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Afrobeat-Legende Tony Allen ist tot Wurzeln von Westafrika bis in den Weltraum

Der nigerianische Schlagzeuger Tony Allen erfand mit Fela Kuti den Afrobeat. Und danach war sein Spiel immer auch Beispiel - für die globalen Beziehungen des Pop. Jetzt ist er in Paris gestorben.
Afrobeat-Pionier Tony Allen (2015 in der Schweiz): Unverschämtes Understatement

Afrobeat-Pionier Tony Allen (2015 in der Schweiz): Unverschämtes Understatement

Foto: Ennio Leanza/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Tony Allen schon Mitte 60 war, stieg sein Stern noch einmal auf. Zuvor war sein Name vor allem Kennerinnen der Black Music und klugen Schlagzeugern ein Begriff. Aber als der englische Popmusiker Damon Albarn, ehemals Sänger von Blur, 2006 eine Super-Group namens The Good, the Bad & the Queen zusammenstellte, gerieten alle aus dem Häuschen. Im Juli 2007 trat die Band beim Jazz-Festival in Montreux vor großem Publikum auf. Da stand nun zwar der alte Paul Simonon von The Clash mit auf der Bühne und ließ seinen Bass baumeln wie ein Siebzehnjähriger.

Doch die Sensation war dieser noch um einiges ältere Schlagzeuger: Tony Allen! In dieser -  großartigen -  Band aus Snobs und Posern zuckte Allen mit keiner Wimper. Die Musik groovte wie verrückt, dabei war der Beat kaum zu hören: Hier ein Klackern auf der Snare, anderthalb Takte später ein "Klackediklack", dazwischen ein gedämpftes Zischeln auf der Hi-Hat.

Allen spielte scheinbar fast nichts an diesem Sommerabend am Genfersee. Aber sein Spiel dominierte die Band dennoch mit unverschämtem Understatement.

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Die Geschichte von Tony Oladipo Allen, 1940 in Lagos geboren, erklärt diese offene Souveränität und die Sensibilität seiner Kunst. Er hat alles gesehen, gehört, gemacht, gespielt: den Jazz, den er mit westafrikanischen Mustern und vielen anderen Stilen kombinierte, die körperlich wie gesellschaftlich erhitzte Zeit des Afrobeat in den Siebzigerjahren, die ganz harten Drogen, das Exil in Europa. Wer in einem Club in Lagos Nacht für Nacht gut zwanzig Minuten lange Nummern spielt, der lernt, seine Kraft einzuteilen. Und er lernt auch, wie man Langeweile vermeidet: locker, aber stets alert bleiben, ein entspanntes Spiel, immer auf dem Sprung. Musikalisch wie politisch.

Tony Allen arbeitete beim nigerianischen Radio, hörte US-amerikanischen Jazz und lernte in den frühen Sechzigerjahren einen Trompeter namens Fela Kuti kennen. Kuti erzählte später, Allen sei der einzige Drummer in Nigeria gewesen, der nicht nur westafrikanischen Highlife spielte, sondern auch den hart swingenden Stil von Be-Boppern wie Max Roach und Art Blakey studiert hatte. Der Begriff Afrobeat entwickelte sich aber erst, als Kuti Ende der Sechziger in Los Angeles und London mit der Bürgerrechtsbewegung in Kontakt kam. Und damit auch mit den Beats von James Brown und den Sounds des elektrifizierten Jazz von Miles Davis.

Tony Allen auf dem Glastonbury-Festival (2010): Zweites Karrierehoch dank Kollaborationen mit Damon Albarn, Air oder Jeff Mills.

Tony Allen auf dem Glastonbury-Festival (2010): Zweites Karrierehoch dank Kollaborationen mit Damon Albarn, Air oder Jeff Mills.

Foto: LEON NEAL/ AFP

Tony Allens Spiel war schon damals ein Beispiel, etwa für die komplexen Aneignungen der Pop-Musik. Er klang nie wie die funky drummer aus den USA, die streng nach Diktat spielten und immer auf der Eins einen Punkt machten. Schon gar nicht trommelte oder zimbelte Allen alles zu wie die besten Schlagzeuger von Miles, Tony Williams oder Jack DeJohnette. Allen bleibt auch ein Beweis für die Hybridität der besten Popmusik des 20. Jahrhunderts: Man kann schon von Wurzeln reden  - Jazz, Yoruba, Funk, Disco - aber am Schluss steht kein klarer Stammbaum. Es ist, als wären Allens Wurzeln einfach in der Luft weiter gewachsen, von Westafrika über Los Angeles nach Paris, und dann in den Weltraum.

Die Militanz der afrikanischen Befreiungspolitik traf in den Siebzigern auf die Hitze der Disco, als der aus den USA zurückgekehrte Fela Kuti mit seiner Band Afrika `70 im Club The Shrine auftrat. John Travolta wäre hier sofort hingefallen, denn die Beats von Drummer Tony Allen verschoben den Schlag und trieben, für westliche Ohren, allerlei Schabernack. Und doch trieb er die Menschenmasse auf der Tanzfläche in den Wahnsinn. Hedonismus allein trifft nie den Kern einer Disco, es geht meistens auch um (Körper-)Politik, in Lagos sogar noch öfter. Fela Kuti, der weit über Nigeria hinaus Berühmtheit erlangte, legte sich so lange mit den Machthabern an, bis der Club 1977 von Soldaten brutal überfallen wurde. Wenig später kam es zum Bruch zwischen Kuti und Tony Allen, der nach Paris ins Exil emigrierte.

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Allens Diskografie ist lang und divers. Viele seiner Alben tragen das Erbe des Afrobeat weiter, das auch bei dem stets zurückhaltenden Schlagzeuger ein politisch aufgeladenes bleibt. Wie schmeichelnde Vocals mit scharfem Bewusstsein zusammen gehen, zeigte Allen selbst vereinzelt auch als Sänger, etwa auf dem tollen Album "Film Of Life" von 2014. Da war er schon längst in seiner zweiten Karriere unterwegs. Nicht nur das Pop-Duo Air oder die Sängerin und Schauspielerin Charlotte Gainsbourg wurden in Paris auf ihn aufmerksam, auch der Techno-Pionier Jeff Mills aus Detroit arbeitete daraufhin mit Allen zusammen. Der Berliner Moritz von Oswald verpflichtete ihn für sein Trio zwischen Improvisation und Techno.

Gegen Ende seines Lebens zollte Tony Allen dann noch einmal seinen frühen Prägungen Tribut, vor allem dem Jazzschlagzeuger Art Blakey. Vor zwei Jahren erst tourte Allen mit einem Hommage-Programm und gastierte auch in Berlin. Blakey war ein lauter und dominanter Drummer, Allen stets ein leiser. Verrückt, diesen Spagat zu sehen und zu erleben: Allen benutzte öfter die Rides, die großen Becken, tatsächlich schlug er auch etwas kräftiger, zumindest ein bisschen. Die Spannung setzte sich bis ins Publikum fort:  Im vollen Haus der Kulturen der Welt saßen viele, die eine Afrobeat-Legende sehen wollten, die ihnen nun zeigte, woher sie auch noch kommt, vom Jazz eben.

Man kann Tony Allens Alben. die mit Fela Kuti ebenso wie alle anderen danach, auf mindestens zwei Arten hören. Entweder als Mikrospiel, als ständiger Wandel zwischen den Taktgrenzen, die sich nur scheinbar auflösen. Oder als sublimen Tanzbefehl. Selbst Kinder bewegen sich sofort, wenn Tony Allen ins Wohnzimmer klackert und zischelt. Jetzt ist er in Paris im Alter von 79 Jahren gestorben. Uns bleibt sein musikalischer Puls, und die Pausen dazwischen.

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