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Tina Turner: Ihr Leben als Musical

Foto: Christian Charisius/ dpa

Tina Turner in Hamburg Der Besuch der alten Röhre

Rocklegende Tina Turner stellt in Hamburg ein Musical über ihr Leben vor - und zelebriert ihre Auferstehung.

Es war zu befürchten, dass eine Greisin auf die Bühne tippeln würde, am Stock vielleicht oder von Helfern gestützt. Oder dass der Vorhang aufginge, und da sitzt sie schon. So macht man das im Showgeschäft, um zu verheimlichen, wieviel Mühe dem gebrechlich gewordenen Star im Alter das Gehen bereitet.

Die Rocksängerin Tina Turner, 78, hat in jüngster Zeit so viel durchlitten, dass es für mehrere Menschenleben ausreichte. Im Juli brachte sich ihr Sohn um. In den vergangenen fünf Jahren hatte sie einen Schlaganfall, Darmkrebs und hing an der Dialyse. Ihr Mann, der deutsche Musikmanager Erwin Bach, spendete ihr eine Niere. Das alles weiß man, weil es in ihrer Autobiografie steht, die vorige Woche erschienen ist. Als zwei Journalistinnen der "Zeit" sie dazu interviewten, in ihrer Villa bei Zürich, hatte Turner sich gerade bei einem Sturz das Becken gebrochen, und das doppelt.

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Tina Turner: Ihr Leben als Musical

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Wer das nicht mitbekommen hat, würde es nicht erahnen, als sie an diesem Dienstagabend im Mojo Club auf der Hamburger Reeperbahn "Tina" bewirbt, ein Musical über ihr Leben. Mit federndem Gang betritt sie die Bühne. Turner wippt im Takt der Musik. Sie trägt eine Art Hausanzug, samten und dunkel, dazu Schnürstiefel und eine der gemäßigteren ihrer berühmten Perücken. Sie verbeugt sich. Strahlt. Entweder geht es ihr tatsächlich besser oder sie ist halt eine begnadete Schauspielerin und Zähnezusammenbeißerin.

Glücklich zu wirken, ohne es zu sein, hat sie sich früh antrainiert. Auf der Bühne lächeln, egal was backstage vorgefallen war. Lächeln, auch wenn Ike Turner sie mal wieder geschlagen und missbraucht hatte. Ihr erster Ehemann. Ihr Entdecker. Der aus Anna Mae Bullock, geboren in Nutbush, Tennessee, Tina Turner machte. 1976, nach 14 Jahren Beziehung, verließ sie ihn.

Die ältesten Tricks des Unterhaltungsgewerbes

Der Abend in Hamburg wird zu Turners Ich-bin-noch-am-Leben-Auftritt. Was für eine Wahnsinnsdramaturgie: Erst mit den Memoiren die gesundheitliche Tragödie der vergangenen Jahre öffentlich machen - um dann mit der Musical-PR die Auferstehung zelebrieren.

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Turner bedient sich der ältesten Tricks des Unterhaltungsgewerbes, und sie wirken. Trick eins: Sie schmeichelt den Hamburgern damit, wie beeindruckt sie von ihrer Stadt sei. 2009 habe sie das letzte Mal in Hamburg auf der Bühne gestanden, erzählt Turner, es war ihre Abschiedstournee. Damals habe sie von der Stadt nur das Hotel Kempinski mitbekommen. "Heute habe ich den Hafen gesehen, die großen Schiffe. Ich habe zu meinem Mann gesagt: Die machen mir Angst." Trick zwei: mit dem eigenen Alter kokettieren. "Nächstes Jahre werde ich 80." Anerkennendes "Oooaaah" aus dem Publikum, Applaus.

Nicht alle Rocklegenden altern gleich gut. Mick Jagger spielt mit 75 noch den jungen Wilden und wirkt dabei nicht peinlich. Phil Collins wiederum kann nicht einmal mehr die Trommelstöcke halten. Im ZDF lief neulich eine '68er-Show, in der Thomas Gottschalk an die Popmusik der Zeit erinnerte. Soweit sie es noch auf die Bühne schafften, waren die Stars von einst dabei: Der Barde Donovan ("Atlantis") sieht inzwischen aus wie die Großmutter von Rainer Langhans; die Stimme von Folksängerin Melanie ("Ruby Tuesday") klingt ziemlich verbeult, aber sie sang mit herzerwärmender Inbrunst.

"Wir singen zusammen" - oder auch nicht

Tina Turner singt am Dienstagabend in Hamburg nicht. Sie täuscht es nur an. Neben ihr auf der Bühne steht Kristina Love, 29, die ab März im hiesigen Operettenhaus Tina Turner sein wird. In London läuft das Musical "Tina" schon seit einem halben Jahr, eine Produktion von Stage Entertainment, nun kommt es auch in die Stadt, die sich als "deutsche Musical-Hauptstadt" sieht.

"Wir singen zusammen", sagt die echte Tina Turner zu der falschen und streckt die Zunge raus, als habe sie einen Streich im Sinn. Die Band spielt die ersten Töne von "Proud Mary", ihrem Hit von 1970. Turner stützt die linke Hand in die Hüfte. Sie schwenkt den rechten Arm, schnippt mit den Fingern. Kurz vor ihrem Einsatz verlässt sie die Szenerie und setzt sich ins Publikum, die Bühne gehört nun ihrer Darstellerin.

Die beiden haben das alles am Nachmittag geprobt, die Königin macht Platz für die Nachfolgerin, das soll die Geste bedeuten. Man weiß nicht genau, wen es mehr schützen soll, dass Turner nicht singt. Sie selbst vor jenen, die bemängeln würden, dass die Stimme auch nicht mehr so sei wie früher. Oder Love davor, direkt mit Turner verglichen zu werden.

Es ist nicht schwer, sich in Tina Turner zu verwandeln, zumindest äußerlich. Doppelgängerinnen tun das Abend für Abend weltweit, in Klubs oder schäbigen Hotelbars. Sie setzen eine Art Wischmopp auf und tragen den kürzestmöglichen Rock. Love ist eine fabelhafte Sängerin, aber natürlich stiehlt das Original ihr an diesem Abend die Schau.

"Proud Mary" geht nahtlos über in "The Best". Tina zwei singt und zeigt bei "You are the best" auf Tina eins. Die sitzt im Sessel und strahlt. Wenig später ist sie wieder auf dem Weg Richtung Zürich, zurück in den Ruhestand.

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