Tokio Ryuichi Sakamoto - der multiple Künstler

Japaner lieben Neuschwanstein. Japaner fotografieren immer und überall. Japaner sind technikbegeistert. Japaner sind ein Klischee unserer Vorurteile. Ryuichi Sakamoto ist Japaner. Ryuichi Sakamoto ist ein Avantgardist des Klischees. Er entspricht allen Vorurteilen und widerlegt diese gleichzeitig.

Von Hannes Höttl


Ryuichi Sakamoto

Ryuichi Sakamoto

Sakamoto ist Kultureuropäer, Pionier elektronischer Musik und leidenschaftlicher Hobbyfotograf. Er ist aber auch ein Mensch, der die Fäden der Vergangenheit aufnimmt, um daraus neue Stoffe zu weben. Diese Arbeitsweise liegt auch seinem neuen Klavieralbum "BTTB" zugrunde.

Der heute 47-Jährige wuchs im Nachkriegs-Tokio auf. Es hatte als eine Konsequenz des verlorenen Krieges einen Grad an Selbstverleugnung entwickelt, der auch das Kulturleben in arge Mitleidenschaft zog. So begann Sakamoto zwar schon im Alter von drei Jahren, Klavier zu lernen, doch die Musik, die ihn seine Jugend hindurch begleitete und künstlerisch formte, war ausschließlich europäischer Herkunft: Beethoven, Ravel oder auch Debussy.

Traditioneller japanischer Musik begegnete er das erste Mal während seines Klavier- und Kompositionsstudiums als ein Thema im Fach 'Ethnische Musikkulturen' an der Tokioter University Of Fine Arts And Music. So erklärt sich auch, dass mit "BTTB" (Back to the Basic) die europäische Klassik gemeint ist. Klassische Musik und Klavier gehören für Sakamoto untrennbar zusammen.

Nach seinem Studium verlagerte er seinen Arbeitsschwerpunkt, weg vom Klavier, weg von der Basis, hin zum Synthesizer. 1978, seine musikalische Ausbildung und die sprichwörtliche japanische Technikbegeisterung bewirkten bei Sakamoto einen Synergieeffekt, und heraus kam das 'Yellow Magic Orchestra' (YMO). Innerhalb dieser Formation entwickelte Sakamoto eine Art von elektronischem Pop, mit dem er großen Einfluss auf die Entwicklung der Popmusik nahm.

Sakamoto schrieb für den Film "Merry Christmas Mr. Lawrence" nicht nur den Soundtrack, hauptsächlich ein Orchesterwerk, er spielte an der Seite von David Bowie auch eine der Hauptrollen. Mit dieser Filmmusik etablierte er sich endgültig als bedeutender zeitgenössischer Komponist. Bernado Bertolucci fand in Sakamoto sein musikalisches Alter Ego. Sakamotos Musik bildet das kongeniale Pendant zu Bertoluccis opulenter Bildersprache in seinem filmischen Meisterwerk von 1987 "Der letzte Kaiser". Auf der Strecke blieb dabei das YMO.

Die Liste der Musiker, mit denen er seither gearbeitet hat, ist ebenso beeindruckend wie lang. Auf ihr stehen beispielsweise Madonna, Iggy Pop und Brian Wilson. Daneben schrieb er weiter Filmmusik für Bertolucci, Oliver Stone, David Lynch, die Eröffnungsmusik für die Olympiade 1992 in Barcelona, er schauspielerte, modelte, fotografierte - kurzum, er ist Jet-Setter in Sachen Kultur.

Doch nun: Aus - Stop - Retour. Zurück ans Klavier, zurück zur Basis. "BTTB" ist das erste Klavieralbum Sakamotos. Er möchte es gleichermaßen als Hommage an die ihn beeinflussenden, namentlich genannten Komponisten und als ein Überwinden dieser Einflüsse verstanden wissen. In Japan, wo das Album bereits vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, war "BTTB" ein Erfolg ohnegleichen. Mit der Singleauskopplung "Energy Flow" führte Sakamoto gar acht Wochen lang die dortigen Single Charts an. In Japan war er damit der älteste Musiker, der je eine Nr. 1 in den Single-Charts hatte.

Ryuichi Sakamoto wird am 1.2. in München (Muffathalle), am 2.2. in Berlin (Passionskirche) und am 7.2. in Hamburg (Musikhalle, kl. Saal) live mit einem Solo-Klavierprogramm zu erleben sein.

Ryuichi Sakamoto "BTTB" Sony Classical



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