Popstar The Weeknd beim Super Bowl Quälgeist mit Köpfchen

Diesmal wird’s düster: Beim Super-Bowl-Auftritt von The Weeknd darf man den Höhepunkt eines faszinierenden Horrorfilms erwarten, den der kanadische Popstar über das Lockdown-Jahr hinweg inszenierte.
The Weeknd bei den American Music Awards im November: Der »Joker« trifft den »Unsichtbaren«

The Weeknd bei den American Music Awards im November: Der »Joker« trifft den »Unsichtbaren«

Foto: AMA2020 / Getty Images

Etwas Besseres als die Coronakrise konnte einem Künstler wie The Weeknd gar nicht passieren. Seit er vor rund acht Jahren mit der Mixtape-Compilation »The Trilogy« seinen Durchbruch erlebte, spielt der Sänger ein Versteckspiel mit den Medien, das an Pop-Enigmen wie Prince erinnert. Interviews gibt der 1990 in Toronto geborene Abel Tesfaye nur äußerst selten, eigentlich ist es ein Wunder, dass man seinen bürgerlichen Namen überhaupt kennt.

Zu Beginn seiner Karriere wusste man lange nicht, wie der Afrokanadier aussieht, geschweige denn, ob der misanthropische, oft sexistische, allzu oft »Motherfucker« sagende Protagonist seiner Songs eine reine Kunstfigur ist oder etwas mit dem realen Tesfaye zu tun hat. In Wahrheit weiß man es heute immer noch nicht. Das Wortspiel »The Weeknd« lässt sich, klar, als »Wochenende« lesen, besser aber als »The Weakened«, also »der Geschwächte«.

Trotzdem, oder gerade wegen dieser Derangiertheit, wurde The Weeknd zu einem Popphänomen. Hits wie »I Can’t Feel My Face« oder »Earned It« vom Soundtrack des SM-Erotikfilms »Fifty Shades of Grey« machten ihn Mitte des vergangenen Jahrzehnts zu einem der wohl ungewöhnlichsten Mainstreamstars der USA. Seine Alben, obwohl von einer stringenten Düsternis und Abgründigkeit durchzogen, einer Art Emo-Soul, verkaufen sich millionenfach.

2020 erlebte Tesfaye sein bisher erfolgreichstes Jahr: Vor seiner im Radio allgegenwärtigen Single »Blinding Lights« gab es kein Entkommen, das zugehörige Album »After Hours«, melodisch-melancholischer Pop mit vielen markanten Achtzigerjahre-Einflüssen, fand sich in zahlreichen Kritiker-Bestenlisten und war allein in den USA die am viertbesten verkaufte Platte.

Musiker The Weeknd bei einer NFL-Pressekonferenz am 4. Februar: Popstar der Stunde

Musiker The Weeknd bei einer NFL-Pressekonferenz am 4. Februar: Popstar der Stunde

Foto: Kevin Mazur / Getty Images

Folgerichtig wurde The Weeknd als Popstar der Stunde für den Football-Super-Bowl gebucht. Die Halbzeit-Performance des NFL-Finales ist der Ritterschlag für jeden Pop- oder Rockkünstler, mehr mediale Präsenz, mehr Spektakel, mehr nationale Bühne geht kaum. Michael Jackson, Prince und Beyoncé hatten triumphale Auftritte, auch U2 und die Red Hot Chili Peppers wurden bejubelt. Nur: Das ganz große Livepublikum im Stadion der Tampa Bay Buccaneers in Florida wird an diesem Sonntag fehlen, Corona-bedingt. Nur 20.000 Zuschauer sind in der Arena mit einer Kapazität von rund 66.000 zugelassen. Es ist die ideale Schicksalsfügung für den öffentlichkeitsscheuen Tesfaye und seine Lust an der Selbstmystifizierung.

Vor seiner Show zeigte sich The Weeknd fast schon zutraulich und gab einigen US-Medien kurze Interviews. Aber auch hier spielen ihm die Pandemiebedingungen in die Hände: Zoom-Gespräche sind weniger direkt als reale. Am liebsten, so die deutsche Plattenfirma nach einer Anfrage des SPIEGEL, sei ihm ein Interview per E-Mail. Natürlich.

Ebenso selbstverständlich verriet Tesfaye auch den US-Medien nicht, was den Zuschauer am Sonntag erwartet. Man erfuhr: Der Musiker wird nicht nur die zentrale Bühne, sondern das gesamte leere Stadion bespielen, also auch die Ränge. Als seine Lieblings-Halftime-Show nannte Tesfaye den Auftritt von Diana Ross 1996 in Tempe, Arizona, als sich die Souldiva mit einem Helikopter ins Stadion einfliegen ließ. In jedem Fall soll die Weeknd-Gala in Tampa Elemente aus seiner zum »After Hours«-Album gehörenden Allround-Inszenierung beinhalten und fortführen, wenn auch vielleicht nicht ganz so drastisch wie in der Reihe von grandios verstörenden Videoclips, die er über das letzte Jahr hinweg veröffentlicht hatte.

Eine rauschhafte, blutige Nacht in Las Vegas

Alles begann noch ganz harmlos im Dezember 2019 mit dem Video zur ersten Single »Heartless«. Tesfayes Weeknd-Figur, immer schon schwankend zwischen Exzess, Drogendelirium und narzisstischem Selbstmitleid, erlebt darin eine rauschhafte Nacht in Las Vegas: Glitzer, Glamour, das gute Leben. Aber am Ende kotzt er in einer Seitengasse auf die Straße. Seinen Auftritt bei Late-Night-Talker Stephen Colbert absolvierte Tesfaye dann wenig später lieber im Kellerlabyrinth des Studios statt auf der Bühne. Im Januar tritt er dann erstmals mit blutunterlaufenen Augen und einem Pflaster über der Nase bei Jimmy Kimmel auf – analog zu den weiteren Erlebnissen seines Charakters im Fortsetzungsclip »Blinding Lights«.

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Die Filme, farbsatt und schattenreich wie Thriller von Martin Scorsese oder Abel Ferrara, die sich Tesfaye zusammen mit seiner kanadischen Plattenfirma XO Records ausdachte, sind harter Stoff. Sie erinnern an die Psychodramen von Bret Easton Ellis, aber auch an absurden Horrorklamauk wie »American Werewolf« und Michael Jacksons Zombie-Revue »Thriller«, sie sind so surreal wie brutal. Zusammen bilden sie eine Musikvideo-Miniserie mit insgesamt acht Episoden, die fast alle Akte des Album-Höllentrips »After Hours« illustriert. Ganz großes Popkino.

In »In Your Eyes« wird The Weeknd, der fallende, offenbar von bösen Geistern besessene Popstar, dann buchstäblich enthauptet (von einer Frau mit einer Axt), und in »Too Late« knutscht er mit zwei frisch schönheitsoperierten Models, die aussehen, als hätten sie gerade einen schlimmen Autounfall erlebt, im Pool einer Luxusvilla herum – als abgetrenntes, blutig geschlagenes Köpfchen.

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Seinen Höhepunkt fand dieser Horrortrip schließlich im November 2020, als Tesfaye bei den American Music Awards in seinem inzwischen zum Markenzeichen gewordenen roten Jackett ebenfalls mit komplett bandagierter Visage auftrat, wie eine Mischung aus dem irren Batman-Schurken »Joker« und dem »Unsichtbaren« aus klassischen Hollywood-Gruselschockern.

Aber damit war die Geisterbahn noch längst nicht am Ziel. In »Save Your Tears«, Anfang Januar veröffentlicht, waren die Mullbinden ab, die Metamorphose schien vollendet: Tesfaye sah im Gesicht jetzt fast so grotesk gestrafft und aufgepolstert aus wie die notorisch als Opfer der plastischen Chirurgie bemühte »Katzenfrau« Jocelyn Wildenstein. Ein Aufschrei ging durch die sozialen Medien, als er sein neues Antlitz auf Instagram postete: Hat er das jetzt wirklich getan!?

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Hat er nicht.

Das Ganze sei als Reflexion der »absurden Kultur« von Hollywood-Celebrities zu verstehen, sagte Tesfaye Anfang vergangener Woche dem Branchenmagazin »Variety«. Es gehe um Menschen, die sich selbst aus oberflächlichen Gründen manipulieren, um anderen zu gefallen und dadurch Bestätigung zu erfahren. Auf die Frage, warum er sich in der Öffentlichkeit mutwillig derart entstellt präsentiert habe, sagte er: »Ich nehme an, Sie könnten daraus ableiten, dass attraktiv zu sein für mich nicht wichtig ist, ein fesselndes Narrativ aber sehr wohl.«

Was auch immer in dieser jetzt schon außergewöhnlichen Halbzeit-Show in diesen seltsamen Zeiten geschehen wird: Abel Tesfaye und sein Quälgeist The Weeknd versprechen auch aus sicherer Distanz einen hinreichenden Gänsehauteffekt.