Till Brönner Narziss mit goldenem Mundstück

Der Berliner Trompeter Till Brönner hat ein Chet-Baker-Album eingespielt und sich eingeschlichen in die Ikonografie des alten, immergrünen Cool- und West-Coast-Jazz. Zum Nachprüfen gibt SPIEGEL ONLINE zehn Alben ab.

Von Michael Pilz


Hörprobe "Everything Happens To Me"


Der Narziss...
FOTO: JIM RAKETE

Der Narziss...

Zunächst die Bilder. Es sind sehr schöne Bilder in dem kleinen Albumheft zur neuen Platte von Till Brönner. Wie er entrückt auf seine Stürze starrt. Wie ihm die dunkle, zarte Frau die Arme um die Schultern schlingt und ihre Stirn auf die gegeelten Haare legt. Und dass Till Brönner auch im Jeansanzug mit Westernstiefeln noch Till Brönner ist. Nur dieser Mann auf Seite vier, das ist er nicht. Das ist sein Held als junger Mann: Chet Baker mit Trompete, Schlips und Tolle. Denn das Album "Chattin with Chet" ist eine Hommage und ein Bekenntnis zum Idol. "You know, I'm with you Chet", singt Brönner nun und bläst dazu sein sanftes Blech. Ikonen kehren als Klischees zurück.

Musik müsse man sehen, um sie verstehen zu können, hat Igor Strawinsky gesagt. Der Jazz ist schwarz und weiß, und William Claxton, der Chet-Baker-Fotograf, sagt, Jazz sei auch die Kunst des Augenblicks. Und Fotos seien Jazz fürs Auge. Das Baker-Bookletbild stammt auch von ihm. Dieser Narziss mit goldenem Mundstück. Claxton hat den Cool Jazz Kaliforniens illustriert. Da war der Jazz noch Popmusik, jetzt ist der Jazz, der nichts als schön sein will, ein Lifestyle-Ding, der Soundtrack zur Gediegenheit. Daran ist auch Will Claxton mit den Bildern schuld.

...und sein Goldstück
VERVE

...und sein Goldstück

Der Lichtkünstler, der Brönner inszeniert und Claxton plagiiert, heißt Jim Rakete. Der hat aus Nena schon die deutsche Cindy Lauper machen wollen. Jetzt soll Till Brönner Chesney Henry Baker sein, auch wenn er doch ganz anders ist. Als Baker 28 war wie Brönner jetzt, sah er wie 56 aus. Er hat sich selbst zerstört mit allem, was zu rauchen und zu spritzen war. Das macht auch die Musik so tragisch und gebrochen. Bevor Chet Baker '88 aus dem Fenster fiel, saß er zum letzten Mal in Holland auf der Bühne. Die greise Squaw des alten Jazz.

Till Brönner ist ein netter Mensch. Maßvoll, gelassen und heiter. Wer ihn als Yuppie denunziert, dem sagt er nur: "Das schickt sich nicht". So ist der Till, sein Charme, der Stil und seine technische Brillanz; sein Strahlen ist dem deutschen Jazz zu hell. Der Schatten, den er wirft, erscheint der Jazzkritik zu groß. Die neue Platte gräbt der Szene tiefe Falten in die Stirn. Dieser Beweis der Hybris, die Lässigkeit im Spiel mit den Ikonen, die ganze Frechheit, Chet im Claxton-Stil zu sein. Das ist doch Pop. Du lieber Himmel.

Dass einer Jazz nostalgisch treibt, dass er steriler, aber besser als sein Vorbild bläst und dass er im Geschichtsbewusstsein Schnulzen spielt, das ist das Marsalis-Syndrom, das viele Kritiker jetzt heilen wollen. Der deutsche Jazz will gerne akademisch sein. Er reibt sich auf im Klagen um Finanzverlust aus öffentlicher Hand. Der Feind hat einen Verve-Vertrag, ist jeder Avantgarde abhold, liebt Big-Band-Jazz und das Berlin der Zwanziger. Nennt seine Alben "Love" und "German Songs", fährt häufig nach Amerika und nimmt mit Hilde Knef und Manfred Krug noch Platten für die Masse auf.

Und nun auch "Chattin With Chet". "Chattin with Chet schaut nicht nach hinten", schreibt Till Brönner in sein Heft, "sondern will eher in die Zukunft blicken, die bekanntlicherweise selbst bestimmt, ob und wann Millionen von Computern abzustürzen haben." Das ist ein schöner Jahr-2000-Satz. Zukunft. Millionen. Computer. Auch das hört unser Jazz nicht gern, wenn einer Melodien für Millionen bläst, sie am Computer aufpoliert und etwas für die Zukunft tut.

Auf diese Art hat Brönner jetzt die Klassiker verwandelt: Der Jazz, der früher schon in Kneipen, Lounges, neben Betten lief, kehrt aktuell designt dorthin zurück. Ein DJ mischt Cole Porters "Ev'ry Time We Say Goodbye" die Bläser von der Platte bei, ein Rapper rappt, in "You Don't Know What Love Is" wird im Hintergrund ganz leis gescratcht. Till Brönner säuselt mehr, als dass er singt. Und er tut gut daran. Er programmiert auch Beats, sein Pianist Frank Chastenier spielt auf dem Fender-Rhodes-E-Klavier. Es ist das Klare, Einfache, das Charlie Parker an Chet Baker fand. Nur das Dekor ist neu. Damit es wieder zu den Orten passt, zu denen dieser Jazz gehört.

Was jetzt noch kommen muss, ist klar. Till Brönner wird den Soundtrack schreiben zum Film "Listen With Your Eyes". Der wird von William Claxton handeln. Vom Jazz fürs Auge. Und noch ein Bild zu guter Letzt, im Plattenbeiheft, Seite 15. Mit der Frau an der einen Hand und der Trompete in der anderen, schlendert Till Brönner im Morgengrauen über Berliner Kopfsteinpflaster. Kein schlechtes Bild für deutschen Jazz.

Sehen und hören wie lifestylig Till Bröner jetzt aussieht, singt und klingt - Senden Sie bis spätestens Freitag, 07.April (12.00 Uhr) eine Mail an spiegel_online@spiegel.de. SPIEGEL ONLINE verlost zehn von ihm handsignierte Jim-Rakete-Fotografien zusammen mit zehn Alben "Chattin with Chet".

Till Brönner: Chattin With Chet (Verve/Universal)



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