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Thees Uhlmann: "Rock'n'Roll ist tot"

Foto: Lisa Ducret/ DPA

Ein Abend mit Thees Uhlmann "In der dunklen Zeit, mit der bösen Platte"

Thees Uhlmann hat fünf Jahre nicht gesungen - und sein alter Freund Mike Glindmeier wusste nicht, was eigentlich mit ihm los ist. Jetzt haben sich die beiden endlich wiedergesehen. Ein Protokoll.

Thees Uhlmann und ich sind seit über 15 Jahren befreundet. Wir waren beide für das St.-Pauli-Fanmagazin "Der Übersteiger" aktiv. Thees lieferte überragende Geschichten, während ich versuchte, seine Kolumne in Sachen Orthografie und Interpunktion irgendwie lesbar zu machen. Wenn man so will, war ich sein erster Lektor. Nebenbei machte er damals noch recht erfolglos, aber trotzdem in Vollzeit, Musik mit seiner Band Tomte.

Dann ging Thees nach Berlin. Der Kontakt zwischen uns wurde weniger, brach aber nie ab. Bis vor drei Jahren. Nach seinem gelungenen Romandebüt ("Sophia, der Tod und ich", 140.000 verkaufte Exemplare) wartete ich sehnsüchtig auf ein neues Album. Für mich war er immer noch mehr Musiker als Autor, da muss doch bald wieder was kommen! Es seien schon die ersten Songs fertig, erzählte er mir am Telefon. Dann hörte ich Monate nichts mehr von ihm. Ich schrieb ihm schließlich eine WhatsApp-Nachricht, dass ich mir langsam Sorgen mache. "Bin im Supermarkt, rufe dich nachher zurück", kam als Antwort.

Ein knappes Jahr später rief Thees dann an. "Tut mir leid", sagte er, "ist nicht leicht gerade." Dann wieder zwei Jahre lang: nichts.

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Am vergangenen Dienstag trafen wir uns in der Altbauwohnung seines Managers in der Sternschanze, Blick aufs Millerntor-Stadion. In drei Tagen würde sein achtes Album erscheinen, fünf hat er mit Tomte gemacht, zwei brachte er als Solist unter seinem eigenen Namen heraus. Das letzte, "#2" , erschien 2013. Fast genauso lange ist es her, dass wir wie Freunde geredet haben. Heute will ich Antworten auf ein paar Fragen, kein Interview. Es gibt Dosenbier und Whisky aus Schnapsgläsern.

Warum er fünf Jahre nicht gesungen hat, will ich wissen. So hat er auch die erste Single von seinem neuen Album genannt: "Fünf Jahre nicht gesungen." "Die zwei Jahre, nachdem mein Buch draußen war, waren eine Katastrophe. Ich brauche immer Zeit, wenn ich Kultur gemacht habe", sagt er, grinst über seinen Witz und macht sich eine Dose Bier auf. "Ich wollte schnell wieder mit der Musik anfangen, aber das hat überhaupt nichts gebracht. Ich habe Texte geschrieben, als wäre ich 28. Da war überhaupt nichts drin, was mich oder mein Seelenleben repräsentiert hat. Dann habe ich den ganzen Scheiß abgebrochen."

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Das wusste ich schon. Mich interessiert, warum ein Musiker plötzlich keine Musik mehr gemacht hat. Machen konnte. Hatte er den Fokus verloren, weil aus dem Songwriter ein Schriftsteller geworden war? Oder war es doch eine Midlife-Crisis? Thees ist im April 45 geworden. Er winkt ab, steckt sich eine Zigarette an: "Das mit meinem damaligen Produzenten Tobias Kuhn ist irgendwie implodiert. Gemerkt habe ich das an einem Abend, als ich in der Küche saß, Bier getrunken und auf die Nachricht gewartet hab, wie geil der Song ist, den ich ihm geschickt hatte. Aber da kam nichts. Tobias hat dann ein paar Tage später gesagt: 'Ey Thees, wir machen jetzt mal 'n Break und fangen dann ganz von vorn an.' Das hat dann aber noch einige Zeit gedauert, bis ich das eingesehen habe."

Sein Handy klingelt, im Display steht "Mama". Thees meldet sich kurz: "Bin grad im Interview", wechselt ein paar warme Worte und legt wieder auf. Ich bohre nach. In "Fünf Jahre nicht gesungen" klingt es so, als hätte dir in der schwierigen Zeit keiner geholfen. Ich habe mich das damals auch gefragt, ob ich irgendwas tun kann. Habe ich als Freund versagt? Thees schweigt. Eine Minute. Zwei. Dann bläst er den Rauch seiner Zigarette unter die Zimmerdecke. "Es gibt in solchen Situationen keine Hilfe", sagt er mit Vehemenz, als wolle er mich von meinen Selbstzweifeln befreien. "In der dunklen Zeit, mit der bösen Platte, konnte mir keiner helfen."

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Thees Uhlmann: "Rock'n'Roll ist tot"

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Ich bin erleichtert und traurig zugleich. Sollten Freunde nicht genau in solchen Zeiten füreinander da sein? "Um mich muss man sich keine Sorgen machen", erklärt er. "Ich bin seit fünf Jahren einfach ein zorniger, konstant nachdenkender, Angst habender und alles verfluchender Mensch. Und bei der Platte, die es nicht gibt, da habe ich kein Gefühl zugelassen." Er habe dann acht oder neun Songs einfach weggeworfen, sagt er und fängt an zu kichern wie ein kleiner Junge.

Okay, erwidere ich, das geht sicher jedem Künstler mal so in seiner Karriere. Aber irgendwas sitzt doch tiefer? "In Wahrheit bin ich einfach verdammt einsam in Berlin. Ich bin da quasi isoliert", sagt Thees. Sein Blick geht ins Leere. Am liebsten würde ich ihn jetzt in den Arm nehmen. Aber irgendwas in mir sagt, dass mir das in dem Augenblick nicht zusteht. Thees will kein Mitleid. Er will Anerkennung. Wie jeder Künstler.

Mittlerweile können wir vor Rauch kaum noch unsere Gesichter über dem Wohnzimmertisch sehen. Die Stimmung ist bedrückt, bis Thees anfängt, eine Anekdote zu erzählen, als würde er vor 1200 Fans in der Großen Freiheit performen.

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Uhlmann, Thees

Thees Uhlmann über Die Toten Hosen (KiWi Musikbibliothek, Band 1)

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"Einer dieser Songs, die ich weggeschmissen habe, hieß 'Der Müller singt'. Das war so Pink-Floyd-Lyrik auf Deutsch: Ein verrückter Müller kümmert sich liebevoll um seine Mühle. Den hab ich einer Freundin vorgespielt, und die hat gesagt: 'Thees, das ist der letzte Scheiß. Das ist wirklich grausam, das zu hören.' Das war der Cut. Ich habe mir einen neuen Produzenten gesucht und wieder bei null angefangen", sagt Thees und zündet sich die nächste Zigarette an. "Es war ein ganz schön anstrengender Ritt, aber ich hatte wieder das Gefühl zu wissen, was ich mache."

Die Platte sei ja viel weniger rockig als seine früheren Alben, werfe ich ein. Die Antwort kommt mit der Wucht eines Federer-Returns: "Rockmusik ist tot, die Leute interessieren sich eher für Entertainment, als für Rock'n'Roll. Als ich das erkannt habe, war eh alles egal."

Und genauso klingen auch einige der Texte des neuen Albums, das musikalisch deutlich weniger wuchtig ist, als Thees' erste beiden Alben "1" und "2". Dafür sind die Texte von Songs wie "Junkies und Scientologen" oder "Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hip-Hop-Videodrehs nach Hause fährt" deutlich abgedrehter und damit weit vom Mainstream entfernt.

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Auch unser Abend dreht langsam ab, was auch am Bier liegen dürfte. Nach einem kurzen Abstecher ins Thema "Beziehungsunfähigkeit" und einer leidenschaftlichen Diskussion, ob "Tom und Jerry" zu brutal für ein vierjähriges Kind sind ("Überhaupt nicht!") will ich von Thees wissen, ob er als Nächstes eine Platte mit seinem Freund Marcus Wiebusch aufnimmt. Der Kettcar-Sänger hat gerade eine Schaffenspause samt Abschiedstournee angekündigt. Vor 17 Jahren hat Thees zusammen mit Wiebusch und dem Kettcar-Kollegen Reimer Bustorff das Plattenlabel Grand Hotel van Cleef gegründet, auf dem bis heute seine Alben erscheinen. Es ist so etwas wie eine Familie.

"Oh Gott", sagt Thees, schlägt die Hände vorm Kopf zusammen und erzählt schnell eine Geschichte, wie er neulich mal Heike Makatsch getroffen hat. "Lenk nicht ab Uhl", bestehe ich mit mittlerweile schwerer Zunge auf eine Antwort. "Ganz ehrlich", sagt er, "mein größter Traum: Drei Akustikgitarren, und dann mit Wiebusch und Olli Schulz auf die Bühne. Vielleicht ist in fünf Jahren Platz für so was. Lustig wäre es."

Dann verlassen wir die Wohnung und laufen in Richtung Hotel. Wie es ihm jetzt geht, will ich noch wissen, und ob ich es mit meiner Küchenpsychologie in den vergangenen Stunden vielleicht übertrieben habe. "Mein Lieber, ich bin Derbysieger, und meine neue Platte ist fertig. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt."

Auf dem Weg liegt das Jolly Roger. Die Fankneipe des FC St. Pauli hat noch geöffnet. "Ein Bier können wir noch", sagt Thees und zieht mich rein.