"The Rising" Springsteens Suche nach den letzten Dingen

Auf seinem neuen Album "The Rising" verarbeitet Bruce Springsteen pflichtschuldig die traumatischen Ereignisse vom 11. September und ruft zur allgemeinen Erlösung und Erbauung auf. Ironie des Schicksals: Wenn Amerika in einen neuen Krieg zieht, könnte ausgerechnet Springsteen der erste Gewinnler sein.

Von Arne Willander


Ikone Springsteen: Chronist des amerikanischen Alltags
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Ikone Springsteen: Chronist des amerikanischen Alltags

So wiederholt sich Geschichte doch, allerdings als Farce: 1984 reklamierte der damalige US-Präsident Ronald Reagan Springsteens bitteres Heimatbekenntnis "Born In The U.S.A." für seinen Feldzug gegen das Reich des Bösen. Springsteen - der sich nicht genau daran erinnern kann, ob er je an einer Präsidentschaftswahl teilgenommen hat - schwieg, ging auf eine lange Tournee und veröffentlichte 1987 "Tunnel Of Love", einen Reigen introspektiver Lieder über die Liebe.

Ein paar Jahre später löste er seine E Street Band offiziell auf, zog mit Frau und Kind nach Los Angeles, brachte erst zwei missglückte Rock-Alben, dann einen kargen, düsteren Song-Zyklus über Amerikas Schattenseite heraus. "The Ghost Of Tom Joad" rekurrierte auf John Steinbecks "Früchte des Zorns", doch Springsteen ging es um den Film von John Ford. Die Tänze in dessen großen Filmen seien im Laufe der Jahre immer trauriger geworden, sagte Springsteen in einer seiner seltenen Erklärungen. Und so wurde aus Bruce ein später John Wayne.

Springsteen-CD "The Rising": Dienst am Publikum

Springsteen-CD "The Rising": Dienst am Publikum

Nun ist "The Rising" erschienen, eine spirituelle, bewegende, beinahe religiöse Arbeit an der Seele der Nation nach dem 11. September des letzten Jahres, die einzige bedeutende Äußerung eines Musikers zu dem Fanal von New York. Neil Young war mit dem dümmlich-revanchistischen "Let's Roll" gescheitert, Paul McCartneys schnell hingeworfenes "Freedom" war nicht der Rede wert.

Springsteens Suche nach den letzten Dingen ist dagegen eine in der Rockmusik einzigartige Leistung, die nach Skepsis in ersten Rezensionen allenthalben gefeiert wird: "Reborn in the U.S.A." titelt "Time", im "Rolling Stone" erhält das Album die höchstmögliche Wertung, "Bild" begeistert sich für "bärenstarke Songs zum 11. September (mit deutscher Textbeilage)" und fragt: "Kann man mit Liedern den Terror besiegen?"

Man kann leider mit ihnen in den Krieg ziehen - ob gegen den Terror oder den Irak. Die Platte ist seit einer Woche in den Läden, George W. Bush wird darauf aufmerksam gemacht worden sein. Morgen wird "The Rising" Platz eins der deutschen Charts einnehmen, in den USA dürfte das Album eine Weile dort platziert sein. Dass jemand dieses Sujet in den Griff bekommen könnte, glaubte trotz der Ankündigung, der Chronist des amerikanischen Alltags befasse sich mit dem Trauma, niemand ernsthaft. Doch Springsteens Ethos und seine Begabung wurden unterschätzt.

Rock-Sänger Springsteen (mit Steve Van Zandt): Arbeit an der Seele der Nation
REUTERS

Rock-Sänger Springsteen (mit Steve Van Zandt): Arbeit an der Seele der Nation

Schon immer begriff er seine Musik als Dienst am Publikum, seine Arbeit als Pflicht, seine Konzerte als charismatische Veranstaltungen. Vom atemlosen, überbordenden Erzähler seiner ersten Platten wandelte er sich mit "Born To Run" (1975) zum messianischen Visionär und motorisierten Romantiker, dessen gebrochene Helden in alten Autos und auf Feuerstühlen in die Nacht fuhren, einem besseren Leben entgegen. Suche und Ausbruch waren Springsteens Themen, die er auf "Darkness On the Edge Of Town" (1978) und "The River" (1980) meisterlich fortschrieb, freilich manchmal auch aufs Klischee reduzierte.

Die lakonische, finstere Kassettenaufnahme "Nebraska", die Springsteen allein mit Gitarre und Mundharmonika instrumentiert hatte, berichtet von Mördern in der Todeszelle, kleinen Gaunern und beschädigten Leben, auf Highways und an Raststätten erfüllen sich die Schicksale. Ein Dokument des Niedergangs wie auch der Song "My Hometown" auf "Born In The U.S.A." und der Titelsong, der Reagan so gut gefiel: Ein Vietnam-Veteran irrt durch seine Heimat, kann keine Arbeit und keinen Frieden finden und resigniert: "Nowhere to run, nowhere to go." In Konzerten spielt Springsteen den ehemals hymnischen Song mittlerweile als verschleppten, verzerrten Blues und gibt ihm damit seine Bedeutung zurück.

Die Lieder von "The Rising" sind voller Metaphern aus dem Gospel und der Soul-Musik, sie sind Americana reinsten Wassers, Andachten und Tröstungen. Rührender als in "America The Beautiful" oder "This Land Is Your Land" ruft Springsteen zur Erhebung, zur Erbauung im eigentlichen Sinn: "Come on rise up, come on rise up", wiederholt er in "My City Of Ruins", dem Schlusschoral, immer wieder. In kontemplativen Stücken wie "Nothing Man", "Empty Sky", "You're Missing" und "Paradise" entwirft er bedrängend metaphysische Bilder, indem er die einzelne Existenz mit Übersinnlichem konfrontiert.

Der Katholik Springsteen, kein Frömmler, stand einige Tage nach dem 11. September mit vielen fassungslosen Menschen in einer Kapelle in New Jersey. Von einem Hügel seines Anwesens aus konnte er früher die Türme des World Trade Center sehen. Es ist dieser Blick des Staunens, den er in "The Rising" mit uns teilt: "The sky's still the same unbelievable blue."



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