll dokumentiert.

Als die Liverpooler Rabaukenband mit dem gestelzten Namen Frankie Goes To Hollywood zum ersten Mal dem Produzenten Trevor Horn begegnete, bat sie ihn um einen Sound, der nach Kiss und Donna Summer klingen sollte - also nach Radau, Glamour und tanzbarer Ekstase. "Relax" hieß der halbfertige Song, den Holly Johnson und seine Gang mitgebracht hatten, und was Trevor Horn daraus machte, war eine Sensation, die im Jahr 1983 mit einiger Wucht in die britischen Charts knallte.

Horn hatte die schlichte, aber eingängige Melodie zur vollsynthetischen, bedrohlich, aber auch verlockend wummernden Mitwipp-Symphonie aufgebauscht. Dazu gab er der Band, die aussah wie die schmierigen britischen Working-Class-Stiefbrüder der Village People, ein neues Image als schillernde, unberechenbare Ruhestörer. Alles das zusammen ergab einen massiven Bestseller, der bis heute auf Platz sieben der meistverkauften britischen Hitsingles rangiert. Nebenher läutete Horn, mit etwas Verzögerung, die achtziger Jahre im Pop ein. Ein Jahrzehnt, das lange als grelle Geschmacksverirrung galt, mittlerweile voll rehabilitiert ist und dessen Sound kaum einer so prägte wie Trevor Horn.

Frische, tanzbare und aufgekratzte Musik

Dass er "die Achtziger erfunden" habe, ist in jeder zweiten Geschichte über ihn zu lesen, und ganz falsch ist das nicht. Als Beleg dient der neue Sampler "The Organisation of Pop" zum 30-jährigen Jubiläum von Horns Plattenfirma Zang Tuum Tumb, der Einfachheit halber stets als ZTT abgekürzt. Zu hören sind da neben Frankie Goes to Hollywood ("Relax", "Two Tribes", "The Power of Love"), Art Of Noise ("Moments In Love", "Close to the Edit") und den Düsseldorfer Elektro-Poppern Propaganda ("Dr. Mabuse", "Duel") auch Grace Jones ("Slave to the Rhythm"), Seal ("Kiss From A Rose") und Tom Jones ("If I Only Knew"). Für Connaisseure gibt es noch eine CD mit Raritäten dazu. Trevor Horn hätte damals auch einen kaputten Wecker zum globalen Sex-Symbol zaubern können - ihm gelang einfach alles, schrieb der britische Pop-Fachmann Bob Stanley mal.

Bekannt wurde der Brite als eine Hälfte des Synthie-Pop-Duos The Buggles ("Video Killed the Radio Star"). Später half er eine Weile bei den Prog-Rock-Rentnern von Yes aus ("Owner of a Lonely Heart"). Aber erst als Songwriter und Produzent hinter den Kulissen kam er richtig groß raus. Sein Lauf startete mit ABCs "The Lexicon of Love" und dem feinen, ziemlich vergessenen "The Dollar Album" von, nun ja, Dollar. Dass er im Verbund mit dem "NME"-Journalisten Paul Morley ein eigenes Label startete, war da nur konsequent. Morley, ein großmäuliger Star seiner Zunft, hatte nach dem Suizid von Joy-Division-Sänger Ian Curtis verkündet, dass es nun genug sei mit der schlechten Laune und an der Zeit für eine neue, frische, tanzbare und aufgekratzte Musik. "The New Pop" taufte er das, und ZTT lieferte den Soundtrack.

Nicht alles, was damals die Charts erbeben ließ, ist gut gealtert. Auch daran erinnert die neue CD. So klingen Frankie Goes to Hollywood heute leider nur noch wie ein bombastischer Irrtum. Aber da ist auch viel, was eine Wiederentdeckung lohnt: von Propaganda bis 808 State. Trevor Horn wurde vor drei Jahren für seine Verdienste um die britische Popmusik mit einem Orden ausgezeichnet. Zu Recht.


Diverse: The Organisation of Pop - 30 Years of Zang Tuum Tumb. Union Square Music/Soulfood; 18,98 Euro.

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