Produzent Tony Visconti "Glaube fest daran, dass jede Generation einen Bowie zu bieten hat"

Auf dem Reeperbahn-Festival sucht Musikproduzent Tony Visconti nach neuen Ausnahmekünstlern. Hier erzählt er von seiner Arbeit mit David Bowie und über die Rolle von Popmusik in politisch bewegter Zeit.
Produzent Visconti, l., im Studio (mit Sound-Engineer Freddy Hansson, 1972): Arbeiten für T. Rex und David Bowie

Produzent Visconti, l., im Studio (mit Sound-Engineer Freddy Hansson, 1972): Arbeiten für T. Rex und David Bowie

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Zur Person
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Tony Visconti, 1944 in Brooklyn, New York, geboren, ist einer der einflussreichsten Rockmusik-Produzenten des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten ist seine über vier Jahrzehnte dauernde Arbeit mit David Bowie an Alben wie "The Man Who Sold The World", "Low", "Heroes", "Scary Monsters", "Heathen" und, zuletzt, "Blackstar". Visconti arbeitete auch wiederholt mit T.Rex, Thin Lizzy, den Boomtown Rats und den Moody Blues. Visconti ist auch selbst Musiker und schreibt zurzeit an einem eigenen Album.

SPIEGEL: Herr Visconti, bei Twitter steht unter ihrem Foto: "I'm still alive" - ich bin immer noch am Leben. Erstaunt Sie das manchmal?

Visconti: Das tut es tatsächlich. Ich habe lange den sogenannten Rock'n'Roll-Lifestyle zelebriert, aber mit 55 war dann Schluss. Ich begriff, dass es keinen Sinn hat, mich dauernd zu betrinken und Kokain zu nehmen. Jetzt bin ich 75 und fühle mich bestens, weil ich mich gut ernähre und jeden Tag Tai-Chi praktiziere.

SPIEGEL: Sie sind als Produzent immer noch sehr begehrt. Können Sie eigentlich mit Künstlern arbeiten, deren Musik Ihnen nicht gefällt?

Visconti: Ich möchte nicht mit Musikern arbeiten, deren Musik ich nicht ausstehen kann. Das würde mich krank machen. Ich sehne mich nach individuellen Talenten und suche nach Rebellen und Außenseitern. Es gibt nur einen David Bowie. Aber ich glaube fest daran, dass jede Generation einen Bowie zu bieten hat. Er wartet nur darauf, entdeckt zu werden.

SPIEGEL: Sie stehen in diesem Jahr erneut der Jury des Anchor Awards beim Hamburger Reeperbahn Festival vor, wo genau solche Nachwuchskräfte gesucht werden. Wie oft bekommen Sie ein wirklich außergewöhnliches Talent zu hören?

Visconti: Das kommt schon vor. Ich mache das in Hamburg seit 2016, und gleich im ersten Jahr war eine hochbegabte junge Frau dabei, die am Ende leider nur auf dem zweiten Platz gelandet ist: Holly Macve. Mit ihr werde ich nächste Woche endlich ins Studio gehen. Zuletzt habe ich noch jemanden beim Reeperbahn Festival entdeckt, den ich produzieren will, aber darüber muss ich noch schweigen.

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David Bowie: Sein Leben in Bildern

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SPIEGEL: Mit der Band "Holy Holy" führen Sie und andere Wegbegleiter alte Songs von David Bowie auf. Ist es nicht gruselig, seine Musik nach seinem Tod aufzuwärmen?

Visconti: Es ist sehr seltsam, ja. Wenn ich auf der Bühne stehe und diese Songs spiele, habe ich manchmal das Gefühl, dass David mich dabei beobachtet. Aber, um es klarzustellen: David war noch am Leben, als wir mit diesem Projekt begannen. Er fragte mich noch, warum ich das tun würde. Ich erwiderte, dass wir das Album "The Man Who Sold The World" niemals live aufgeführt haben. Er war verblüfft und sagte: Stimmt, zu dem Album gab es keine Tour. Später zeigte ich David ein Video von unserer Show und er war begeistert.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie es damals ablehnten, Bowies "Space Oddity" zu produzieren, weil Sie den Song nicht mochten?

Visconti: Korrekt, ich konnte ihn nicht ausstehen. Wir arbeiteten damals an seinem Album, das dann auch "Space Oddity" heißen sollte. Die Songs waren alle bereits geschrieben, und ich war ein junger, unreifer Plattenproduzent. In allerletzter Minute schrieb Bowie dann noch den Song "Space Oddity". Als er damit ankam, sagte ich zu ihm: David! Der passt nicht zu den anderen Songs und gehört nicht auf das Album. Er stimmte mir sogar zu, meinte aber, dass die Plattenfirma darauf bestehen würde, den Song aufs Album zu nehmen. Ich blieb dabei, dass ich trotzdem nichts damit anfangen könne. Letztlich bat ich meinen Kumpel Gus Dudgeon, der Bowie immer geliebt hatte, sich darum zu kümmern. Er hielt mich für komplett übergeschnappt und nahm den Job dankend an.

SPIEGEL: Und das haben Sie nie bereut?

Musiker Bowie: Nachlasspläne detailliert im Testament festgehalten

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Visconti: Doch, natürlich! Nachdem ich die erste Aufnahme gehört hatte, wurde mir bewusst, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Seitdem habe ich "Space Oddity" wohl zehn Mal geremixt. Erst kürzlich gerade wieder, für eine neue Bowie-Box.

SPIEGEL: Seit seinem Tod wird ständig Neues aus seinem Archiv veröffentlicht: Picture Discs, Live-Alben, CD- und Vinyl-Boxen und so weiter: Rotiert Bowie nicht längst im Grab?

Visconti: Nein, das ist alles noch von ihm geplant worden und hat seinen Segen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass in den Archiven so einiges schlummert, das er nicht veröffentlicht wissen will, weil er es nicht mochte. Alles, was jetzt herauskommt, fand er gut. Ungefähr einen Monat vor seinem Tod ist ihm klar geworden, dass es endgültig mit ihm zu Ende geht. Also begann er, seinen Nachlass zu regeln. Seine Pläne hat er detailliert in seinem Testament festgehalten. Und an den meisten Projekten bin ich beteiligt.

SPIEGEL: Sie haben einmal erzählt, dass David Bowie in seinem letzten Gespräch mit Ihnen von fünf Songs sprach, an denen er gerade arbeitete. Was wurde aus ihnen?

Visconti: Das sind Songs, die er nicht mehr eingesungen hat, rohe Demos. Ob sie jemals veröffentlicht werden, kann ich nicht sagen. Ich glaube es eher nicht.

SPIEGEL: Ihr liebstes Visconti-Album von David Bowie ist welches?

Visconti: "Scary Monsters"! Ein Album, auf das wir beide besonders stolz waren. David und ich nannten es unser "Sgt. Pepper's". Für uns beide bedeutete es einen Wendepunkt in unserer Karriere. Für David will ich nicht sprechen, aber ich fühlte mich erst danach wie ein richtiger Plattenproduzent.

SPIEGEL: Sie haben mit vielen Größen der Musikgeschichte gearbeitet. Wie schwierig ist es, jemandem wie Paul McCartney zu sagen, dass etwas nicht so toll war?

Paul McCartney 2012 im Buckingham Palace: Man sagt nicht "Nein" zu einem Beatle

Paul McCartney 2012 im Buckingham Palace: Man sagt nicht "Nein" zu einem Beatle

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Visconti: Ach, wir hatten eine tolle Zeit im Studio. Nach der Arbeit an dem Wings-Album "Band On The Run" bat McCartney mich, ein Album seines jüngeren Bruders Mike McGear zu produzieren. Aber ich musste ablehnen, da ich bereits einen anderen Job zugesagt hatte. Ich schlug vor, dass sein Bruder wartet, bis ich fertig bin. Auch für Paul McCartney hätte ich das andere Projekt nicht abgesagt. Er war tatsächlich beleidigt, dass ich ihn vertröstete. Man sagt eben nicht "Nein" zu einem Beatle, das war meine Sünde. Wir haben dann nie mehr zusammengearbeitet, laufen uns aber oft über den Weg und sind immer sehr freundlich zueinander.

SPIEGEL: Sie haben auch mit Morrissey gearbeitet, der immer wieder mit kontroversen Aussagen für Aufsehen sorgt. Ändert es für Sie etwas, wenn ein potenzieller Klient sich politisch fragwürdig positioniert?

Visconti: Ich habe Morrissey sehr lange nicht mehr gesehen und werde wohl auch nicht wieder mit ihm arbeiten. Aber wenn ich rechtsradikale, rassistische Tendenzen bei einem Künstler wahrnehme, kann ich nicht mit ihm arbeiten. In diesen Zeiten ist es besonders wichtig geworden, genau darauf zu achten, mit wem man sich einlässt.

SPIEGEL: War das früher weniger wichtig?

Visconti: In der sogenannten guten alten Zeit galt als Motto eher "Leben und leben lassen". Aber damals kannte ich auch tatsächlich nur Leute mit mehr oder weniger linken Haltungen. Menschen mit rechten Gesinnungen schienen mir sehr weit weg, im tiefen Süden der USA oder so. In den Siebzigern verbrachte ich die meiste Zeit in England, wo alle ein wenig verrückt und sehr liberal schienen. Vermutlich hatten einige auch seltsame politische Neigungen, aber das bekam ich nicht mit. Damals bin ich noch nicht mal zur Wahl gegangen. Ich hielt es für sinnlos.

SPIEGEL: Warum?

Visconti: Weil ich alle Politiker für korrupt hielt. Bob Dylan hat mal gesagt: "Es ist egal, wen immer ihr wählt: Die Regierung macht ohnehin, was sie will." Daran habe ich mich über Jahrzehnte hinweg gehalten. Aber heute, in dieser Ära der extremen Haltungen, ist es enorm wichtig, sich einzubringen und wählen zu gehen. Wir dürfen die Welt nicht den Rassisten überlassen.

SPIEGEL: Spielt Popmusik in solchen Zeiten eine wichtigere Rolle?

Visconti: Absolut. Die Protestbewegung der Sechziger wurde auch von Musik vorangetrieben. Und solche Musik bräuchten wir wieder! Unabhängig davon müssen wir einander einfach mehr helfen: Wann immer ich einen Obdachlosen sehe, denke ich mir, dass ich so auch hätte enden können, wenn ich meinen Kokain- und Alkoholkonsum nicht in den Griff bekommen hätte. Meine Arbeit hat mich letztlich gerettet.

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