Intime Konzerte mit Popstars Kommt Adele ins Büro und singt

Ein amerikanischer Radiosender lädt Stars wie Adele oder Virtuosen wie Jazzer Gary Burton ein, im Büro vor Angestellten zu spielen. Ganz ohne Schnickschnack. Das Format erobert die Netzwelt.

Adele Hampton/ NPR

Von Ralf Dombrowski


Bob Boilen muss den Redakteuren ganz schön auf die Nerven gegangen sein. Nachdem er 1988 beschlossen hatte, seinen Job bei einer TV-Firma aufzugeben, um in Zukunft Radio zu machen, stand er jeden Tag in Washington, D.C. an der Pforte des National Public Radio (NPR), dem Dachverband freier amerikanischer Rundfunksender.

Ein paar Erfahrungen brachte er mit, regionale Erfolge als Keyboarder der Psychedelic Wave Combo Tiny Desk Unit, einige Arbeiten als Komponist und Organisator am Theater, außerdem ein bisschen Ahnung vom Fernsehen. Schließlich ließ man ihn ein, übertrug ihm die Radio Show "All Things Considered" und wartete ab.

Boilen machte seine Sache gut und überzeugte die NPR bereits 1999, mit einer Newcomer-Show auch ins noch auf niedrigen Übertragungsraten dahindümpelnde, aber hoffnungsvolle Internet zu gehen.

Je schneller die Server schaufelten, desto besser entwickelte sich "All Songs Considered" zur nationalen Newcomer-Plattform. Boilen war nun nicht mehr der Quereinsteiger, sondern ein gut vernetzter Radiojournalist Und einer, der gerne auch mal Musiker einlud, um im Büro ein wenig Session zu spielen, weil es ihm auf die Nerven ging, dass gerade leisere Gigs in Bars häufig im Gebrabbel des Publikums untergingen.

Das war der Anfang der Tiny Desk Concerts, die seit 2008 Stars und Aufsteiger in die Räume von NPR Music in Washington holen. Das Publikum sind in der Regel Angestellte des Senders, mal nur ein paar Handvoll, mal bis zu 300. Und nicht unbedingt die Zielgruppe der jeweiligen Künstler.

"Ich mag es, unterschiedliche Menschen im Haus zusammenzubringen", erzählt Boilen. "Da gibt es Reporter, Leute aus der Produktion, der Personalabteilung, aus dem Postraum, die manchmal nur für 20 Minuten vorbeischauen und das Ganze gemeinsam genießen".

Gespielt wird im Eck vor Regalen mit sorgsam drapiertem Journalistenchaos aus Büchern, CDs, Vinyls, betreut von einem kleinen, in der Regel vierköpfigen Aufnahmeteam. Eine inszenierte Atmosphäre wie bei der Kaffeepause, als würden die Künstler zufällig bei der Probe belauscht - kein spürbares Extra-Licht, nur die allernötigste Verstärkung, damit die Balance der Klänge stimmt. Dafür guter Sound auf der Tonspur und Profis hinter der Kamera, die die Mini-Gigs festhalten: "Für die Musiker ist es eine echte Herausforderung, denn wir mikrofonieren die Stimmen nicht, es gibt auch kein Monitore. Sie müssen in den Raum singen, so wie es bei ihnen zu Hause sein könnte. Das sind viele nicht gewohnt".

Der Trick ist der Anschein des Privaten. Bei manchen ist der ohnehin schon zum Markenzeichen geworden: Da sitzt etwa Adele, ein wenig geschminkt und ein paar Wimpern angeklebt, darüber hinaus aber so natürlich wie nur möglich, und singt ohne den Pomp wuchtiger Arrangements. Bei anderen wirkt das Understatement auf andere Weise. Die Decemberists schnallen sich Gitarren um, greifen zur Fiddle und wirken wie fröhliche Straßenmusikanten, nicht wie ein Hallenact. Der Mandolinen-Meister Chris Thiele und Cellist Yo-Yo Ma bringen Modern Bluegrass mit Klassikunterstützung ins Büro, Jazzkoryphäen wie Vibrafonist Gary Burton oder Trompeter Christian Scott sind in ihrem Improvisationsdrang kaum zu bremsen.

Es gibt Pop mit Suzanne Vega, Paul Weller oder Daughter, Fado mit Camané, Flamenco mit Diego El Cigala, Hip-Hop mit Young Fathers, viel Americana und auch mal ein Streichquartett. Die Botschaft ist klar: Egal, was du magst, wir haben es schon und die Künstler spielen für dich, quasi privat, ohne Security am Backstage-Bereich, ohne die Allüren der großen Bühnen.

Das Publikum im Raum bleibt konsequent ausgeblendet, ist nur akustische Atmo und Stimulanz für die Künstler im Blick der Kamera. Die wiederum müssen zeigen, dass sie auch ohne technischen Schnickschnack gut sind und lassen sich nahezu ausnahmslos von der Stimmung im Office anstecken. Nur etwa eine Handvoll Konzerte soll bislang nicht geposted worden sein, weil die Musiker überfordert waren. Mehr als 300 Videos finden sich dafür beim YouTube-Kanal der Tiny Desk Concerts.

Und die werden inzwischen im Internet als Preziosen des Authentischen herumgereicht. Denn sie bedienen als Update der "Unplugged"-Idee gleich ein ganzes Bündel an Kulturbedürfnissen: Künstler hautnah und trotz virtueller Vermittlung so natürlich wie möglich, optisch und akustisch professionell besser aufbereitet als der Video-Podcast-Standard, stilistisch durchmischt, aber durch einige große Namen unterschiedlicher Sparten als Qualitätsprodukt eingeführt.

Die Tiny Desk Concerts werden damit zu digitalen Salons und öffnen die Ecke eines Büros in Richtung Welt. Sie sind von einer Idee zur Marke geworden, zu einem Sprungbrett für Talente, die sich über ihre Musik, nicht über Hochglanzpromotion bewähren. "Ich denke, diese Sessions sind einzigartig und sehr persönlich", meint Boilen, nach Zukunftsplänen gefragt. "Ich hoffe, sie in dieser Form weiterführen zu können". Die Chancen stehen gut.



insgesamt 23 Beiträge
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freddykrüger, 11.12.2015
1. Grrrrrrrrrr
Adele Terror bei SPON und kein Ende in sicht!!!
sullo 11.12.2015
2. Hausmusik
Früher nannte man das Hausmusik oder Kammermusik. Jetzt da alles in unserer Welt mehr und kehr virtuell wird zeigt sich das der Wunsch nach Autentizität dennoch nicht wegzubekommen ist. Das finde ich irgendwie beruhigend. Ziemlich schnell wird sich bei so einem Konzert die Spreu vom Wiezen trennen. Wer in der muffigen Akustik eines Büros dennoch begeistert, der beherrscht sein Instrument.
ancoats 11.12.2015
3. Ernsthaft jetzt
Wenn mich musikalisch mediokre Acts wie Adele dank meines Chefs auch noch ins Büro verfolgen würden, hätte ich anschließend eine substanziell lange Krankschreibung, dafür würde ich sorgen...
mwroer 11.12.2015
4.
Zitat von freddykrügerAdele Terror bei SPON und kein Ende in sicht!!!
Geheimtip: Nicht lesen wenn nicht interessiert.
xcountzerox 11.12.2015
5. danke
"Yo-Yo Ma, Edgar Meyer, Chris Thile And Stuart Duncan: NPR Music Tiny Desk Concert" fantastisch.
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