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Thees Uhlmann: Rock muss doch nicht peinlich sein!

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Tomte-Sänger Thees Uhlmann New Jersey liegt in Niedersachsen

Aber bitte mit Gefühl! Mit dem Edel-Pathos seiner Band Tomte eroberte Thees Uhlmann Studentinnenherzen im Sturm. Auf seinem Solo-Album will er jetzt den Rest der Republik mit Rock-Handwerk à la Bruce Springsteen begeistern. Warum das ganz schön schwierig wird, davon kann er ein Lied singen.

Man sitzt im Büro von Grand Hotel Van Cleef, Thees Uhlmanns eigener Plattenfirma, die er zusammen mit Marcus Wiebusch gegründet hat. Auf dem Tisch ein paar Bierflaschen, die Asche zahlloser Zigaretten wird in die Kronkorken geschnippt. Draußen das nächtliche Hamburger Schanzenviertel, der Weltkriegsbunker, in dessen Dachgeschoss der angesagte Club "Uebel & Gefährlich" residiert, wo das hippe Jungvolk am Wochenende feiert, darunter das Heiligengeistfeld, wo der Sommer-Dom gastiert, der vertraute, aber als prollig verhasste Jahrmarkt der Hansestadt.

Diese Szenerie ist Thees Uhlmanns Welt, seit er Ende der Neunziger hierher kam. Und doch ist sie nicht mehr sein Alltag. Seit ein paar Jahren lebt er in Berlin, wurde Vater, sah Beziehungen kommen und gehen - und verbrachte zuletzt viel Zeit bei seinen Eltern in dem kleinen niedersächsischen Ort Hemmoor, nicht weit von Cuxhaven an der Elbmündung. Zum Interview kam er mit dem ICE aus Berlin. Uhlmann mag Zugfahren und das Gefühl, über Land unterwegs zu sein. In seinem Internet-Blog nimmt er gerne mal die Schaffner vor dem ewigen Spott über ihr radebrechendes Englisch in Schutz. Uhlmann ist jetzt 37, und er hat beschlossen, dass sich etwas ändern muss.

Mit seiner Band Tomte hatte Uhlmann in den vergangenen zehn Jahren dem Diskurs-Rock von Tocotronic, Kante und Blumfeld eine gefühlvolle Alternative geboten und damit Studentinnenherzen im Sturm erobert. Die Grand-Hotel-Jungs - Wiebusch ist Sänger und Songschreiber der Band Kettcar - galten als Hoffnungsträger für einen nicht besonders coolen, aber unpeinlichen Rock'n'Roll mit deutschen Texten, der sich an Vorbildern wie The Smiths und Oasis orientierte. Vom Publikum geliebt, von der Popkritik skeptisch bis feindselig beäugt, war 2008 nach dem missglückten Album "Heureka" erst einmal Schluss. Und nun kehrt Uhlmann zunächst alleine zurück, mit einem Solo-Album, das er schlicht "Thees Uhlmann" genannt hat - und das den Tomte-Sänger von einer neuen, erwachseneren Seite zeigt.

"Das Tomte-Ding zu beenden, war eine riesige Zäsur", sagt Uhlmann, "wir haben das zehn Jahre lang mit der Peitsche durchs Land getrieben, so nach dem Motto: Ich geb' die härtesten Interviews, ich kenn die meisten Leute, ich bleib am längsten auf, ich trink die meisten Biere. Alles, um zu sagen: Wenn du dich für Rock mit deutschen Texten interessierst, sind wir der real deal. Davon waren die Leute am Ende zu Recht genervt. Aber wenn du eine Teenagerband aus Nordniedersachsen bist und nie eine große Plattenfirma im Rücken hattest, kannst du das nicht anders machen, dann musst du dich selbst erfinden." Nur durch diese Härte, sagt Uhlmann, habe er überhaupt so lange durchgehalten. "Aber das ist auf die Dauer anstrengend, das wollte ich nicht mehr. Ich wollte nicht mehr Thees Uhlmann von Tomte sein."

Stattdessen ist er jetzt erst einmal Thees Uhlmann, der sich auf dem Cover seines Albums kokett in Springsteen-Rockerpose zeigt und seiner Vergangenheit die Kehrseite präsentiert, der nicht mehr vorrangig über sich selbst singt, sondern Geschichten über andere Menschen erzählt. Über das "Mädchen von Kasse 2" zum Beispiel, das jeden Tag und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit zur selben Zeit im Bus sitzt. "So etwas wäre mit Tomte nicht möglich gewesen", sagt Uhlmann.

Nachdenken über das, was im Leben wichtig ist

Vieles auf dem Album handelt auch von innerer Einkehr und dem Rückzug in die alte Heimat, die den Sänger in den letzten Monaten beschäftigt hat. Lieder wie "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf", "Lat: 53.7 Lon: 9.11667" oder "Die Toten auf dem Rücksitz" zeugen vom Nachdenken über das, was wichtig ist im Leben, und dieses Nachdenken beginnt nun mal oft damit, sich darauf zu besinnen, wo man herkommt.

Vom Land also, von einfachen Leuten, aus dem deutschen "Herzland". Das Album ist wuchtig produziert, "mehr Rock'n'Roll, mehr Classic Rock" als Tomte, wie Uhlmann sagt, der nichts dagegen hat, wenn man seinen Solo-Versuch in die Nähe amerikanischer Heartland-Rocker wie John Mellencamp oder eben Bruce Springsteen rückt. Springsteens Smash-Hit "Dancing in the Dark" wird in einem der neuen Songs sogar zitiert - für Uhlmann haben Niedersachsen und New Jersey viel gemeinsam.

Dass er mit der Übersetzung amerikanischer Rock-Romantik ein Risiko eingeht, ist dem Pop-Veteranen bewusst. Für kurze Zeit trug er sich sogar mit dem Gedanken, als Solo-Künstler bei einer großen Plattenfirma in Berlin anzuheuern, entschloss sich aber doch, seinem eigenen Label treu zu bleiben: "Letztlich sehe ich mich nicht zwischen Jan Delay, Culcha Candela und Sido. Ich wünsch denen alles Gute, aber ich bin nicht Teil von deren Gang, da verkrampfe ich."

"Ich laufe diesem unpeinlichen Rock-Moment hinterher"

Und warum? Weil in Uhlmann, dieser "grölenden Birke" (jetzt.de), ein Rock'n'Roll-Herz schlägt. Er habe sich nie als Künstler verstanden, sondern als Arbeiter. "Bei dem, was ich mache, bin ich prinzipiell unreflektiert, aber ich habe immer versucht, dieses Amerikanische, dieses Weltumarmende, was in Deutschland ja das Kleine, Klaustrophobische ist, zu übersetzen." Seine Verantwortung als Musiker sieht Uhlmann darin, zu versuchen, "alles daran zu setzen, mit meinen Songs das Leben erträglicher und begreiflicher zu machen. Seit ich 16 bin, habe ich Rock'n'Roll-Fragen gestellt - und Rock'n'Roll hat mir geantwortet."

Dieser "emotionale Absolutismus", wie es ein Kritiker nannte, irritiert immer wieder im Umgang mit Thees Uhlmann, der sich auch nach fast 20 Jahren im Rockgeschäft jedem Zynismus verweigert. "Ich laufe diesem unpeinlichen Rock-Moment hinterher: 'Sexy, was hast du bloß aus diesem Mann gemacht', das ist peinlich und unangenehm. Aber 'Because the Night Belongs to Lovers', ist es nicht", erklärt er. Westernhagen und Springsteen - die beiden Leuchttürme an den Klippen der kulturellen Kluft zwischen den USA und Deutschland. "Aber warum ist das nicht peinlich? Danach bin ich auf der Suche."

Dass er ein altmodisches Modell verfolgt, weiß Uhlmann. Er hofft nicht auf den großen Erfolg seines Albums, er nimmt's sportlich: "Man schließt da eine Wette auf sich selbst ab." Andererseits sieht er die Chance, mit seinen Geschichten aus seinem und dem deutschen Alltag ein anderes Publikum zu erreichen, als die Studenten und bürgerlichen Szenekinder der Großstadt. Vielleicht hat er sich auch deshalb darauf eingelassen, im Herbst mit seiner Solo-Band bei Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest" anzutreten - für Hamburg, die alte Heimat.

Keine Angst vor Anfeindungen und dem Vorwurf, sich vereinnahmen zu lassen? Uhlmann überlegt. "Das ist eine Sendung, wo Musik im Fernsehen gespielt wird, die sonst dort nicht läuft. Sagen wir mal so: Wir können da teilnehmen, weil wir es mit Grand Hotel Van Cleef machen." Wäre er zum Major-Label gegangen und würde bei einer solchen Kommerzveranstaltung mitmachen, wäre es schwierig mit der Glaubwürdigkeit bei den Fans, gibt er zu.

Thees Uhlmann will jetzt erst einmal "raus aus der Nische", raus aus den Großstädten, wo er sich "relativ unglücklich" fühlt, aufs Land, unter die Leute. "Man muss auch mal für den Flash leben", sagt er und lächelt. Und macht noch ein Bier auf.

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